Von der Kunst die Kunst zu ergründen

Artikel von Jana Winkelmayer, Forschungsberichte von Agnes Amminger, Frederik Friesenegger, Amina Haider, Eva Kraxberger, Nora Moritz / Viktoriia Nasibullina, Renate Oberbeck, Sebastian Redlich, Erik Schneider, Manuela Seethaler / Günther Jäger, Christina Tosoni, Judith Rafaele Waizenegger, Clara Widerin – Studierende der praxisorientierten Lehrveranstaltung „Die Ausstellung verhandeln“ – Lehrende Luise Reitstätter

Ansonsten stellt sich bei der Raumgestaltung die Frage, inwiefern die ausgestellten Werke eine weitere Erklärung benötigen. Im Rahmen einer Textanalyse hat Christina Tosoni untersucht, ob das minimalistische Ausstellungskonzept, bei dem fast vollkommen auf Beschreibungstexte verzichtet wurde, Rückschlüsse auf die Intention der gesamten Ausstellung zulässt. Sie erkennt zwei verbindende Leitlinien der Ausstellung: Politische Fragestellungen und die architektonischen Elemente bei der Beschreibung der Atmosphäre der Arbeiten. Die Installation Kafkanistan von Lukas Birk fällt, bildlich wie textlich, aus der vorwiegend reduzierten architektonischen Ästhetik heraus. Ganz allgemein schienen Betrachter und Betrachterinnen im Verständnis der Ausstellung eher auf sich alleine gestellt zu sein. Die wenigen Texte geben zwar einen guten Überblick über die Biographie und das Werk der Künstler und Künstlerinnen, könnten jedoch um ein verbindendes Element ergänzt werden, das die inhaltlichen Stränge der Ausstellung zusammenführt.

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Installationsansicht „Kafkanistan“ von Lukas Birk, Foto Clara Widerin

Dass die Installation Kafkanistan von Lukas Birk heraussticht, hat auch Amina Haider bemerkt und ihre Forschung gleich komplett auf diesen Bereich der Ausstellung konzentriert. Durch teilnehmende Beobachtung gelang es ihr herauszuarbeiten, dass die meisten Besucher und Besucherinnen, überwältigt durch das breite Angebot, nur einzelne Exponate näher betrachteten und es so zu „heißen“ und „kalten“ Zonen in der Installation kam. Während die Zone mit den meisten Videos am häufigsten besucht wurde, entpuppten sich die Steine am Boden (als Sinnbild der Gefahr von Minen) als wahre Stolpersteine und führten dazu, dass dieser Bereich gemieden wurde. Auffallend zeigt sich auch die sehr variable Verweildauer in der Installation. Während die kürzeste nur 19 Sekunden betrug, bezifferte sich die längste auf 23:06 Minuten und die durchschnittliche Anwesenheit im Raum ergab ca. sechs Minuten. Außerdem wurden geschlechtsspezifische Unterschiede in der Nutzung der erlebbaren Elemente deutlich; Frauen fassten mehr an und gingen wahrnehmungsorientierter durch den Raum.

Doch was wäre eine Ausstellung ohne ein entsprechendes Begleitprogramm? Frederik Friesenegger hat die Kuratorenführung und die Besucherführung mit Hilfe von zwei ethnographischen Erlebnis-Protokollen einem Vergleich unterzogen. Das Ergebnis war, dass die Kuratorenführung in der Struktur deutlich flexibler ist. Das zeitliche Ende ist offen und auch die inhaltliche Gestaltung wirkt spontan und frei. Außerdem scheint es eine hierarchische Ordnung zwischen den Führungen zu geben. Dabei nimmt die Kuratorenführung als Spezialprogramm einen hohen Status ein und schafft, etwa über das Vermitteln von teils anekdotischem Hintergrundwissen, vermehrt einen persönlichen Bezug. Die gewöhnliche Besucherführung hingegen bietet eine Dienstleistung für die Besucher und Besucherinnen und dient vordergründig der „Information und Entschlüsselung der Werkinhalte“. Renate Oberbeck hat sich, darauf Bezug nehmend, mit Angeboten für Schüler und Schülerinnen beschäftigt und sich gefragt, „wie viel Hilfestellung Museumspädagogen ihrem jungen Publikum durch Vorinformation anbieten müssen, welche Schwerpunkte sie dabei zu setzen haben und ab wann sie durch interaktive Beteiligung der SchülerInnen die nachhaltigeren Ergebnisse erzielen“. Durch ihre Methode der teilnehmenden Beobachtung wurde sie überrascht, denn auch bei der Jugend standen gegenstandsbezogene und realistische Darstellungen hoch im Kurs und die Bereitschaft verborgene Botschaften zu entschlüsseln war gering. Empfanden die Jugendlichen die Arbeiten aber ästhetisch ansprechend, wie etwa die Fotografien Markus Oberndorfers vom Verschwinden des Atlantikwalls, wurden diese in Bezug auf ihre politischen Inhalte deutlich intensiver diskutiert. Besonders motiviert waren die Jugendlichen, wenn sie zur aktiven Mitarbeit, wie der Gestaltung eines Demonstrationsplakates, angeregt wurden.

(2014): Von der Kunst die Kunst zu ergründen. Artikel von Jana Winkelmayer, Forschungsberichte von Agnes Amminger, Frederik Friesenegger, Amina Haider, Eva Kraxberger, Nora Moritz / Viktoriia Nasibullina, Renate Oberbeck, Sebastian Redlich, Erik Schneider, Manuela Seethaler / Günther Jäger, Christina Tosoni, Judith Rafaele Waizenegger, Clara Widerin – Studierende der praxisorientierten Lehrveranstaltung „Die Ausstellung verhandeln“ – Lehrende Luise Reitstätter . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #04 , https://www.p-art-icipate.net/von-der-kunst-die-kunst-zu-ergrunden/