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Brigitte Kovacs

Brigitte Kovacs studierte von 1999 bis 2006 Bildnerische Erziehung an der Akademie der bildenden Künste und Germanistik an der Universität Wien sowie Bildende Kunst am Royal College of Art in Stockholm/Schweden und an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Nach mehrjährigen Auslandsaufenthalten, unter anderem in New York/USA (Internship an der Dia Art Foundation) und Galway/Irland (Lektorin an der National University of Irland), arbeitete sie von 2010 bis 2015 als Universitätsassistentin am Institut für Zeitgenössische Kunst an der TU Graz. Neben ihrer universitären Tätigkeit ist Brigitte Kovacs als bildende Künstlerin mit Ausstellungen im In- und Ausland aktiv. Ihr künstlerischer Schwerpunkt liegt an der Schnittstelle von Fotografie, Performance, Installation und Sprache.

Feldgänge

Das (Be)Zeichnen des Felds der Walking Art

Das Gehen als Modus der Alltagsbewegung hat im 21. Jahrhundert in der Kunst, aber auch in der Wissenschaft vermehrt an Bedeutung gewonnen. Um der Frage nachzugehen, was die besondere Faszination an der analogen Aktivität des Gehens in unserer durch Digitalisierung zusehends entkörperten Welt ausmacht und mit welchen Konzeptionen es in der zeitgenössischen Kunstproduktion eingesetzt wird, performe ich Walking Interviews*1 *(1) mit KünstlerInnen, die das Gehen zu einem intrinsischen Teil ihrer künstlerischen Praxis gemacht haben. Dabei verstehe ich das Gehen neben und mit meinen GesprächspartnerInnen als ein „Denken durch den Körper“ (Braidotti 2002: 5).star (*3) Erkenntnis wird durch ‘Erfahrung, Intuition und Sinneswahrnehmung’,*2 *(2) aber auch durch einen sprachlichen Austausch in Korrelation zur körperlichen Bewegung generiert. Gleichzeitig weist mein Gehen auch eine gestalterische Dimension auf. Durch die Bewegung meines eigenen Körpers von Walking Interview zu Walking Interview zeichne ich die Kontur des Felds*3 *(3) der Walking Art.*4 *(4) Erst durch und in meiner Praxis findet der Begriff der Walking Art eine räumliche Ausformulierung und wird als Handlungsraum erfahrbar. In seiner konkreten Realisierung verstehe ich dabei das Feld als Modell der performativen Wirklichkeitserfassung und Wissensbildung zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis, so wie es die deutsche Kunsttheoretikerin Elke Bippus in ihrem Text Landschaft-Karte-Feld*5 *(5) konzipiert hat.

“Die mit dem Modell des Feldes einhergehende Verschiebung des Interesses auf die Handlung trägt der Performanz der Darstellung Rechnung, also dem Machen, Konstruieren, dem Hervorbringen von Wirklichkeit in einer konstellativen Anordnung, in der man nicht alleiniger Herr ist. Eine performative Darstellung lässt deutlich werden, dass sie keine bloß konstative Abbildung ist, sondern Wirklichkeiten, Bilder, Vorstellungen hervorbringt. In zweierlei Hinsicht ist eine performative Darstellung selbstreferentiell: Einerseits liefert sie eine Selbstbeschreibung dessen, was sie tut, und andererseits ist sie Teil dessen, was dargestellt wird.” (Bippus 2005: 21)star (*1)

Mit Bezug auf Bippus‘ performativen Feldbegriff, der auf Prozesse der Hervorbringung fokussiert, verstehe ich meine künstlerisch-forschende Herangehensweise als eine Praxis, die ‚Handlungswissen‘ generiert. Indem ich mich ins Feld begebe und dieses durch meine Praxis erweitere, werde ich Teil der ‚konstellativen Anordnung’, deren einzelne Standpunkte durch mein Gehen in Beziehung zueinander gesetzt werden. Im Zusammenspiel räumlicher, zeitlicher, körperlich-sinnlicher und sozialer Komponenten in der Performance der Walking Interviews und auch in der Frage nach der Mediatisierung des performativen Geh-Akts in Artefakte zeigen sich Parallelen zu den künstlerischen Werken, die auf dem Gehen als künstlerische Praxis basieren. Der Vollzug und die Beschreibung meiner eigenen Bewegungen ermöglichen somit grundlegende Rückschlüsse auf das beschriebene Feld. Dabei wird die multisensorische Dimension des Geh-Akts in Artefakte übertragen, die auch für RezipientInnen sinnliche Wahrnehmung und damit einen Erkenntnisgewinn ermöglichen. Im Sinne von Elke Bippus kann daher argumentiert werden, dass meine performative Darstellung in hohem Maß selbstreferentiell ist. Gleichermaßen untersucht und erweitert sie das zeitgenössische Feld der Walking Art. Mein körperliches Zeichnen des Felds ist somit immer auch ein wissenschaftliches Bezeichnen desselben und vice versa.*6 *(6)

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Bippus, Elke (2005): Landschaft-Karte-Feld: Felder zeichnen. Bremen: thealit.

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Bippus, Elke (2009): Einleitung: Kunst des Forschens. In: Bippus, Elke (Hg.): Kunst des Forschens. Praxis eines ästhetischen Denkens. Zürich-Berlin: diaphanes, S 7-26.

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Braidotti, Rosi (2002): Metamorphoses: Towards a Materialist Theory of Becoming. Malden, MA: Polity Press.

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Collier, Mike/Morrison-Bell, Cynthia (Hg.) (2013): Walk on. From Richard Long to Janet Cardiff. 40 years of art walking. Sunderland: Art Editions North.

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Debord, Guy (1956): Theory of the Dérive. Online unter http://www.cddc.vt.edu/sionline/si/theory.html (23.4.2016)

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Fischer, Ralph (2011): Walking Artists. Über die Entdeckung des Gehens in den performativen Künsten. Bielefeld: Transcript Verlag.

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Gallissaires, Pierre (1995): Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten. Aus dem Französischen übersetzt von Gallissaires, Pierre/Mittelstädt, Hanna/Ohrt, Roberto. Hamburg: Edition Nautilus.

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Oppezzo, Marily/Schwartz, Daniel (2014): Give Your Ideas Some Legs: The Positive Effect of Walking on Creative Thinking. In: Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition. 40. Jg., H. 4, S. 1142-1152  und online unter https://www.apa.org/pubs/journals/releases/xlm-a0036577.pdf (1.4.2017).

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Ulmer, Jasmine (2014): Embodied writing: choreographic composition as methodology. In: Research in Dance Education. 16. Jg., H. 1, S. 33-50.

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Walking Interview mit Daniel Belasco Rogers und Daniela Hahn, 28.4.2017

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Walking Interview mit Hamish Fulton, 29.11.2016

Ich verwende den Begriff des Interviews, da ich mit konkreten Fragestellungen in die Begegnungen mit den eingeladenen KünstlerInnen hineingehe. Da diese Begegnungen jedoch in ihrer Konzeption sowie Durchführung offen für Unerwartetes bleiben, wobei sich die tradierten Rollenzuschreibungen zwischen Interviewerin und Interviewten aufzulösen beginnen, handelt es sich vielmehr um gleichberechtigte Gespräche, die im Gehen stattfinden. So sind die Interviewten beispielsweise eingeladen, auch mir Fragen zu meiner Praxis zu stellen.

Hier sei auf Jasmine B. Ulmer verwiesen, die rekurrierend auf C.E. Moustakas festhält: „Within phenomenology, knowledge is produced through perception, intuition, and experience.” (Ulmer 2015: 38)

Auch wenn das Feld im kulturwissenschaftlichen Kontext primär von Pierre Bourdieus Begriff des sozialen Feldes geprägt ist, stellt Bourdieus Werk The Field of Cultural Production (1993) keine zentrale Referenz für mein Forschungsprojekts dar, da es mir weniger um Subjektivierung, soziale Rahmung und um die Analyse eines bestimmten Habitus geht als um ein ‚Spiel’ mit den diversen Bedeutungsebenen des Felds als Alltagsbegriff (vgl. u.a. http://www.duden.de/rechtschreibung/Feld oder https://www.merriam-webster.com/dictionary/field). So beziehe ich mich beispielsweise auf das Feld als spezifisches Forschungs- bzw. Fachgebiet, das Feld als abgegrenzte Bodenfläche oder auch als Spielfeld. Gleichzeitig stellen meine Feldgänge eine Modifizierung der empirischen Forschungsmethode der Feldforschung hin zu einer performativen Forschungsmethode dar.

Im Rahmen des Walking Interviews mit dem britischen Künstler Hamish Fulton (2016) gab dieser an, den Begriff der Walking Art bzw. der Walking Artists 1977 in Abgrenzung zu anderen Kunstformen wie der Land Art begründet zu haben. Obwohl es bis dato keine eindeutige Definition gibt, was genau darunter zu verstehen ist, so fand der Begriff doch in künstlerischen sowie wissenschaftlichen Diskursen internationale Verbreitung. Als Beispiel wäre hier die Publikation Walking Artists. Gehen in den performativen Künsten (2010) des deutschen Kulturwissenschafters Ralph Fischer zu nennen oder die Ausstellung Walk on. 40 Years of Art Walking (UK/2013). Für mich steht der Begriff der Walking Art für eine Vielzahl an künstlerischen Praktiken, bei denen das Gehen die Grundlage der Kunstproduktion darstellt.

Der Text Landschaft-Karte-Feld basiert auf einem Vortrag von Elke Bippus und der Künstlerin Katharina Hinsberg zum Thema Felder zeichnen im Kontext des Forschungsprojekts Kunst des Forschens.

Sowohl in ihrem Aufsatz Landschaft-Karte-Feld als auch in dem mit mir geführten Gespräch am 2.5.2016, das in Auszügen in diesem eJournal veröffentlicht wird (Felder zeichnen als künstlerisch-wissenschaftliche Praxis), assoziiert Bippus das Bezeichnen mit einer wissenschaftlich-beschreibenden Tätigkeit, währenddessen das Zeichnen eine performativ-selbstagierende Dimension aufweist. „Die Tätigkeit eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin wird weniger mit einem Zeichnen denn mit einem Bezeichnen assoziiert. Etwas liegt vor und wird analysiert, klassifiziert, benannt und bestimmt. Die Beschreibung eines Feldes ist dabei abhängig von spezifischen Interessen, Objekten und Spielregeln, die von den Akteuren angenommen werden.“ (Bippus 2005: 5)

Walking Interview mit Moira Williams (2015).

Die Walking Interviews mit den niederländischen Künstlern Jeroen Jongoleen (2015) und Guido van der Werve (2016) wurden beispielsweise im Laufen durchgeführt, da die erhöhte Geschwindigkeit ihren künstlerischen Praxen entspricht.

Der Dérive (wörtlich: driften) ist eine von der Situationistischen Internationalen entwickelte, auf dem Gehen basierende Technik zur Erforschung einer Stadt. Unter dem Schlagwort ‘Umherschweifen’ wurde sie von den Situationisten wie folgt definiert: „Mit den Bedingungen der städtischen Gesellschaft verbundene experimentelle Verhaltensweise: Technik des eiligen Durchquerens abwechslungsreicher Umgebungen. Im besonderen Sinne auch: die Dauer einer ununterbrochenen Ausübung diese Experiments.“ (Gallissaires 1995: 51)

Beim Walking Interview mit Jeroen Jongeleen wurden wir rund 15 Minuten von Polizisten kritisch observiert.

Aufgrund der technischen Vorgaben dieses eJournals werden im Rahmen dieses Beitrags nur exemplarische Hörproben zur Verfügung gestellt.

Bis jetzt fand nur ein Walking Interview zu dritt statt, nämlich jenes mit Daniel Belasco Rogers und Daniela Hahn.

Um herauszufinden, wie sehr die spezifische Atmosphäre und durchwanderte räumliche Umgebung des Walking Interviews in den Tonaufnahmen hörbar wird, bat ich den Künstler Philipp Grein seine Eindrücke während des Hörens eines Walking Interviews fortlaufend auf eine Papierrolle zu zeichnen. Dabei zeigte sich, dass das Setting des Walking Interviews realitätsnah erfasst und wiedergegeben wurde.

Zur etymologischen Bedeutung von Diskurs siehe: https://www.dwds.de/wb/Diskurs.

Zur etymologischen Bedeutung von zeichnen siehe: https://www.dwds.de/wb/zeichnen.

Brigitte Kovacs  (2017): Feldgänge.

Das (Be)Zeichnen des Felds der Walking Art

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 08 , http://www.p-art-icipate.net/cms/feldgange/