„Die Frage ist ganz einfach: Wer spricht in der Kunst …“

Ein Interview mit Ljubomir Bratić von Laila Huber und Elke Zobl

Kannst du ein Beispiel einer Kunstintervention geben, die den Aspekt des moralischen Anti-Rassismus in sich trägt, um das dem politischen Anti-Rassismus gegenüberzustellen?

Ja, die ganze so genannte Social Art; also KünstlerInnen, die zu den Armen gehen, dort Interviews machen, daraus Filme machen und das Ganze dann in einer Galerie zeigen.

Und konkret in Wien?

Das gibt es dort nach wie vor, aber ich will keinen öffentlich beschuldigen. Es gibt auch ein Festival in Wien, das solche Sachen vorantreibt. Rund um diesen Toleranzgedanken, der per se nicht schlecht ist, aber die Frage ist ganz einfach: Wer spricht in der Kunst und wer hat davon eine Kontinuität, also wer stellt diese Werke, die in der Galerie ausgestellt werden und wer akkumuliert das Kapital? Das ist der Punkt. Ich bin kein Freund von Social Art, was aber nicht heißen will, dass es nicht Schlechteres gegeben hat. Jedoch ist es eine Tatsache, dass das eine Zeitlang eine Bewegung war, dass KünstlerInnen sehr gern zu den Armen gegangen sind, sehr gerne was gemeinsam mit ihnen gemacht haben. Entstanden ist dabei das, was sie dann in Galerien ausgestellt haben und die beteiligten Menschen haben – wenn überhaupt – ein paar Euro davon gehabt. Das ist die Frage, inwiefern dieses Feld überschritten werden kann, inwiefern jemand als Künstlerin oder als Künstler tatsächlich zu den Armen gehen kann und nicht Fremden-Schau dabei betreibt.

Kann man sagen, dass der moralische Anti-Rassismus eine StellvertreterInnen-Politik betreibt?

Ja, genau. Es muss auch nicht alles schlecht sein, wenn ich den moralischen Anti-Rassismus als Gegenpart zum politischen Anti-Rassismus aufrufe, dann ist das natürlich auch eine Konstruktion. Wir reden dabei die ganze Zeit über von einer Konstruktion, notwendigerweise müssen wir das tun. Das heißt nicht, dass man in diesem Zusammenhang alles negativ sehen muss, denn es gibt tatsächlich kranke Menschen, es gibt tatsächlich Menschen, die Hilfe bedürfen. Das Problem dabei ist, dass solche Opferkonstruktionen auf die ganze Gruppe bezogen werden und dass dadurch andere Sichtweisen und Entwicklungsmöglichkeiten verdeckt werden. Dieser Verdeckungsprozess ist das, womit ich ein Problem habe. Die Menschen werden dabei gewissermaßen entmündigt. Nicht deswegen weil sie keine Sprache haben, sondern deswegen weil ihre Sprache kein öffentliches Gehör findet.

Also, dass ihnen die SprecherInnen-Position genommen wird, sie präsentiert werden, sie sich selbst aber nicht artikulieren können?

Ja. Die Frage ist, inwiefern sie selbst in die SprecherInnen-Position kommen können. Das thematisieren z.B. die Arbeiten von Klub Zwei, die schon jahrzehntelang um diese Frage kreisen – aber nur kreisen und somit genüg Raum für andere mögliche Antworten lassen. Jo Schmeiser und Simone Bader haben eine langfristige Kooperation mit maiz, aber auch sie, wie letzten Endes auch wir alle, haben keine allgemein gültigen Antworten. Die Frage ist, ob es im Bereich des Politischen, dort wo alles fließt, überhaupt möglich ist, zu letzten Antworten zu gelangen. In diesem Bereich sind deterritorialisierende Kräfte am Werk. So funktioniert einfach der Diskurs. Man grenzt sich von etwas ab, damit man überhaupt etwas entwickeln kann was nicht heißt, dass bestimmte Sachen schlecht sind. Ich habe zum Beispiel auch nichts gegen die Soziale Arbeit – ich bestreite mein Lebensunterhalt auch dadurch, dass ich bestimmten Menschen in bestimmten schwierigen Lebenssituationen mittels sozialarbeiterischer Methoden zu helfen versuche, obwohl ich sie manchmal angreife und gegen bestimmte Aspekte polemisiere. Es geht dabei um die Techniken, die angegriffen werden; inwiefern jemand pathologisiert und zum Opfer gemacht wird. Die zentrale Frage ist nach wie vor, inwiefern man in der Sozialen Arbeit eine unterstützende Rolle spielen kann. Wir haben jetzt z.B. eine sehr große Unterstützung von der Kunstszene in Wien für die Refugee-Bewegung, aber es war von Anfang an klar, wer was macht, wie was gemacht wird, wer spricht etc. Die ganze Reflexion, die sich seit den 90er Jahren entwickelt hat zeigt da eine Wirkung in der Realität. Es lässt sich jedenfalls beobachten, dass eine gewisse Bewegung, eine Bewusstwerdung, ein Prozess der Hinterfragung existent ist, auch wenn dabei viele Fehler gemacht werden. Aber es war von Anfang an klar: Eine bestimmte Anzahl der politischen und geschulten Menschen hat dabei gesagt: „Wir sind UnterstützerInnen, aber die SprecherInnen-Positionen und Anliegen, die habt ihr. Wir machen das, weil wir uns mit euch solidarisieren, weil eure Sache unsere Sache ist, aber ihr seid diejenigen, die in die Öffentlichkeit kommen.“ Ich habe das Gefühl, das funktioniert, obwohl sich die Konstellation der Gruppe im Allianz bedingt durch die Fluktuation ständig ändert.

Leider sind in den PDF-Versionen einige Sonderzeichen nicht richtig umgewandelt. Wir entschuldigen uns dafür!

Elke Zobl, Laila Huber (2014): „Die Frage ist ganz einfach: Wer spricht in der Kunst …“. Ein Interview mit Ljubomir Bratić von Laila Huber und Elke Zobl. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #04 , https://www.p-art-icipate.net/die-frage-ist-ganz-einfach-wer-spricht-in-der-kunst/