Buchrezensionen

Interaktiv Wissen produzieren! Über „Das Forschen aller“ von Sybille Peters (2013)

Künstlerische Forschung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie unkonventionelle „Bezüge und Interaktionen zwischen unterschiedlichen Wissensweisen, Forschungsfeldern und Akteur_innen“ (S. 8) herstellt. Wissensproduktion wird folglich als Transformation eines bestehenden Status quo der Wissensvorräte unserer Zeit verstanden. Diese Auffassung wird in der Einleitung von „Das Forschen aller“, herausgegeben von der Kulturwissenschaftlerin und Theaterintendantin Sybille Peters, herangezogen, um künstlerische Forschung als Prozess zu definieren, in dem existierendes Wissen mit künstlerischen Verfahren durchgearbeitet, verrückt und umgedeutet wird (vgl. S. 29).

Diese Umdeutungsprozesse werden vor allem in künstlerisch-partizipatorischen Projekten virulent, in denen das Aufzeigen von Alternativen bzw. ein erweitertes oder differenzierte Interpretationsspektrum im Vordergrund stehen: Mit Bezug auf ein konkretes gesellschaftlichen Phänomene und unter Beteiligung ziviler Personengruppen wird ein kultureller oder sozialer Status quo aufgegriffen und kollaborativ verhandelt. Interaktive Gestaltungsprozesse werden initiiert, in denen ästhetische und künstlerische Erfahrungsprozesse neue Erkenntnisräume generieren. Diese Räume schaffen den Rahmen, um als Partizipant_in differenzierte Perspektiven und Haltungen kennen lernen, erproben und austauschen zu können. Polyseme Interpretationen werden verhandelt und so ein bestehender Wissenstand kollaborativ erweitert und transformiert.

„Das Forschen aller“ summiert sowohl Artikel verschiedener Wissenschaftsdisziplinen als auch Fallstudien aus der künstlerisch-kulturellen Praxis. Der Sammelband ist nicht nur ausgesprochen flüssig zu lesen, sondern bietet einen übersichtlichen, pointierten und anschaulichen Einblick in aktuelle Diskussionen rund um künstlerische Forschung.

Empfehlung: Peters, Sybille (Hg.): Das Forschen aller. Artistic Research als Wissensproduktion zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Bielefeld: transcript 2013

Den eigenen Lebensraum aktiv gestalten. Über „Kunst und Dorf“ von Brita Polzer (2013).

Wer die Ansicht vertritt, dass spannende Kunstprojekte nur im urbanen Raum stattfinden, dem sei Brita Polzers „Kunst und Dorf“ empfohlen. Über mehrere Jahre hinweg hat die Kunstjournalistin und Dozentin eigeninitiativ künstlerische Aktivitäten in der Provinz erforscht. Der Sammelband, der insgesamt 37 Beiträge von Kurator_innen, Kunstschaffenden und Journalist_innen umfasst, überzeugt, dass gerade der ländliche Raum Potential für spannende Kunstprojekte eröffnet: So tauscht ein ganzes Dorf Familien- und Esstische untereinander aus, evoziert ein fotografischer Krimi einen differenzierten Blick auf die (scheinbar) regionale Lebensmittelproduktion und wird ein sogenanntes „Taxi of Modern Art“ zu einem fahrbaren Kulturzentrum.

Kunst und Dorf_Quelle Scheidegger & Spiess

Allen Projekten verbindend ist, dass auf den lokalen Kontext und regionale Themenstellungen konkret Bezug genommen wird, wobei vor allem die wirtschaftliche und soziale Situation des Landlebens im Fokus steht. Die Autorinnen beschreiben die künstlerischen Aktivitäten nicht nur sehr anschaulich, sondern bringen auch Widerstände auf politischer, persönlicher und organisatorischer Ebene offen zur Sprache. Denn die Projekte, in denen die Kunstschaffenden fast immer temporär vor Ort residierten, wurden nicht immer auf Anhieb positiv aufgenommen. Erst durch einen (oft) zähen kommunikativen Austausch und kontinuierlich wachsende partizipative Prozesse – wobei Beteiligung wie Hubert Lobnig in seinem Beitrag formuliert, nicht nur die künstlerische Mitgestaltung, sondern auch die „technische“ (S. 114) Mitarbeit und Mithilfe bei der Realisierung umfassen kann – wird eine gemeinschaftliche Basis geschaffen. Diese ist wiederum Voraussetzung, dass in der Zusammenarbeit von Kunst und Dorf jene Intention fruchten kann, die als Ziel aller Projekte definiert werden kann: Das Dorfleben als Chance zu begreifen, den regionalen Lebens- und Kulturraum als Ort kultureller Begegnung aktiv mitzugestalten.

Empfehlung: Polzer, Britta: Kunst und Dorf. Künstlerische Aktivitäten in der Provinz. Zürich: Scheidegger & Spiess 2013.

 

Quelle der Fotos „Kunst und Dorf“: http://www.srf.ch/kultur/kunst/der-reiz-der-peripherie-kunst-auf-dem-land, Stand: 05.02.2014

 

Siglinde Lang (2014): Buchrezensionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #04 , https://www.p-art-icipate.net/buchrezensionen/