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Daniela Hahn

Daniela Hahn ist Tanz-, Theater- und Kulturwissenschaftlerin und koordiniert derzeit das künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsprojekt Writing Movement, das im Rahmen der Initiative Arts and Science in Motion der VolkswagenStiftung gefördert wird. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Interferenzen von Kunst und Wissenschaft mit Fokus auf Bewegungsforschung, dokumentarische Praktiken in den Künsten, künstlerische Forschung und die Relation von Theater und Ökologie. Zuletzt erschien der von ihr, gemeinsam mit Rolf Parr und Ansgar Mohnkern, herausgegebene Band Kulturelle Anatomien: Gehen (Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, 2017).

 

Are 100 Words Enough to Represent Artistic Research?

Ein Selbstinterview

Nachdem ich gefragt wurde, für dieses eJournal einen Beitrag im Rahmen des Themas Experimentierraum Wissenschaft und Kunst zu schreiben, das im Sommersemester 2017 Ausgangspunkt für eine durch das Interuniversitäre Doktoratskolleg Die Künste und ihre öffentliche Wirkung: Konzepte – Transfer – Resonanz organisierte Ringvorlesung war, entstand in meinen Konversationen mit der Kollegiatin Brigitte Kovacs schnell die Idee, die Form des Selbstinterviews zu erproben, um sich jenen künstlerischen Ansätzen anzunähern, die für sich reklamieren, ,forschend‘ zu sein, und zugleich meine eigene Position gegenüber den Debatten um Forschung in der Kunst zu befragen. Als Wegweiser für diesen Zugang dienten mir fünf Begriffe – Wissen, Experiment, Körper/Praxis, Spur, Dokumentation –, die im Doktoratskolleg immer wieder zu Diskussionen über die Relationen von Kunst und Wissenschaft geführt haben. Der Anspruch des folgenden Selbstinterviews ist es dabei nicht, die vorgeschlagenen Begriffe so umfassend wie möglich darzustellen, um so einen Überblick zum Stand der Diskussion zu geben. Es geht vielmehr darum, durch assoziativ angelegte und an Beispielen orientierte Zugänge eine Diskussion zu eröffnen. Der Titel dieses Selbstinterviews versteht sich dabei als paraphrasierende Anspielung auf den von Janine Schulze herausgegebenen Band mit dem Titel Are 100 Objects Enough to Represent the Dance? (2010)star (*13) – eine rhetorische Frage, die ihre Verneinung bereits vorwegnimmt. Mit ihr soll zum einen auf die Heterogenität von forschenden Praktiken in den Künsten verwiesen werden, die es unmöglich macht, von der künstlerischen Forschung zu sprechen, und zum anderen soll auf den Umstand aufmerksam gemacht werden, dass sich ein Schreiben über künstlerische Forschungsprozesse – im Zeichen einer Proliferation der über sie interdisziplinär geführten und teils kontroversen Diskurse – im Exemplarischen und Offenen bewegen muss, um das Exemplarische und Offene dieser Praktiken selbst sichtbar werden zu lassen.

Was ist der Ausgangspunkt deines Interesses für Praktiken künstlerischer Forschung?

Ein erster Ausgangspunkt war meine Auseinandersetzung mit den Interferenzen zwischen Künsten und Wissenschaften, die ich, bezogen auf Bewegungsexperimente im 19. Jahrhundert, auch zum Thema meines Dissertationsprojektes gemacht habe. Mehr und mehr hat sich die hierin behandelte Frage nach dem Wechselverhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft mit Fokus auf Wissensproduktion in experimentellen Settings dann auf die Frage verlagert, wie in künstlerischen Praktiken, insbesondere im Tanz, Wissen generiert wird. Dies hing auch damit zusammen, dass einer meiner zentralen Forschungsschwerpunkte die Bewegung des Gehens war, die seit den 1960er Jahren Gegenstand und Verfahren zahlreicher performativer, insbesondere ortsbezogener Arbeiten geworden ist, sodass man heute sogar von einer Walking Art spricht. Diese Arbeiten zeichnet zumeist aus, dass sie das Gehen nicht nur als kulturelle und ästhetische Praxis, sondern auch als explorative Vorgehensweise verstehen. Dieser Spur bin ich seither gefolgt. Aber auch wenn in den letzten Jahren zunehmend Themen wie Wissensproduktion im Tanz, Tanz als Wissenskultur oder das Verhältnis von Körper, Bewegung und Archiv in der deutschsprachigen Tanzwissenschaft verhandelt werden, ist es doch bemerkenswert, dass der Diskurs zu künstlerischer Forschung im Tanz immer noch viel stärker im englischsprachigen und skandinavischen Kontext vorangetrieben wird. Historisch lässt sich als Grund dafür zum einen eine spezifisch deutsche Trennungsgeschichte zwischen Kunst und Wissenschaft ausmachen. Zum anderen zeigt sich aber auch ein gewisser Widerstand von akademischer Seite und zugleich eine kritische Skepsis auf Seiten von KünstlerInnen, die darin eine Tendenz zur Akademisierung künstlerischer Praxis erkennen. Was hier erkennbar wird, ist eine Wissenspolitik, also die Auseinandersetzung über Wissensansprüche und Konflikte zwischen unterschiedlichen Wissensformen. Ich denke, dass eine Untersuchung der Verfahren künstlerischen Arbeitens, wie ich sie aktuell unternehme, dazu beitragen kann, diese Trennungen differenzierter zu betrachten, sie zu historisieren und zu kontextualisieren.

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Bippus, Elke (2005): Landschaft – Karte – Feld. Modelle der Wissensbildung zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis. Bremen: thealit.

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Bippus, Elke (2009): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Kunst des Forschens. Praxis eines ästhetischen Denkens. Zürich u. Berlin: diaphanes, S. 7-23.

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Cvejic, Bojana (2015): Choreographing Problems. Expressive Concepts in European Contemporary Dance and Performance. Basingstoke: Palgrave MacMillan.

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O.V. (o.J.): Der Digitale Grimm. Das Deutsche Wörterbuch, Bd. 17, Sp. 235-243. Online unter: woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GS37828#XGS37828.

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Goehr, Lydia (2006): Explosive Experimente und die Fragilität des Experimentellen. Adorno, Bacon und Cage. In: Schramm, Helmar et al. (Hg.): Spektakuläre Experimente. Praktiken der Evidenzproduktion im 17. Jahrhundert. Berlin u. New York: Walter de Gruyter, 477-506.

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Haraway, Donna (1988): Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. In: Feminist Studies 14.3, S. 575-599.

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Latour, Bruno (1998): From the World of Science to the World of Research? In: Science 280 (1998), S. 208-209.

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Krämer, Sybille (2007): Was also ist eine Spur? Und worin besteht ihre epistemologische Rolle. Eine Bestandsaufnahme. In: Dies./Kogge, Werner/Grube, Gernot (Hg.): Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 11-33.

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Manning, Erin (2016): The Minor Gesture. Durham u. London: Duke University Press 2016.

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Mersch, Dieter (o.J.): Was heißt, im Ästhetischen forschen? Online unter: http://www.dietermersch.de/Texte/PDFs/ (9. Mai 2017).

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Mersch, Dieter (2009): Kunst als epistemische Praxis. In: Bippus, Elke (Hg.): Kunst des Forschens. Praxis eines ästhetischen Denkens. Zürich u. Berlin, S. 27-47.

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Mersch, Dieter (2015): Epistemologien des Ästhetischen. Zürich u. Berlin: diaphanes.

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Schulze, Janine (Hg.) (2010): Are 100 Objects Enough to represent the Dance? Zur Archivierbarkeit von Tanz. München: e-prodium Verlag.

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Kershaw, Baz (o.J.): Earthrise Repair Shop. Online unter: http://performancefootprint.co.uk/projects/earthrise-repair-shop/

Daniela Hahn  (2017): Are 100 Words Enough to Represent Artistic Research?.

Ein Selbstinterview

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 08 , http://www.p-art-icipate.net/cms/are-100-words-enough-to-represent-artistic-research/