„Wo ist ein Migrant der Boss und sagt: ‚Das ist zu weiß.’?“

Das Duo EsRap, bestehend aus den Geschwistern Esra und Enes Özmen, im Gespräch mit Dilara Akarçeşme

Dass Communities künstlerische und kulturelle Ausdrücke haben kommt eher nicht so an, oder?

Enes Özmen: Nein. Ehrlich gesagt finde ich, dass an Esras Uni nur Esra richtig Kunst macht. Es gibt diesen Begriff „Kunst für Künstler“. Zum Beispiel feiern sie feministische Tage, wo dreißig privilegierte Verenas und Magdalenas sagen, dass sie heute den Feminismus feiern. Meine Tante wurde zwangsverheiratet: Sie sollte das eigentlich feiern. Sie sagen dann: „Wir haben es geschafft.“ Meine Mutter würde niemals hingehen, wenn irgendeine Frau sich nackt auszieht. Sorry, dass ich das so sage. Sie meinen das vielleicht anders, aber dafür muss man auch das Wissen haben, was sie möglicherweise damit meinen. Es gibt Filme, wo ein Typ seine Schuhe putzt und das dauert eine Stunde lang. Solche Sachen sind interessant, ziehen aber nicht für Migrantenkinder. Hip-Hop dagegen hat schon eine sehr große Community erreicht.

Esra Özmen: Man will die Leute einfach nicht in der Szene haben. Darum geht es. Man tut auch alles dafür. Wenn du im 16. Bezirk, der voll mit muslimischen Frauen ist, zwei Frauen hinstellst, die nackt etwas zu Feminismus machen, gehen die Leute weg. Und du profitierst davon, dass sie weggehen. Dann kannst du sagen, dass sie kein Interesse haben. Stell zwei Frauen hin, die über Alltagsrassismus reden. Dann sind alle dort. Das will man aber nicht. Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie sexistisch Rap ist. Dann wird die Frage gestellt, ob man überhaupt Rap hören soll. Seit Jahren ist Popmusik sexistisch – aber da machen weiße Männer sexistische Sachen.

Enes Özmen: Wir haben Freundinnen, die in der Oper als Sängerinnen arbeiten. Sie erzählen uns immer wieder, dass sie extrem sexistische Sachen erleben.

Esra Özmen: Es geht im Allgemeinen aber nicht darum, dass Sexismus kritisiert wird. Es geht darum, dass sie Migrantenkinder nicht mögen. Es geht darum, dass man diese Kids nicht will. Man ist eifersüchtig, dass sie sichtbar sind und man tut alles dafür, dass sie sich ja nicht in der Kunst- und Kulturszene etablieren. Wir sind auch intelligente Menschen. Wenn wir einmal drinnen sind, dann haben wir Geld, Förderstellen, Sichtbarkeit und machen ihnen Ressourcen streitig. Dann machen wir die Sachen, die uns gefallen. Ich checke das schon. Man kann die Menschen nicht für blöd halten. Das ist oft eine absichtliche Arbeit.

Enes Özmen: Ich habe noch ein Beispiel. Ich war letztens im Libro. Dort gab es Schlüsselanhänger mit Namen. Sie fragen, warum ich mich nicht wohl fühle. ‑ Seit 50 Jahren sind die Gastarbeiter hier. Der Name Muhammet ist unter den fünf meistgegebenen Namen in Wien. Da könnte es zum Beispiel schon einen Schlüsselanhänger mit Muhammet oder Fatima geben. Es gibt aber nur österreichische Namen, diese altbiblischen Namen, Daniel zum Beispiel. Das ist zwar ein sehr banales Beispiel, aber in Summe sind solche Sachen wichtig. Ich würde mich freuen, wenn ich dort einen Namen wie Fatima oder Muhammet sehen würde. Ich rede jetzt von Libro, aber das könnte überall sein.

Esra Özmen: Man will diese Macht einfach nicht weitergeben. Kunst und Kultur ist auch eine Macht, die man beherrschen will. Das ist ein Privileg, das man ungern teilt. Sie sehen auch von oben herab. Es sind immer weiße Frauen oder Männer, die Projekte leiten, und ich als Migrantin bin wieder nur kurz eingestellt. Warum bin ich nicht mal diejenige, die das Projekt leitet? Um diese Definitionen geht es. Wer gibt das Geld? Wieder eine weiße Förderstelle. Wie viele migrantische Förderstellen gibt es? Darüber sollten wir mal reden. Wo ist ein Migrant der Boss und sagt: „Das ist zu weiß.“? Sie sagen uns ständig, dass etwas zu migrantisch ist. Das wurde mir schon so oft gesagt, vor allem wenn ich in diesen weißen Institutionen arbeite: „Esra, schon gut, aber bitte nicht so politische Sachen machen.“ Da kann auch ein migrantischer Verein sagen: „Aber bitte nicht so weiße Sachen machen.“ Institutionen sind sehr wichtig, sind aber sehr weiß. Sie können alles gut machen wollen und sich als Gutmensch präsentieren. Das sind sie aber nicht.

Danke für das Interview!

Gemeint ist die ÖVP-FPÖ-Regierung vor dem Aufkommen der Ibiza-Affäre bzw. dem Misstrauensantrag.

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Dilara Akarçeşme, Esra und Enes Özmen (2019): „Wo ist ein Migrant der Boss und sagt: ‚Das ist zu weiß.’?“. Das Duo EsRap, bestehend aus den Geschwistern Esra und Enes Özmen, im Gespräch mit Dilara Akarçeşme . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/wo-ist-ein-migrant-der-boss-und-sagt-das-ist-zu-weiss/