„Wir haben den Anspruch, in unserem Programm die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt abzubilden“

Eva Schmidhuber im Gespräch mit Elke Zobl

 

Du hast auch den digitalen Raum erwähnt, etwa die Website. Ein starker Aspekt ist ja auch das Community-Building online mit euren Aktivitäten dort. Welche Bedeutung hat der digitale Raum für euch? Beobachtet ihr in Bezug darauf Veränderungen?

Natürlich hat sich sehr viel verändert. Als wir 1998 angetreten sind, war das Radio wirklich noch die einzige Möglichkeit, sozusagen eine Öffentlichkeit für eine Privatperson herzustellen. Natürlich hieß es zwischendurch immer wieder: „Das brauchen wir jetzt nicht mehr“, oder „Social Media ist unser Tod.“ Bis jetzt ist es aber nicht so. Wir haben allerdings versucht, das Internet zu integrieren. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Wir machen zum Beispiel crossmediale Publikationen. Das heißt, was bei uns im Radio ausgestrahlt wird, darf mittlerweile sogar unbefristet und inklusive der gesamten Musik online gespeichert bleiben. Beim ORF muss das Material immer noch nach sieben Tagen heruntergenommen werden. Wir können es hingegen endlos speichern und überall einbinden. Den Podcast, der in den letzten Jahren ‚in‘ geworden ist, machen wir im Grunde schon lange.

Ein großes Defizit, das wir immer schon spüren, ist unsere mangelnde Bekanntheit. Da hilft uns Social Media. Wir haben mittlerweile eine gar nicht so kleine Facebook-Seite mit etwa 9500 Followern. Dort tut sich schon etwas und darüber haben wir auch die Möglichkeit, mehr Leute mit unseren Inhalten zu erreichen. Wir haben rund 180 neue Sendungen pro Monat. Aufgrund dieser großen Anzahl geht dann vieles ein bisschen unter und das ist eine Möglichkeit, die man nutzen kann, um Inhalte unter die Menschen zu bringen. Seit einigen Jahren haben wir auch eine eigene App, über die man Sendungen abonnieren kann. Das Smartphone erinnert dann daran, wann die jeweils abonnierte Sendung läuft. Das ist auch wichtig, vor allem, wenn eine Sendung nur alle paar Wochen stattfindet. Wir haben mittlerweile auch erkannt, dass das Bild wichtiger wird. Man kann das beurteilen wie man will, aber unsere Programmtipps und all diese Dinge sind zumindest mit einem Foto versehen. Vielleicht schaffen wir es, in Zukunft noch mehr Kurzvideos als Trailer für bestimmte Sendungen zu machen. Ein paarmal haben wir das schon getan und gute Erfahrungen damit gemacht. Unsere Strategie ist sozusagen, Social Media und Co. einfach in unsere Aktivitäten zu integrieren, soweit es uns nützt. Das ist oft auch für die Sendungsmachenden selbst spannend. Nicht alle, aber viele sind auf Facebook und dort entsteht eine ganz eigene Dynamik, die man nur mit Druckerzeugnissen oder Flyern, die man verteilt, wesentlich schwerer erzeugen kann.

 

Beobachtest du, dass Leute, die mit Social Media aufwachsen, diese partizipativen Medien als selbstverständlicher betrachten? Hat sich in den Menschen dadurch, dass diese Schranke zwischen Rezeption und Produktion weg ist, etwas geändert?

Grundsätzlich glaube ich schon, dass dem so ist. Ich überlege nur, ob es bei uns im Radio so auffällt. Ich glaube nicht, dass die jungen Leute, die sich in allen möglichen Social-Media-Kanälen tummeln, unbedingt auch den Weg zu uns finden. Sie sind nicht mehr geworden. Ich glaube, es ist ihnen oft ein bisschen zu mühsam, weil es bei uns gewisse Strukturen und Regeln gibt, die es im Netz nicht gibt, Richtlinien, an die man sich halten muss. Probleme mit Fake News, Hate Speeches oder dergleichen gibt es bei uns in der Regel nicht. Sollte so etwas auftauchen, behandeln wir es entsprechend. Das geht in unserem Rahmen natürlich wesentlich leichter.

 

Jetzt komme ich zu meiner letzten, sehr umfassenden Frage, die auch ein großes Thema im Rahmen unserer Forschung ist. Welche Forderungen, Ideen oder Vorschläge hast du oder habt ihr an die Kulturpolitik?

Ich habe schon den Eindruck, dass durchaus einiges passiert. Ich glaube, dass der KEP [Kulturentwicklungsplan], der in Salzburg entstanden ist, sowohl was den Zugang als auch was die Ergebnisse betrifft, eine tolle Sache ist. Ich glaube, dass die Grundherausforderung, mit der der KEP im Allgemeinen und Einrichtungen wie die Radiofabrik konfrontiert sind, darin besteht, dass man immer in einer Art Filterblase bleibt. Der Anspruch besteht darin, über die Gruppe von Menschen, die sich ohnehin schon für Kunst und Kultur interessiert und ohnehin schon in verschiedenen Bereichen aktiv ist, hinaus diese Blase zu öffnen und jene Menschen zu gewinnen, die sich außerhalb befinden. Das fände ich einerseits wichtig. Auf der anderen Seite denke ich oft, dass es wohl nicht unbedingt für alle Menschen dieses Planeten das einzig Glückbringende ist, sich irgendwo aktiv zu beteiligen. Trotzdem wäre eine Öffnung im Sinne der Vielfalt und Vielseitigkeit dessen, was passiert und auch aus der Idee heraus, dass Partizipation im einzelnen Menschen und in der Gesellschaft etwas verändert, wünschenswert. Dieses Thema ist sehr komplex. Aber ich glaube, dass das wichtig wäre und die Kulturpolitik mit dem KEP auf einem ganz guten Weg ist. Da ist sehr viel von dem drinnen, was ich gesagt habe. Die Frage ist, wie man es jetzt schafft, das Festgeschriebene auch zu realisieren. Da bleibt der Optimismus.

Elke Zobl, Eva Schmidhuber (2020): „Wir haben den Anspruch, in unserem Programm die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt abzubilden“. Eva Schmidhuber im Gespräch mit Elke Zobl. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/wir-haben-den-anspruch-in-unserem-programm-die-gesellschaft-in-all-ihrer-vielfalt-abzubilden/