„Unsere Stärke liegt in der Mobilität ‑ wir können in jede Ecke, in jede Siedlung, in jede Nische hinein.“

Onur Bakış im Gespräch mit Dilara Akarçeşme

Es ist also hauptsächlich das Geld.

Genau. Es geht ja auch um die Eltern und gesellschaftliche Probleme, die Kunst und Kultur verhindern. Aber Hip-Hop-Kultur entsteht ja auf der Straße und soll dort entstehen, wo viel Freizeit herrscht und man nicht für Gymnasium oder Uni lernen muss. Wenn man in einer Siedlung ist, wo viel herumprobiert wird und auch herumprobiert werden darf, dann macht man das. Aber diese Siedlungen bergen auch viele negative Seiten, das heißt Konsum von Rauschgift, Schmierereien in der Siedlung oder Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen, weil man einfach den Frust so rauslässt. So bleibt eigentlich nur ein Minimalteil für Kunst und Kultur über.

Was muss geschehen, damit alle an Kunst und Kultur teilhaben können?

Es müssen Freiräume geschaffen werden, zu denen Nachwuchskünstler Zugang haben. Ich sehe verschiedene Kulturräume in Salzburg, die leer stehen. Aber wenn man dort vorbeigeht und sieht, dass es leer steht, versteht man nicht warum. Dann gibt es eben bestimmte Kulturräume in Salzburg, die man anmieten kann. Die kosten in der Stunde zehn bis zwanzig Euro oder mehr. So bleiben eigentlich nur die Jugendzentren über, die ein wenig Raum haben und wo sich die Jugend auch frei bewegen kann. Wir haben uns als Profikünstlergruppe aus einem Jugendzentrum heraus etabliert. Das heißt, wir haben einmalig die Möglichkeit bekommen: „Hier hast du den Schlüssel und mach was daraus.“ So haben wir einen freien Raum für uns selbst bekommen, den wir nach den Öffnungszeiten nutzen konnten. Der Raum, sich zu entwickeln, existiert aber nicht überall. Es muss immer alles bezahlt werden, weil einfach die Grundkosten gedeckt werden müssen. Irgendwann endet alles im Finanziellen. Deshalb sind die Kids in der Siedlung auf der Straße, entdecken eine Bank und beschmieren sie, um ihr Revier zu markieren. Aber wenn es regnet, sind sie wieder zu Hause. Im Wohn- oder Kinderzimmer kann man keine Kultur leben. Man kann sie am Handy medial konsumieren, aber nicht leben. Wir brauchen Freiräume für die Nachwuchskünstler, damit sie Kultur auch leben können.

Was sind deine Visionen und Wünsche für kulturelle Teilhabe in Salzburg?

Perfekt wäre es für mich vor einem oder zwei Jahren fast geworden. Ich habe damals Stadt und Land Salzburg gebeten, mir doch ein bisschen Budget zu geben, damit ich mich als Künstler bezahlen, den Verein verwalten und die Personalkosten decken kann. So hätte ich eine Basis, denn ich mache das schon seit über zehn Jahren. Das wurde mir leider nicht genehmigt. Ich wollte ein Kulturzentrum in der Stadt Salzburg gründen. Daraus wurde leider auch nichts, weil ich einfach müde wurde, mit der Politik zu kämpfen. Hip-Hop-Kultur ist keine Kultur, die sich in Salzburg verkaufen lässt. Dann wäre es auch nicht mehr Kultur, sondern einfach Konsum. Das wollen wir nicht, denn dann würden wir das nicht leben, was wir leben sollten. Für uns wird es aber immer unverständlich sein, warum ein Künstler für eine Ausstellung oder ein Projekt eine Riesensumme bekommt, nur weil er das einfach auf dem Papier theoretisch gut rechtfertigen kann.

Die Hip-Hop-Kultur schafft das nicht, weil sie sich in dieser Form nicht artikulieren kann. Deswegen habe ich immer noch die Vision, dass die Stadt den Verein mit einer Grundbasis fördert, sodass ich nur noch 20 Stunden Lohnarbeit nachgehe und 20 bis 40 Stunden der Hip-Hop-Kultur widmen kann, die ich liebe. Es werden immer Häuser finanziert, die Fixgebäude sind, die stehen und eben bespielt werden. Unsere Stärke liegt jedoch in der Mobilität. Wir können in jede Ecke, in jede Siedlung, in jede Nische hinein. Das wäre doch etwas Innovatives!

Danke für das Interview!

Dilara Akarçeşme, Onur Bakış (2019): „Unsere Stärke liegt in der Mobilität ‑ wir können in jede Ecke, in jede Siedlung, in jede Nische hinein.“. Onur Bakış im Gespräch mit Dilara Akarçeşme. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/unsere-staerke-liegt-in-der-mobilitaet-%e2%80%91-wir-koennen-in-jede-ecke-in-jede-siedlung-in-jede-nische-hinein/