Are 100 Words Enough to Represent Artistic Research?

Ein Selbstinterview

Von welchen Positionen und Fragen gehst du in dieser Untersuchung aus?

Ein Knackpunkt der Kontroversen um künstlerische Forschung scheint der Begriff der Forschung selbst zu sein, der unter anderem auf den Anspruch zielt, dass Wissensproduktion methodengeleitet vonstattengeht. Anders als Verfahren, die als Techniken in einem breiten Bereich von Phänomenen angewandt werden können und auf das konkrete Tun bezogen sind, sind Methoden methodologisch fundiert und in spezifischen Forschungszusammenhängen legitimiert und deshalb in bestimmten Fällen anwendbar oder eben nicht. Auch wenn man anerkennt, dass künstlerisch Forschende nicht einfach nur intuitiv vorgehen, ist einer der Hauptkritikpunkte an künstlerischer Forschung, dass sie gerade keine Methoden besäße und aus diesem Grund auch keine Forschung im engeren Sinne sein könne. Man kann das als konzeptuelle Frage abtun; es trifft im Kern aber auch ein Legitimations- und Relevanzproblem der (Geistes-)Wissenschaften selbst. Mir geht es jedoch darum, künstlerische Forschung nicht ex negativo, also im Vergleich zum ‚Vorbild‘ wissenschaftlicher Praxis und wissenschaftlicher Methoden zu begreifen, sondern diese als eigenständige Praxis mit eigenen Verfahren und Methoden ernst zu nehmen, diese zu explizieren und dadurch auch unsere Methoden als WissenschaftlerInnen zu bereichern. Im Rahmen des Forschungsprojektes „Writing Movement“, bestehend aus einer Gruppe von Tanz- und TheaterwissenschaftlerInnen und KünstlerInnen aus dem Bereich der darstellenden und visuellen Künste, geschieht dieser Austausch derzeit vor allem mit Blick auf Praktiken des Schreibens: also Fragen nach den Verfahren und Methodologien, Materialitäten und Medialitäten des Schreibens in künstlerischen wie wissenschaftlichen Praktiken. Wie lassen sich künstlerische und wissenschaftliche Schreibpraktiken durch eine Assemblage von Objekten darstellen? Wie würde diese Assemblage für meine eigene Schreibpraxis aussehen, wie für eine Choreographin im Bereich des zeitgenössischen Tanzes? Welche Materialitäten umgeben uns, während wir schreiben? In welcher Weise beeinflussen sie das Schreiben und wie verändern Verschiebungen in dieser Anordnung die jeweilige Schreibpraxis? Welche Formen der Aufzeichnung benutzen wir und warum? Kurz gesagt: Wie lässt sich Schreiben selbst beschreiben?

Arbeitsplatz, Foto: © Daniela Hahn

Die Frage nach den Materialitäten und Instrumentalitäten des Schreibens scheint dir dabei besonders wichtig. Inwiefern?

Wissen ist immer ein situiertes, verortetes. Es entsteht in unterschiedlichen historischen, kulturellen und diskursiven Kontexten, die den Denk- und Arbeitsstil eines oder mehrerer ForscherInnen prägen (und von ihnen zugleich ,verkörpert‘ werden) sowie ihre Interaktionen mit Objekten, Dingen, Materialien, Apparaturen, die, wie Bruno Latour gezeigt hat, selbst auch ein Eigenleben entfalten und zu Aktanten in Prozessen der Wissensproduktion werden können. Wissen ist darüber hinaus gebunden an spezifische Orte, sei dies ein Labor, Atelier, Studio, Seminarraum oder eine Bibliothek, wie auch an die Körperlichkeit des Forschenden und seine Bewegungen. Gebunden also an eine Situation, wie sie sich herstellt, wenn ich hier an meinem Schreibtisch – mit Computer, Büchern, Zetteln, Stiften vor mir – Platz genommen habe, vielleicht von Rückenschmerzen geplagt vom langen, unbequemen Sitzen, mit Blick auf Pflanzen und aus dem Fenster, unter dem der Berliner Feierabendverkehr vorbeirauscht und dessen monotones Brummen sich mal mehr, mal weniger in mein Aufmerksamkeitsfenster drängt. Dass wir diese Situiertheit von Wissen und dessen ,stumme‘ Aspekte, wie man mit Michael Polanyi sagen könnte, bemerken, dazu hat die Wissenschaftsgeschichte seit Beginn der 1980er Jahre beigetragen. Sie entlarvte bekanntlich das positivistische Ideal einer auf Fortschritt ausgerichteten, universellen, neutralen Objektivität, in dem unter anderem die Körperlichkeit und soziale Positionierung des Forschenden und die eigenwillige Materialität seiner Instrumente und Gegenstände keine Rolle spielen, als normatives Narrativ, das bis heute nachwirkt.

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Daniela Hahn (2017): Are 100 Words Enough to Represent Artistic Research?. Ein Selbstinterview. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #08 , https://www.p-art-icipate.net/are-100-words-enough-to-represent-artistic-research/