Tacheles steht für Klartext sprechen, oder? | Tacheles, quo vadis?

Berlin. 30. Juli 2012. U-Bahnstation „Oranienburger Tor“.

„Entschuldigung. Wo finden wir denn das Kunsthaus Tacheles?“ schallt’s mit österreichischem Akzent durch das Berliner Großstadtgewirr. Zwei Salzburgerinnen begeben sich auf die Suche nach dem autonom verwalteten Zentrum, in dem sich KünstlerInnen aus der ganzen Welt zusammenfinden, um dort gemeinsam kreativ zu sein. Eine sympathische junge Frau hebt ihren Arm richtungsweisend und sagt: „Ihr müsst in diese Richtung. Tolles Haus. Sehr sehenswert!“ und weg ist sie, vom Sog der Großstadt mitgerissen.

Wir treiben jedoch in eine andere Richtung – in eine Welt der kollektiven Freiheit und Selbstbestimmung – in das Kunsthaus Tacheles. Schon von Weitem können wir ein baufälliges aber dennoch monumentales Gebäude im Stil der Jahrhundertwende erkennen – das Tacheles, geschmückt mit mehr oder minder bedeutungsvollen Graffitis, zieht uns sofort in seinen Bann. Sind die maroden Ziegel nicht gerade vollgesprayt, dienen sie als Ausstellungsfläche für die Schöpfungen der politisch aktiven, vielleicht sogar teilweise radikalen KünstlerInnen. Tatsächlich freuen sie sich aber über das ehrliche Interesse der Touristen an ihren Schöpfungen, ihren Inspirationen, ihren Werten und Moralvorstellungen. So kommen auch wir mit einigen von ihnen ins Gespräch. Aufgeschlossen, bodenständig und voller Hingabe führen sie uns in den Bauch des mehrstöckigen Kunsthauses und präsentieren ihr Schaffen. Gemälde, Designobjekte, Modeschöpfungen, Schmuck, Installationen, Metallskulpturen – im Tacheles ist ein immenser künstlerisch-kreativer Facettenreichtum vorzufinden.

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Foto: Julia Jung

Woher kommt diese Heterogenität? Die unterschiedlichen Spezialisierungen der KünstlerInnen und der internationale Hintergrund des Kunsthauses mögen das Jeweilige dazu beitragen. „Das Tacheles ist nämlich nicht nur ein Ort der Präsentation, sondern auch der Produktion“, erklärt uns ein Tacheles-Bewohner, der sich als „Indianer“ vorstellt. Deutsche, Österreicher, Holländer, Spanier, Russen, Peruaner – Menschen aus unterschiedlichsten Nationen und sozialen Milieus finden im Tacheles einen Raum, in dem sie sich künstlerisch frei entfalten können; wo eine Befruchtung der Künste real stattfindet und wo ein tiefgreifendes soziales, friedliches und respektvolles Miteinander herrscht.

Trotzdem sind Risse nicht nur an den Mauern zu entdecken, sondern auch im Fundament des Miteinander: Schwermut, Melancholie, Aggression und Frustration setzen der für die künstlerische Produktion so wertvollen Basis langsam zu. Den Grund dafür erfahren wir vom Indianer. Das zum Abbruch verurteilte Haus ist von den KünstlerInnen in den 1990er Jahren entdeckt und seither besetzt worden. Obwohl sie ein Mietrecht haben aushandeln können, scheint die Rechtslage kompliziert zu sein. Die Mietverträge seien abgelaufen, demzufolge wurde das Tacheles im Frühjahr 2012 zwangsgeräumt. Davon lassen sich die politisch aktiven KünstlerInnen jedoch nicht entmutigen und kämpfen unerbittlich weiter für ihre Rechte. „Ist die Situation gegen millionenschwere Privatinvestoren denn nicht aussichtlos?“ fragen wir. Der Indianer schüttelt den Kopf. Wenn auch schon viele KünstlerInnen das Haus verlassen haben – die Verbliebenen geben ihre Insel des sozialen und künstlerischen Miteinanders noch lange nicht auf.

Foto: Julia Jung

Foto: Julia Jung

In großer Dankbarkeit, mit einem kleinen Souvenir und ambivalenten Gedanken verlassen wir das Tacheles. Einerseits fasziniert von den Schöpfungen und der unbeirrbaren Kraft, eigene Rechte einzufordern, andererseits bedrückt aufgrund der vorherrschenden Situation, unterstützt durch das kapitalistische System, das freien KünstlerInnen wenig bis keinen Respekt zollt, indem es ihnen keinen Raum lässt, sie nicht unterstützt. Ein Kampf wie ihn David gegen Goliath führte – scheinbar unbesiegbar.

Im Fall Tacheles ist es jedoch Goliath, der siegt.

31. Juli 2012. Wir erfahren, dass das Tacheles aufgrund brandschutzrechtlicher Mängel von der zuständigen Behörde für BesucherInnen gesperrt worden ist. Würden diese Mängel behoben, so bestünde die Möglichkeit einer Aufhebung des Zutrittverbots. Ob die KünstlerInnen auch diese Hürde bewältigen werden, ist zu diesem Zeitpunkt unklar.

Heute wissen wir, dass das Tacheles am 4. September zwangsgeräumt worden ist. Friedlich.

Dennoch stellen wir uns die Frage, wohin bewegt sich unsere Gesellschaft, wenn sie eine solche „Insel der Seligen“ nicht fortbestehen lässt, obwohl sie der deutsche Kulturrat als „exemplarischen demokratischen Raum“star (* 1 ) bezeichnet hat, obwohl sie sich über Jahre hinweg zum „Touristenmagnet“star (* 2 ) entwickelt hat? Wohin gehen die KünstlerInnen, deren Zentrum für ihr kreatives Miteinander, ihre Kunstproduktion, ihr Leben das Tacheles war?

Wohin darf die alternative Kunst gehen?

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Foto: Julia Jung

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Africa, Tim (2010): Deutscher Kulturrat: “Tacheles als exemplarischer demokratischer Raum”. In: Kunsthaus Diaspora, online unter http://www.kunsthaus-tacheles.de/news/.

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Henneke, Mechthild (2010): Das Tacheles steht vor dem Aus. Künstlerstätte und Touristenmagnet, in: n-tv, online unter: http://www.n-tv.de/panorama/Das-Tacheles-steht-vor-dem-Aus-article705678.html.

Julia Jung : (2013) Tacheles steht für Klartext sprechen, oder? | Tacheles, quo vadis?.

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #02 , https://www.p-art-icipate.net/tacheles-steht-fur-klartext-sprechen-oder-tacheles-quo-vadis/