Wie Wissen produzieren und Strukturen transformieren?

Ein Interview mit Carmen Mörsch

Elke: Wir überlegen jetzt auch eine oder zwei von diesen Praktikantinnen in unseren neuen Sparkling-Science-Antrag mitzudenken, und sozusagen als Mitarbeiterinnen zu integrieren. Das wäre auch spannend, was dann passiert, wenn sie jetzt weitere ein, zwei Jahre mitarbeiten und als Mitarbeiterinnen geführt werden.

Carmen: Wenn jede Einheit der Institution das mit zwei Leuten machen würde, hätte sich die Universität ja schon sehr geöffnet. Dazu bräuchte es dann auch Begleitung im Sinne einer kritischen Freundin, weil in solchen Prozessen gibt es auch Spannungen, die sich in Machtverhältnissen ereignen. Damit umzugehen, dafür ist wiederum ein bestimmtes Wissen notwendig. Das ist auch etwas, das wir tun können, neben dem Ziel, dass es möglichst viel Freiraum gibt ‑ , nämlich zu insistieren, dass kritisches, antidiskriminatorisches Wissen relevant ist. ‑ Wissen, wie man möglichst egalitäre Verhältnisse herstellt, in denen Leute zu Wort kommen, die über andere Sprachregister als das akademische verfügen usw. Das ist in Institutionen ganz wenig vorhanden. Darauf zu insistieren, dass das wichtig ist, zählt zu unseren Handlungsmöglichkeiten.

Elke: Das Ganze steht auch in Bezug zur Transformationsidee, und zur Frage, was eine Institution verlernen muss, damit sie sich transformieren kann, sowie zur Frage, wohin sie sich transformiert.

Carmen: Das knüpft ja schon eigentlich an dem an, was wir gerade besprochen haben, und das ist sehr, sehr mühsam. Ich denke, das Verlernen auf der Ebene der tertiären Lehranstalt der Universität oder der Kunsthochschule bedeutet zum Ersten, das Curriculum zu hinterfragen, also die Lehrinhalte, die man unterrichtet, zum Zweiten die Zusammensetzung des Personals zu hinterfragen, also wie homogen oder nicht homogen ist das, und zum Dritten müsste eigentlich das Wissen über anti-diskriminatorische pädagogische Arbeit zum Grundwissen jeder Person, die dort arbeitet, gehören. Das wären für mich die drei wichtigsten Aspekte. Also Studieninhalte, Methoden und Zusammensetzung der Lehrenden. Ich denke, wenn man diese drei Aspekte umgesetzt hätte, müsste man sich überhaupt nicht um eine heterogene Studierendenschaft kümmern, denn die würde dann von allein heterogener werden.

Elke: Das sind gute und präzise Punkte. Abschließend dazu noch eine Frage, die uns sehr beschäftigt. Aufgrund der institutionellen Rahmenbedingungen und unterschiedliche Logiken und Interessenslagen seitens der Kooperationen, kommt es auch zu einer gewissen Normierung des Handelns, als Widerspruch zur kritischen Vermittlungspraxis. Hier stellt sich für uns die Frage, wie man sich von diesem normierenden Handeln emanzipieren kann ‑ von Einschränkungen, Erwartungen, Spielfeldern. Und wie man diese Widersprüche überwinden könnte, um Grenzverschiebungen hervorzurufen?

Carmen: Bei dieser Frage habe ich einen grundsätzlichen Einwand, und zwar in Form einer Gegen-Frage: Was ist Kritik? Denn wenn es diese Normierungen des Handelns nicht gäbe, wenn es diese Widerstände nicht gäbe, wenn also alle das, was man ihnen anbietet, umarmen würden, was wäre dann das Moment der Kritik? In dem Moment, wo ich mich in die Position der Kritik begebe, konfrontiere ich ja all diese Dinge ‑ die Erwartungen, die verschiedenen Interessenslagen inklusive meiner eigenen, sowie die verschiedenen Normativitäten, die da vielleicht aufeinanderprallen. Also kann ich mich auch nicht beklagen, wenn meine Provokation, die in der Herausforderung der Norm besteht, auf Widerstand stößt. Die anderen dafür zu kritisieren, dass sie sich von meiner Herausforderung herausgefordert fühlen und sich deswegen möglicherweise verweigern, erscheint mir paradox. Das einzige, was mir in solchen Fällen bleibt, ist, mich selbst zu befragen: Inwieweit war ich selbst an der Herstellung von Momenten der Lähmung und Verweigerung beteiligt? Grundsätzlich gilt: In der Position der Kritik, der gegenhegemonialen Unterbrechung, muss ich das Risiko aushalten, dass ich zuweilen wirkungslos bleibe oder wenig erreiche, sonst entleert sich die Idee der Kritik selbst.

Wir danken herzlich für das Interview!

Für die Transkription bedanken wir uns bei Dilara Akarcesme.


Carmen Mörsch: geb. 1968 Künstlerin, Kunstvermittlerin Seit 1995 Projekte, Publikationen und Forschung in der Kunstvermittlung und kulturellen Bildung. Forschungstätigkeit u.a. in Modellprojekten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (2003 – 2005) und des Landesverbandes der Kunstschulen Niedersachsen (2005 – 2007). 2006/2007 Wissenschaftliche Begleitung der Kunstvermittlung der documenta 12. 11/ 2003 – 3 / 2008 Juniorprofessorin für materielle Kultur und ihre Didaktik am Seminar materielle und visuelle Kultur des Kulturwissenschaftlichen Instituts KUNST-TEXTIL-MEDIEN der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg seit 4/2008 Leitung des Institute for Art Education der Kunsthochschule Zürich

Die grundlegenden Fragen wurden im Sparkling-Science Team „Making Art – Taking Part!“ erarbeitet (Elke Smodics, Laila Huber, Veronika Aqra).

Elke Zobl (2016): Wie Wissen produzieren und Strukturen transformieren?. Ein Interview mit Carmen Mörsch. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/wie-wissen-produzieren-und-strukturen-transformieren/