Vielstimmigkeit und Prozessorientierung in der Vermittlungsarbeit

Ein Interview von Elke Zobl mit Elke Smodics

Die Möglichkeiten der Teilhabe haben auch immer mit Ausschlüssen zu tun. Wer adressiert wen und wie? Da würde mich noch interessieren, wie sich das bei euch in der Sprache, der konkreten Gestaltung und auch den Vermittlungsmaterialien niederschlägt. Wie arbeitet ihr damit?

Vor acht Jahren hatten wir einen Auftrag: In Simmering hat die neue Stadtbibliothek eröffnet. Gleichzeitig gab es eine Zentralisierung von Musikschule und Volkshochschule. Wir sind beauftragt worden, eine Vermittlungsveranstaltung zu machen. „Alle, alle, alle“ war das Thema. Es waren ja auch drei Bildungsinitiativen, die angesprochen werden sollten. Es sollte nicht auf das Bildungsbürgertum zugeschnitten sein, sondern es sollte eine Öffnung für viele sein. Da ist dann die Frage entstanden: Was heißt alle? Diese Frage begleitet uns von dem Zeitpunkt an. Das ist auch ein Slogan, den wir auf unsere Gimmicks und Give-aways schreiben. Es ist eigentlich die zentrale Frage, die zu Beginn jedes Projektes steht. Die Herausforderung besteht darin, nicht zielgruppenspezifisch zu denken. Die andere Seite ist uns auch bewusst. Die Frage ist nicht, wen wir ausschließen, weil uns ja bewusst ist, dass wir ausschließen. Die Frage ist, wo die blinden Flecken sind, dass es zu diesen Ausschlüssen kommt. Es geht um die Blickrichtung und Perspektive, wo die Mechanismen dieses Außens sind. Diese Grenzen, die ein Außen hervorruft, nimmt man eher in den Blick und bearbeitet sie.

Kannst du das mit einem konkreten Beispiel illustrieren? Zum Beispiel die Änderung der Blickrichtung oder andere Zugangsweisen zu wählen.

Wir sind immer in Prozessen. Wir sind ja in einer postmigrantischen Gesellschaft. Ich bringe europäisches, weißes, bürgerliches, universitäres, intellektuelles, linkes Wissen mit und arbeite mit jungen Menschen zusammen, die von überall herkommen, wie jetzt auch mit Geflüchteten. Für mich ist es ein Lern- und Verlernprozess. Es ist ein Herantasten, wie auch jetzt mit den Squad of Queer Artists. Die sind künstlerisch tätig und wenden in ihrem künstlerischen Schaffen und ihrer Artikulation Stile und Techniken an, wo mein Rezeptionsverfahren klar in der westlichen Kunstgeschichte verortet ist. Das rezipiert man dann auch so und sieht das auch so, weil das mein Vokabular ist. Jetzt geht es darum, mein Vokabular zu erweitern und auch die Offenheit zu haben, es zu erweitern, zu lernen und Gespräche zu initiieren. Es ist ein langsames Herantasten und ein gegenseitiges Kennenlernen. Es geht auch darum, meine Dominanz zu verlernen. Die Geflüchteten spiegeln das extrem, weil sie dich immer wieder durch ihre Dankbarkeit in Verlegenheit bringen. Jede Tätigkeit, die ich mache, wird mit einer unglaublichen Dankbarkeit beantwortet und das ist eigentlich schlimm. Sie spiegeln mir etwas damit. Wie interveniere ich in so eine Perspektive, die klar auch durch die Politik hervorgerufen wird? Es stellt sich die Frage, wie diesen paternalistischen Vorannahmen entgegen zu wirken. Jedes Projekt ist Beziehungsarbeit, somit ambivalent ‑wie der Partizipationsbegriff. Es gibt natürlich Machtverhältnisse und Manipulationen.

Kommen wir zur nächsten Frage, die da ganz gut anschließt: Welche Bedeutung oder Konsequenzen hat die inhaltliche Rahmung, dass wir das jetzt Kunst nennen oder dass im Kontext der Kunst die Vermittlung stattfindet? Schränkt das in gewissen Kontexten ein? Öffnet das etwas? Welche Bedeutung hat das Etikett Kunst? Sollten wir einen anderen Begriff verwenden?

Nein. Ich denke, dass man es nur präzisieren muss. Kunst ist auch sehr normierten Vorstellungen unterworfen. Kunst wird an sich politisch nicht wahrgenommen. Künstler*innen werden mit unglaublichen Stereotypen und einer stereotypen Wahrnehmung behaftet. Das tut teilweise schon richtig weh. Wir verhandeln mit einer Kunst, die gesellschaftskritisch ist und künstlerische Praktiken und Strategien verwendet, die mit zeitgenössischen Medien in Verbindung stehen. Das sind politische Künstler*innen, die in Öffentlichkeiten intervenieren, die Medienkunst machen, ohnehin in Kontakt mit der Außenwelt sind und in diese nicht nur intervenieren, sondern auch Gegenbilder produzieren. Ich halte das für unsere Wissensproduktion für sehr relevant und es hat für mich einen hohen Stellenwert. Ohne das würden wir gar keine visionären Vorstellungen entwickeln können.

Da wäre jetzt abschließend die Frage: Welche Forderungen, Ideen und Vorschläge hättest du an die Kulturpolitik?

Das ist jetzt nicht dein Ernst (lacht).

Das ist jetzt mein Ernst (lacht). Vielleicht hast du ein, zwei Forderungen …

Bildung möglich machen und nicht einschränken, Fördermittel nicht kappen, Bildungsinitiativen wie LEFÖ und maiz fördern, die sich an der Schnittstelle kritischer Wissensproduktion und kultureller Praxis befinden, Mittel zur Verfügung stellen und die Leute weitermachen lassen. Wir werden zurückversetzt in Jahre, wo wir schon längst waren. Man sollte diese Errungenschaften nicht zerstören, sondern auf das stolz sein und weiter visionär in die Zukunft gehen, was Wissensproduktion bedeutet. Abschließend muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich mittlerweile erschrecke und nicht weiß, wie lange ich dieses Konzept des Voneinander-Lernens im Rahmen der Partizipation noch machen möchte. Ich möchte mich jedenfalls nicht mit rechten Ideologien auseinandersetzen. Das wird ein Problem sein. Also eine Notbremse ziehen und scharf nach links abbiegen (lacht). Das wäre mein Wunsch.

Danke für das Interview!

Elke Zobl, Elke Smodics (2019): Vielstimmigkeit und Prozessorientierung in der Vermittlungsarbeit. Ein Interview von Elke Zobl mit Elke Smodics. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/vielstimmigkeit-und-prozessorientierung-in-der-vermittlungsarbeit/