„Unsere Stärke liegt in der Mobilität ‑ wir können in jede Ecke, in jede Siedlung, in jede Nische hinein.“

Onur Bakış im Gespräch mit Dilara Akarçeşme

Was sind deiner Meinung nach Unterschiede zwischen Stadt und Land Salzburg?

Wir haben verschiedene Projekte im Land Salzburg gemacht. Wir haben gemerkt, dass in der Stadt Salzburg die Kulturen einerseits sehr vermischt sind, es andererseits aber auch Kulturen gibt, die untereinander bleiben. Man kann Parallelgesellschaften sagen. Am Land Salzburg ist es zum Beispiel in St. Johann im Pongau so, dass sich verschiedene Kulturen schon sehr an die dominante Kultur angepasst haben. Ich kann es so erklären: Wenn Sepp und Maria plötzlich Künstler aus verschiedenen Kulturen sehen, wundern sie sich extrem, weil sie das dort noch nie gesehen haben. Wenn wir dorthin gehen, dann können sich Leute aus unseren Kulturen, seien es jetzt Araber oder Asiaten oder wer auch immer, mit uns assoziieren und sagen: „Euch gibt es auch. Ihr macht etwas mit Hip-Hop-Kunst und -Kultur. Oder ihr macht überhaupt irgendetwas, cool.“ Diese Kulturen sind natürlich auch angepasster und fallen nicht so stark auf wie die Parallelgesellschaften in der Stadt Salzburg. Manchmal muss ich mich dann ganz lustig rechtfertigen. Sepp und Maria sagen dann: „A jo du tonzt oder wos? Wer bist ‘n du? Bist du a Türke und du konnst tonzn?“ „Ja, natürlich. So etwas gibt es auf der ganzen Welt. Und ganz neu jetzt auch im Land Salzburg.“ (Lacht) Irgendwo ist es traurig, dass es da noch nichts am Land gibt. Man denkt sich: „Land Salzburg. Was soll ich da im tiefsten Pinzgau oder Pongau? Was soll ich in Ebenau oder Altenmarkt im Pongau? Da wohnen doch nur ein paar Menschen.“ Aber politische Abbildungen oder gesellschaftliche Veränderungen merkt man besonders am Land Salzburg. Es braucht einfach mehr am Land. Im Flachgau wurde uns zum Beispiel ein Riesenprojekt, Wahre Landschaft, genehmigt. Im Pongau wurde uns auch etwas genehmigt. Das heißt, die Landesregierung sieht schon, dass wir etwas machen wollen und dass etwas gemacht werden muss, aber es braucht viel mehr.

Kannst du uns von einem Projekt am Land erzählen?

Ja. Eines war in St. Johann im Pongau. Wandel hieß das Projekt, denn die Gesellschaft hat sich seit dem Jahr 2015 sehr stark gewandelt, kulturell wie gesellschaftlich. Wir dachten uns, dass wir Schuhplattler, Breakdancer und Flüchtlinge, also wirklich viele verschiedene Bereiche, miteinander verbinden. Für uns war das eine Videodokumentation. Wir haben sie mit verschiedenen Organisationen erstellt und im Dieselkino in St. Johann präsentiert. Dort durften die Schüler der Volksschule Neue Heimat in Bischofshofen zum ersten Mal im Kino auftreten. Die Eltern waren auch im Kinosaal. Die Flüchtlinge waren auch dort. In der Dokumentation waren die Kinder. Danach wurde eine Funkband in das Flüchtlingsheim eingeladen. Die Leute haben dort plötzlich getanzt, obwohl einige noch nie in ihrem Leben Funk-Musik gehört haben und es darüber hinaus Fastenzeit war. Das heißt, einige haben gefastet und trotzdem mitgetanzt. Eine Funkband im Flüchtlingsheim ist total crossover. So sehen wir die Erfolge. Wenn wir diese schwierigen Sachen schaffen, sehen wir enorm positive Resultate. Im Kinosaal waren zum Beispiel Flüchtlinge, ihre Betreuer, die Kinder, ihre Eltern, die verschiedenen Künstler, auch lokale, wir als Team und völlig unbekannte Gesichter, die mit dieser Dokumentation nichts zu tun hatten. Wir haben uns gemeinsam hingesetzt, gelacht und auch nachgedacht. Es sind auch traurige Sachen erzählt worden. Durch dieses Video, durch bewegte Bilder haben wir verschiedene Menschen und Kulturen zusammengebracht. Das war für alle erstaunlich und einige sind auch zu uns gekommen und haben gefragt: „Wie schafft ihr das?“ Es gab viele Überraschungen, Überraschungskünstler, Gäste, Kulturen und Kunstformen, die eine ganz neue Sichtweise geschaffen haben. Es war super!

Dilara Akarçeşme, Onur Bakış (2019): „Unsere Stärke liegt in der Mobilität ‑ wir können in jede Ecke, in jede Siedlung, in jede Nische hinein.“. Onur Bakış im Gespräch mit Dilara Akarçeşme. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/unsere-staerke-liegt-in-der-mobilitaet-%e2%80%91-wir-koennen-in-jede-ecke-in-jede-siedlung-in-jede-nische-hinein/