Wie Wissen produzieren und Strukturen transformieren?

Ein Interview mit Carmen Mörsch

Institutionen und Verlernen

Elke: Eine Frage, die uns auch sehr stark beschäftigt hat, war, wie wir Freiräume innerhalb der Institution Universität schaffen können. Also wie wir einerseits in dem System agieren können, es verhandeln können, ohne es jedoch zu füttern und Bestandteil davon zu werden. Das Praktikum, das du angeregt hast, scheint uns ein sehr wertvolles Ergebnis zu sein, um eine andere Art der Zusammenarbeit von ehemaligen Schülerinnen und der Universität einzugehen. An dieses Beispiel anknüpfend wollten wir dich fragen, was du über diese Möglichkeiten von Freiräumen innerhalb und zwischen Institutionen denkst, wie man so ein System auch brüchig und durchlässig machen kann und was es dazu braucht.

Carmen: Diese Geschichte mit dem Praktikum freut mich sehr, dass ihr da so positive Rückmeldungen habt, dass das ein guter Weg ist. Beim Institutionsbegriff finde ich es schwierig, klar das Innen und Außen festzumachen; selbstorganisierte Zusammenhänge haben Dimensionen, die institutionell sind und umgekehrt gibt es in den Institutionen immer wieder Mikropraktiken, die nicht unbedingt in der Institutionslogik funktionieren. Aber gleichzeitig stimmt es natürlich, dass akademische Institutionen auch sehr regulierte Räume sind, obwohl sie eine Zeit lang angetreten waren, auch Räume der Freiheit zu denken.

Und da sind wir, glaube ich, auch wirklich in einer schwierigen Zeit. Ich finde, dass  es sich wahrscheinlich lohnt, sich euer Beispiel – diese Zusammenarbeit mit den Lehrlingen ‑ ganz genau anzuschauen. Meine eigene Erfahrung ist, dass man auf vielerlei Widerstände und Zurückweisungen trifft. Und dass es auch manchmal ohne diese Zurückweisungen und Widerstände schwierig ist, , nämlich dass man von der Institution  total vereinnahmt wird. Das kann ja euch auch passieren, dass die Uni eure Lehrlinge und Praktikantinnen entdeckt, sie auf dem Titelblatt der neuen Unizeitschrift landen und es dann alle machen, mit der Folge dass das dann inhaltlich total ausdünnt und möglicherweise sein Potenzial zum Räume Schaffen einbüßt.

Aber ich denke, in dem Wechselspiel bewegen wir uns ohnehin immer, nicht nur an den Universitäten, sondern auch anderswo. Was wir in unseren Positionen machen können, ist, dass wir auf der Ebene der institutionellen Arbeit dafür sorgen, dass es möglichst viel Freiraum gibt, dass es möglichst viele Bereiche gibt, in die Ressourcen hineinfließen können, ohne dass totale Kontrolle herrscht. Das ist das, was wir machen können: Unsere Privilegien, unser symbolisches Kapital dafür einzusetzen, möglichst viel davon umzuverteilen. Jedoch ist das harte Arbeit, die wenig Anerkennung findet. Denn aus der Perspektive der Institution ist man die Querulantin und aus der Perspektive derer, für die man die Räume öffnen will, ist man die „Institutionstante“. Da hat einen niemand so wirklich lieb.

Elke: Das ist auch zähe Arbeit.

Carmen: Andererseits ist diese Arbeit auch nicht schlecht bezahlt und eröffnet uns für uns selbst viele Möglichkeiten.

Die grundlegenden Fragen wurden im Sparkling-Science Team „Making Art – Taking Part!“ erarbeitet (Elke Smodics, Laila Huber, Veronika Aqra).

Elke Zobl (2016): Wie Wissen produzieren und Strukturen transformieren?. Ein Interview mit Carmen Mörsch. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/wie-wissen-produzieren-und-strukturen-transformieren/