„Grrrls! Let’s make a zine!”

An diesem Punkt wurde mir etwas sehr Wesentliches bewusst: Während ich und meine Kolleginnen, aus Deutschland oder Österreich kommend, unsere Sprechblasen und Gedanken mit Zukunftswünschen wie „Gesundheit“ oder eine „glückliche Familie“ füllten, hatten die Frauen, die beispielsweise aus Ägypten oder Tunesien kamen, vor allem politische Themen im Fokus – wie Recht auf Bildung oder Frauenrechte.

Am meisten faszinierten mich das Selbstvertrauen und die außergewöhnliche Ausstrahlung dieser Frauen, die in ihren Ländern teilweise unter sehr schweren Bedingungen leben und auch mit Kriegen oder Unterdrückung konfrontiert sind. Trotz alledem, so schien es mir, hatten diese Teilnehmerinnen den Mut und auch den Willen, etwas in ihrer Gesellschaft zu verändern . Die Atmosphäre während der Diskussionen war sehr mitreißend und berührend.

Auf die Diskussion folgte die Produktion des Zines mit dem Titel „Me in 20 Years“. Die einzelnen Seiten wurden individuell gestaltet, doch waren gemeinsame Topics, Gedanken und Wünsche erkennbar. Ich persönlich bemerkte, dass ich meine Seite für das Zine nach der vorangegangen Diskussion viel reflektierender gestaltete und mir bewusst machte, wie sich meine Situation heute im Gegensatz zu der meiner Eltern verändert hatte. So waren auch meine Eltern, als ehemalige Gastarbeiter aus der Türkei, mit vielen Problemen in der neuen Heimat konfrontiert, schafften es jedoch, mir und meinen Geschwistern eine „sichere“ Zukunft in Deutschland zu schenken.

Der darauffolgende Stadtspaziergang bot eine weitere Facette dessen, wie mehr Bewusstsein für bestimmte Themen geschaffen und ein Zeichen gesetzt werden kann: Zusammen sind wir stark und können etwas bzw. vieles erreichen

Nach dem Workshop und den Erfahrungen die ich im Rahmen der Veranstaltung sammeln konnte, habe ich nun ein viel besseres und weitreichenderes Verständnis für „künstlerische Interventionen“. Die „graue Theorie“ konnte ich mit wertvollen Erfahrungen in der Praxis verbinden. Ich habe mich während des Kurses immer gefragt, inwiefern „künstlerische Interventionen“ etwas verändern können. Ich hatte das Gefühl, dass irgendwo auf der Welt bestimmte Gruppen zusammen kommen, hier und da etwas gestalten und die Themen dieser künstlerischen Interventionen, ohne viel Aufmerksamkeit und Wirkung am nächsten Tag verblassen. Ich wurde eines Besseren belehrt und machte die Erfahrung, wie durch künstlerische Interventionen soziale und gesellschaftliche Themen aufgegriffen und auf unterschiedliche Art und Weise anderen Menschen zugänglich gemacht werden können. Dabei geht es nicht nur darum, andere Personen zu belehren oder auf Probleme lediglich aufmerksam zu machen, sondern sie bewusst in den Prozess zu integrieren. Denn für nichts ist man zugänglicher als für etwas, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen muss. Der Austausch von Erfahrungen und das miteinander Reden und Diskutieren ist ein wichtiger Bestandteil, um Dinge kritisch reflektieren zu können. Ich denke, dies ist ein sehr wichtiger Punkt bei künstlerischen Interventionen: Es sind nicht nur die Dinge wichtig, die man „sichtbar“ macht und nach außen trägt sondern auch das Gefühl des Miteinanders und der Entwicklung gemeinsamer Ziele. Die Diskussion mit den Workshop-Teilnehmerinnen und die erstellten Zines waren für mich ein Anstoß, um über mich und meine Umwelt nachzudenken. Es war eine einzigartige Erfahrung, die ich im Rahmen dieser Lehrveranstaltung machte und möchte mich auch in Zukauft mehr damit beschäftigen.

Eine Fotodokumentation des Workshops gibt es hier.

Canan Yanginoglu (2014): „Grrrls! Let’s make a zine!”. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #05 , https://www.p-art-icipate.net/grrrls-lets-make-a-zine/