Interview: Steven Walter

„Wir wollen das kulturelle Format umdenken!“

Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Berufsfeld Kulturmanagement“ im Sommersemester 2013 war Steven Walter, Gründer und künstlerischer Leiter des PODIUM Festival Esslingen zu Gast – und hat, analog zum Festival, Begeisterung (siehe Postingbeiträge) unter den Studierenden ausgelöst. Im Interview gibt er Einblicke in die Arbeitsweise des interdisziplinär agierenden Teams und die sich daraus ergebenden Erfolgsfaktoren des Festivals (siehe dazu auch Beitrag von Steven Walter: It´s the music, stupid).

Wie geht ihr die Programmgestaltung an? Wie laufen bei euch programmatische und organisatorische Prozesse ab?

Zu allererst gibt es pro Jahr ein gemeinsames, sehr offenes Brainstorming. Da reflektieren wird die Ereignisse des Vorjahres. Also die Evaluation des Vorjahres verläuft immer parallel mit der Entwicklung neuer Ideen für das nächste Festival. Über den Sommer entsteht dann das künstlerische Programm, verfeinert sich immer mehr, geht aber Hand in Hand mit so organisatorischen Fragestellungen wie Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, auch Vermittlung. Das hängt ja alles zusammen. Bis Oktober festigen sich Details immer mehr, alle Konzepte und Ideen werden auf Herz und Nieren geprüft. Wir arbeiten da sehr interdisziplinär in unserem Team. Die penible Kleinarbeit setzt sich dann bis Januar/Februar fort, die konkrete Umsetzung erfolgt dann in den letzten Monaten vor dem Festival, also im März und April.

Wie wird das PODIUM finanziert?

Ungefähr 70 Prozent der Einnahmen erfolgen über Sponsoring und Mäzenatentum oder Ausschreibungen, auch durchaus von Stiftungen, zumeist privaten Stiftungen. Dann liegt unser Anteil an Einnahmen durch Ticketverkauf und Zusatzprodukten, z.B. auch so Art Erlebnispakete vor Ort, bei etwa 20 Prozent. Der Rest sind öffentliche Förderungen.

Wie würdest du eure wesentlichen Ziele für das Festival beschreiben?

Zentral erscheint mir, dass wir eine Plattform für Innovationen in der klassischen Musik, der Kammermusik, etablieren wollen. Dabei nicht dogmatisch nur eine Richtung einschlagen, sondern experimentell neue Wege bestreiten. Ausprobieren. Wir wollen das kulturelle Format umdenken. Neue Formen der Organisation und der Vermittlung von klassischer Musik. Das umfasst auch Kommunikation und Inszenierung.

Wie würdest du eure Arbeitsweise – ihr seid ja ein sehr junges Team – beschreiben?

Nun ja, das erfolgt vor allem nach dem Prinzip: Wir versuchen einen Raum zu bieten, wo jeder reingehen kann und sagen kann: „Ich will das und das machen.“ Ganz unterschiedliche Personen melden sich – mittlerweile – einfach und wollen mitarbeiten. Das greifen wir auf. Oft fragen wir auch einfach die Community: Wer will das und das machen und dann meldet sich jemand und macht es quasi.

Stichwort Community: Ihr agiert sehr stark mit und in sozialen Netzwerken, aber du betonst auch immer wieder die interdisziplinäre Teamentwicklung. Inwiefern wird über und für das Festival eine Art Community gebildet?

Zu einhundert Prozent wird eine Community gebildet. Genauso. Irgendwie ist jeder beteiligt, natürlich auch das Publikum. Das ist alles schwimmend. Als Beispiel: Einer hat das letzte Festival als Besucher erlebt, ist auf den Matten gelegen (Anm.: eines der neu eingeführten Formate am Festival). Das hat ihn so fasziniert, dass er dann über Facebook sein Interesse an einer Mitarbeit bekundet hat. Da schauen wir dann natürlich, was und wie er sich einbringen kann. Das passiert oft so. Wir sind ja in dauerndem Gespräch mit unseren – wenn man so sagen will Fans.

Die Fans sind also gleichzeitig – zumindest partiell – Mitarbeitende?

Ja, aber nicht nur das bzw. auch maßgeblich unser Sprachrohr für und in die Öffentlichkeit. Da findet halt laufend ein kommunikativer Austausch statt. Diese Mitarbeit geht aber auch weiter, betrifft nicht nur Fans. Auch die beteiligten Musiker oder Künstler usw. bringen ihre Ideen ein. Es gibt durchaus Projekte, die auch angepasst sind an die Kompetenzen, die die jeweilige Person mitbringt.

Also: Alles im Fluss?

In etwa ja. Natürlich muss bei all diesem Austausch, der Offenheit und Flexibilität stets auf die Qualität geachtet werden. Da legen wir selbstverständlich hohes Augenmerk darauf. Aber wir arbeiten ja auch mit hervorragenden Künstlern zusammen.

 

Steven Walter, Siglinde Lang : (2013) Interview: Steven Walter.

„Wir wollen das kulturelle Format umdenken!“

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #03 , https://www.p-art-icipate.net/wir-wollen-das-kulturelle-format-umdenken/