„Wir haben den Anspruch, in unserem Programm die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt abzubilden“

Eva Schmidhuber im Gespräch mit Elke Zobl

 

Im Projekt [Kulturelle Teilhabe in Salzburg] beschäftigen wir uns auch viel mit Ausschlüssen und Zugängen, die diesen entgegenwirken. Du hast jetzt zwei Beispiele erwähnt. Aber bei euch gibt es ja noch andere Aspekte, mit denen ihr Ausschlüsse praktisch verändert, etwa was Barrierefreiheit betrifft. Vielleicht kannst du noch Beispiele dazu anführen?

Um bei dem Stichwort Barrierefreiheit zu bleiben: Wir sind räumlich barrierefrei. Das heißt, unsere Räumlichkeiten lassen sich auch mit einem Rollstuhl gut erreichen. Wir haben auch einige andere Dinge gemacht, wie beispielsweise Brailleschrift im Studio und dergleichen, sodass man bei uns auch als Mensch mit eingeschränkter Sehfähigkeit oder Blindheit alleine seine Sendung machen kann. Dazu hatten wir das Projekt Ohrenblicke, in dem wir mit dem Blindenverband und anderen Einrichtungen, auch im europäischen Ausland, zusammengearbeitet haben. Wie kann man Barrieren generell abbauen? Ich glaube, es geht ganz viel darum, Offenheit zu kommunizieren. Es muss klar transportiert und möglichst vielen Menschen bewusst sein, dass die Radiofabrik allen offen steht, für jede/jeden zugänglich ist, dass man sich einbringen kann, ohne komische Blicke befürchten zu müssen, und dass bei uns immer jemand da ist, der sagt: „Hallo! Was können wir tun?“. Diese Offenheit besteht sowohl im Netz als auch darin, dass zum Beispiel unsere Bürotür immer offen ist. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass jemand, der zu uns kommt, zuerst freundlich begrüßt wird und man dann gemeinsam schaut, worum es der jeweiligen Person geht, worin ihre Idee besteht und was man für sie tun kann. Ich glaube aber auch, dass es nicht nur wichtig ist, offen zu sein, für die, die kommen, sondern auch immer wieder hinauszugehen und Menschen einzuladen. Wie bereits angesprochen: Es kommen nicht alle, sondern man muss schauen, dass man sich vernetzt und diese Vernetzungen aufrechterhält und sich immer wieder in jene Bereiche begibt, wo man das Gefühl hat, dass da von selbst nichts kommen würde.

 

Und wie macht ihr das genau?

Wir versuchen, zu Veranstaltungen zu gehen und Kontakte zu knüpfen. Die Jugendzentren sind beispielsweise bei uns präsent, in Zusammenarbeit mit ihnen machen wir direkt vor Ort Projekte mit den Jugendlichen und sie machen dann bei uns Radio. Darüber bekommen wir beispielsweise auch Zugang zu den Jugendlichen in Lehen und Liefering, was für uns sonst schwierig wäre. Da arbeiten wir intensiv mit anderen Organisationen zusammen, die in den jeweiligen Bereichen aktiv sind, sei es Kinder- und Jugendeinrichtungen oder auch Kultur- und Sozialeinrichtungen wie Lebenshilfe, Toihaus Theater oder dergleichen. Teilweise ist auch noch eine vermittelnde Organisation dazwischengeschaltet. Zum Teil arbeiten wir aber auch direkt, indem wir Leute einfach ansprechen. Viel passiert auch über virale Kommunikation, weil Leute, die bei uns Sendungen machen, natürlich einen Freundes- und Hörer*innenkreis haben, die dann sagen: „Wenn die Elisabeth eine Sendung macht, dann kann und will ich das auch tun.“ Viel passiert auch über Mundpropaganda, glaube ich. Es ist aber schon ein permanentes Dranbleiben notwendig. Ganz von selbst geht nicht so viel. Man muss auch eine relativ hohe Frustrationstoleranz entwickeln, weil es oft so ist, dass gerade die engagierteren Leute einfach viel zu tun haben: Sie haben schon fünf Ehrenämter und damit oft nicht mehr Zeit dazu und Interesse daran, noch ein sechstes anzufangen. Manche Menschen interessiert es auch einfach nicht. Das ist auch ok. Das muss ja nicht jede*r tun. Aber ich glaube, dass es schon wichtig ist, gerade jenen, die schon dabei sind, immer das Gefühl zu geben, dass es Sinn macht und wir ihr Engagement auch anerkennen. Wir versuchen auch, über Feedback und verschiedene andere Aktivitäten, den Leuten das Gefühl zu geben, eine Community zu sein. Das interessiert aber auch nicht alle. Ein Großteil unserer Radiomachenden macht ihre*seine Sendung und geht. Aber es gibt durchaus einen Kreis, der erfreulicherweise wächst, der an mehr interessiert ist, Austausch haben will und etwa auch zu Stammtischen kommt, die wir veranstalten. Nichtsdestotrotz hören aber viele wieder auf. Beispiele dafür sind Projekte wie Willkommen in Salzburg, das gut und erfolgreich war, oder auch das Stadtteilradio. Initiativen gehen oft eine Zeit lang gut, dann sinkt das Interesse und dann ist es wieder vorbei damit. Das ist zwar manchmal traurig, aber es ist so.

Besonders viel haben wir mit Flüchtlingen gemacht. Wir hatten das Glück, dass wir gerade 2015/16 einen EU-Freiwilligen aus Ägypten hatten, dessen Muttersprache Arabisch war, sodass er bei uns sehr früh arabische Basisworkshops anbieten konnte. Wir hatten dann wirklich viele Syrerinnen und Syrer oder Iranerinnen und Iraner bei uns im Programm, was großartig war. Ohne dieses Glück des arabischsprechenden EU-Freiwilligen hätten wir das so nicht leisten können. Die waren dann eine Zeit lang da, das ist aber auch schnell wieder abgeflaut, weil sie woanders hingegangen sind oder weil andere Dinge wichtiger wurden. Die Fluktuation ist einfach sehr hoch. Man denkt sich dann oft: „Jetzt haben wir so viel Zeit und Energie hineingesteckt, es war so toll und jetzt sind sie wieder weg.“ Aber ich glaube, dass man lernen muss, damit zu leben, wenn man nicht in der Frustration landen möchte. Ich glaube, dass wir einem Großteil der Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, durchaus etwas mitgeben können und dass sie nicht gehen, wie sie vorher waren. Ich denke, das macht auch den Sinn dieser Tätigkeit aus.

 

Du hast die Workshops erwähnt. Das Vermitteln von Wissen und Fertigkeiten nimmt bei euch ja einen hohen Stellenwert ein. Könntest du bitte verschiedene Vermittlungsformate, etwa Lehrredaktion oder die Workshops, skizzieren?

Gern. Wir versuchen, diese Ausbildung, wie alles, möglichst niederschwellig zu halten, aber trotzdem einen gewissen Qualitätsstandard zu erreichen. Das ist manchmal auch eine Quadratur des Kreises, aber wir haben die Konzeption so versucht, dass es verschiedene Levels gibt. Es gibt ein Minimum, um bei uns eine Sendung zu starten, oder im Programm mitmachen zu können. Dazu muss man einen Basisworkshop absolvieren, der eineinhalb Tage dauert. Dort lernt man die Grundregeln des Medienrechts. Man lernt, mit dem Studio und mit der Technik umzugehen, man lernt Gestaltungselemente kennen und wie man eine Sendung aufbauen kann. Man geht am Ende dieses Workshops auch gleich das erste Mal gemeinsam live on Air. Das ist das Minimum. Darüber hinaus kann man aus einem recht großen Workshop-Angebot wählen. Es gibt Angebote zu Moderation und Interviewführung, Audioschnitt, etwas zu Stimme, Sprechen und Rhetorik oder Jingle-Produktion. Wenn man will, kann man sich aus diesem großen Angebot etwas heraussuchen, muss man aber nicht. Nach dem Basisworkshop ist nichts mehr verpflichtend, mit Ausnahme des Feedback-Workshops. Wenn man eine Sendung startet, muss man nach den ersten drei bis vier Sendungen zu einem solchen Feedback-Workshop kommen. In diesem setzen wir uns mit ungefähr vier Sendungsmacher*innen gleichzeitig zusammen und besprechen, wie es läuft, was man vielleicht noch besser machen könnte oder wo es noch Fragen gibt. Diese Feedback-Workshops sind großartig, gewissermaßen auch im Sinne einer Bindung, die aufgebaut wird und weil dadurch die Qualität zunimmt. 

Elke Zobl, Eva Schmidhuber (2020): „Wir haben den Anspruch, in unserem Programm die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt abzubilden“. Eva Schmidhuber im Gespräch mit Elke Zobl. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/wir-haben-den-anspruch-in-unserem-programm-die-gesellschaft-in-all-ihrer-vielfalt-abzubilden/