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Katharina Anzengruber

studierte Musikerziehung, Instrumentalmusikerziehung (Gitarre, Gesang) und IGP Gitarre an der Universität Mozarteum sowie Germanistik an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seit 2010 unterrichtet sie an einem Salzburger Gymnasium, seit 2015 ist sie außerdem Mitglied des interuniversitären Doktoratskollegs Die Künste und ihre öffentliche Wirkung, welches am Kooperationsschwerpunkt Wissenschaft und Kunst angesiedelt ist. Sowohl in ihrer Rolle als Pädagogin als auch als Wissenschaftlerin hat sie in der Vergangenheit an verschiedenen Projekten zur Vermittlung Experimenteller Musik mitgearbeitet (Jugendprogramm der Salzburg Biennale, Sparkling Science-Projekt Individuum-Collectivum). Auch engagiert sie sich in anderen Bereichen der Musikvermittlung, etwa als Salzburger Landesobfrau der Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung Österreich, als Mitglied der European Association of Music Education und als Chorleiterin des Oberstimmenchors Da.Capo.

Annäherungen an Ljubljana oder: ein Baukasten zur Stadterkundung

1.        Vorbemerkung zu einer Versuchsanordnung

Am Kooperationsschwerpunkt Wissenschaft und Kunst arbeiten sieben Kollegiatinnen am dortigen Doktoratskolleg Die Künste und ihre öffentliche Wirkung an völlig unterschiedlichen Projekten – ein Forschungsverbund, der als Versuchsanordnung im Experimentierraum zwischen Wissenschaft und Kunst verstanden werden kann. Am 26.1.2017 steigen diese sieben Doktorandinnen gemeinsam mit Elisabeth Klaus, Leiterin des Doktoratskollegs, und Anita Moser, wissenschaftliche Mitarbeiterin, in den Zug nach Ljubljana, ein Programm im Experimentierkoffer, das sie Ljubljana näherbringen soll und Ljubljana ihnen – auf der Suche nach interessanten Experimentierräumen abseits touristischer Pfade, auf der Suche nach (wissenschaftlicher) Erkenntnis.

2.        Experimentierräume – Orte, Wege, Übergänge

Und Experimentierräume finden wir in Ljubljana einige: Symbolcharakter für einen solchen hat das Red Gun Graffiti des italienischen Künstlers Blu, das, beeindruckend groß, die Fassade des Hauptgebäudes einer stillgelegten Fahrradfabrik bespielt – weit über die Mauern hinaus, die dieses Fabrikgelände umgeben, sticht es ins Auge. Dieses ‚Meisterstück‘ der Graffiti-Kunst entstand anlässlich des bisher letzten gescheiterten Versuchs der Stadtverwaltung, dieses Gelände, das nach Schließung der Fabrik von KünstlerInnen besetzt wurde und seitdem als eine Art autonome Zone fungiert, im Zuge der Gentrifizierungspolitik wieder für sich zu gewinnen. Die Rede ist vom Rog, einem selbstorganisierten Kultur- und Sozialzentrum, das Räume für künstlerische Arbeit, Kulturveranstaltungen, Austausch und Kooperation zwischen Kunstschaffenden, aber auch für vieles darüber hinaus bietet. Neben diversen Ateliers, Proberäumen, Bühnen und einem Skatepark sind dort auch soziale Einrichtungen zu finden – wobei wir erahnen, dass dieser Ort einem stetigen Wandel unterliegt, den jeweiligen Bedürfnissen seiner NutzerInnen entsprechend. Ein Experimentierraum, dessen Versuchsanordnung(en) teils empfindlich von Störfaktoren beeinflusst werden: von solchen, mit denen man fertig wird (Stromausfälle, fehlende Heizung), und von solchen, die die Experimente in Gefahr bringen. So sollten die Gebäude des Rog bereits mehrmals abgerissen werden, wobei der letzte Versuch das Red Gun Graffiti als eine Art Mahnmal hervorgebracht hat. (Siehe auch: Rog: from bike factory to ‘experimental asylum’)

Wir begeben uns auf die Suche nach weiteren Experimentierräumen und finden so einen Weg zu der und durch die Stadt. In Ljubljana entdeckt man an allen Ecken und Enden Graffitis, an dafür vorgesehenen Plätzen ebenso wie an Orten, die – ginge es nach der Stadtverwaltung – davon freibleiben sollten. Und wenn man weiß, was man sucht, weiß man auch besser, was man sieht: Ein Referenzsystem zwischen rivalisierenden ästhetischen/politischen SprayerInnengruppen; ein Spannungsfeld zwischen vollendeter Sprayer-Technik und schlichtem, aber wirkungsvollem politischen Statement. Wir finden Wege zwischen Fassaden, Mauern, Böden, auf der Suche nach versteckten wie expliziten, nach adaptierten, transformierten oder übersprayten Botschaften und Bildern.

Diese Wege führen uns schließlich zu einem weiteren autonomen Kunst- und Kulturzentrum Ljubljanas. Wir finden uns in Metelkova wieder, einem Ort, dessen Geschichte ähnlich begann wie die des Rog, allerdings einen anderen Verlauf nahm: Es handelt sich hierbei um einen leerstehenden Kasernenkomplex, der von KünstlerInnen und AktivistInnen Anfang der 1990er Jahre besetzt wurde, um die Gebäude vor dem Abriss zu bewahren und sie für künstlerische Praxen zu nutzen. Dies gelang und so entwickelte sich Metelkova zu einem Zentrum alternativer Kultur. Mittlerweile ist es fixer Bestandteil des kulturellen Lebens Ljubljanas und wird als Ort der Kulturproduktion – es gibt dort einige Musikclubs und Galerien – nicht mehr in Frage gestellt, sondern sogar staatlich subventioniert.

Wir bewegen uns weiter am Übergang zwischen freier und subventionierter bzw. institutionalisierter Kulturszene. Wir durchqueren Park- und Wohnanlagen, schlittern über massive Eisplatten, spazieren auf Kopfsteinpflaster, Asphaltstraßen, Schotterwegen und gelangen zu Vodnikova domačija, dem Geburtshaus des slowenischen Schriftstellers Valentin Vodnik, um dort die slowenische Lyrikerin Anja Golob zu treffen. Auch sie bewegt sich zwischen institutionalisierter Anerkennung (sie wurde zweimal mit dem Jenko-Preis ausgezeichnet) und Experiment (als Comic-Verlegerin). Dieser kleine Gutshof, der kürzlich renoviert wurde, strahlt mit seinen niedrigen Räumen und knarrenden Holzfußböden besonderen Charme aus. Neben zwei Dauerausstellungen über Leben und Werk Vodniks besteht das Programm des Literaturhauses zu einem wesentlichen Teil in der Leseförderung von Kindern sowie Erwachsenen. In einladend gestalteten Leseräumen befinden sich Bücherregale und vielfältige Sitzmöglichkeiten, um es sich lesend gemütlich zu machen. Auch Räumlichkeiten für Instrumentalunterricht stehen bereit und in einem Nebengebäude findet sich eine Galerie mit wechselnden Ausstellungen. Wir sind hier also an einem Ort der Kulturvermittlung, einem Experimentierraum in dem Sinne, als man nicht müde wird, sich diesbezüglich neue Konzepte und Formate zu überlegen. Dabei werden auch immer wieder neue und ungewöhnliche Wege beschritten: So organisiert man dort beispielsweise die Bibliothek unter Baumkronen, eine Freiluftveranstaltung, die jährlich im Sommer stattfindet.

3.        Wege aus den Experimentierräumen?

In TouristInnenmanier fahren wir mit dem Taxi in die Altstadt, spazieren entlang der Ljubljanica, vorbei an Kirchen, Geschäften, Cafés, Restaurants und Bars. Die Marktstände des bekannten Zentralmarktes im Stadtkern werden gerade abgebaut. Ein Akkordeonist spielt Mozart. Vertrautheit und keine Spur von Experiment?

Der Weg hat uns nun eindeutig auf touristische Pfade geführt – auf ihnen bleiben wir und betreten das Gebäude der Slowenischen Philharmonie, in dem das gleichnamige Orchester beheimatet ist. Dort empfängt uns der Oboist und Universitätsdozent Matej Sarc und gewährt uns am Beispiel dieses traditionsreichen Orchesters Einblicke in die repräsentative, klassische Musikszene der Stadt. Doch auch er berichtet von Schwierigkeiten: die Orientierung des MusikerInnen-Nachwuchses hin zu ‚namhafteren‘ europäi-schen Orchestern, das Problem von nicht mehr füllbaren Konzertsälen und das Festhal-ten an Traditionswerken, sodass der zeitgenössischen Musik nur eine sehr untergeordnete Rolle in den gegenwärtigen Programmen zukommt. Um letzterem Problem entgegenzuwirken, hat Matej Sarc 1995 gemeinsam mit Orchesterkollegen ein Bläserquintett, das Slowind Quartet, und 1999 das Slowind Festival für zeitgenössische Musik gegründet. Das Slowind Festival, das sich mittlerweile fest etabliert hat, findet einmal jährlich im Herbst und inzwischen in kleinerem Format auch im Frühjahr statt. Matej Sarc fungiert als Hauptorganisator dieses Festivals und programmiert es in Kooperation mit einer/einem jeweils wechselnden KuratorIn, einer/einem KomponistIn, die/der zugleich auch meist als DirigentIn auftritt. Gespielt werden Kompositionen von nationalen und internationalen KomponistInnen. Mindestens zweimal jährlich wird also auch die Slowenische Philharmonie zum Experimentierraum für Ausführende ebenso wie für das Publikum. Es erklingt Musik abseits der ‚Orchesterklassiker‘ und das Festival funktioniert!

Auf der Suche nach künstlerischen und kulturellen Experimentierräumen in Ljubljana sind wir fündig geworden. Sie sind überall zu finden, wo Menschen leidenschaftlich das Kulturleben einer Stadt (mit)gestalten: in besetzten Häusern, gemeindeeigenen Museen, repräsentativen Konzertsälen oder einfach in den Straßen und Gassen der Stadt. Sie alle werden als Ausdrucks- und Kommunikationsräume genutzt und bieten so viel Platz für vielerlei Versuchsanordnungen.

Die Bilder sind im Rahmen der Exkursion entstanden. Fotografin: Romana Hagyo

Katharina Anzengruber  (2017): Annäherungen an Ljubljana oder: ein Baukasten zur Stadterkundung. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 08 , http://www.p-art-icipate.net/cms/annaherungen-an-ljubljana-oder-ein-baukasten-zur-stadterkundung/