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Elke Krasny

ist Kulturtheoretikerin mit den Arbeitsschwerpunkten Kunst, Architektur und Urbanismus des 20. und 21. Jahrhunderts, Kunst- und Architekturtheorie, Gender Studies, Bildung und Didaktik; Museen und Ausstellungen als kollektive Formationen von Wissensproduktion und Identitätskonstruktion. Sie arbeitet als Ausstellungs- und Architekturkritikerin, Kuratorin.

Seit 2008 ist sie Senior Lecturer an der Akademie der bildenden Künste am Institut für künstlerisches Lehramt sowie am Institut für Kunst und Architektur. Schwerpunkte: Kunst und Öffentlichkeit, Kunst- und Kulturvermittlung, Kunst im öffentlichen Raum, Räumlichkeit und Visualität, Architekturtheorie Lehraufträge an verschiedenen österreichischen Universitäten, wie der Universität Salzburg (— Stadt. Raum Gender. Lehrveranstaltung am Institut für Geografie im Rahmen der Gender Studies an der Universität Salzburg, Sommersemester 2008) oder der Technischen Universität Wien, diverse Gastprofessuren.

Im Gehen

Die Subjekte gehen durch die Stadt. Die Stadt geht durch die Subjekte.
Die Körper der Subjekte gehen durch die Stadt. Die Stadt geht durch die Körper der Subjekte.

Die Position der Körper und die Position der Subjekte ist in dem Wissen, das durch die Stadt geht, nicht deckungsgleich.

Mit den Schritten, die die Subjekte setzen, verändert sich die Stadt. Mit den Schritten, die die Körper machen, verändert sich die Stadt. Die Stadt ist die permanente Veränderung durch die Schritte der vielen, die ihre Verhältnisse zueinander und zur Stadt im Vorübergehen andauernd verschieben und neu konstellieren.

Die Veränderung durch diese Schritte, deren Maßstab das Mikropolitische ist, ist nicht die Veränderung, von der die Rede ist, wenn in den makropolitischen Schritten der historischen Zäsuren die Entwicklung von Stadt, den Logiken der Produktion und Konsumption folgend, eingeteilt wird: die vor-industrielle Stadt, die industrielle Stadt, die nach-industrielle Stadt. Eine andere Serie von Zäsuren in der Entwicklung von Stadt wäre die folgende: die vor-fordistische Stadt, die fordistische Stadt, die nach-fordistische Stadt.
Jede dieser Zäsuren veränderte die Schritte, die die Subjekte setzen können, setzen wollen, als zu setzende entwickeln können.

Jede dieser Zäsuren veränderte die Schritte, die die Körper setzen können, setzen wollen, als zu setzende in Erwägung ziehen. Der physische Raum der Stadt, der sich den Zäsuren folgend durch Adaption und Neubau zu verändern beginnt, wirkt auf die Schritte der Subjekte, lenkt die Körper auf andere Weisen. Das Gehen ist ein Maßstab der Veränderung.

Die Stadt der Industrialisierung setzte die Körper in Bewegung: Schritte in die Fabriken, Schritte in den Arbeiterbildungsverein, Schritte in die öffentlichen Parks, Schritte zur Kutsche, Schritte zur Straßenbahn, Schritte zur Demonstration, Schritte auf die Straße, Schritte in die Öffentlichkeit.

Der erste Höhepunkt der Industrialisierung trieb auch die Forschung auf die Straße. Dort entdeckte sie die revolutionäre Kraft der Analyse. Empirie traf philosophische Interpretation. Interpretation traf politische Motivation. Die eine Seite der gehenden Straßenforschung, die im und mit dem Raum der Stadt und seinen Subjekten in kritischer Analyse operierte, nahm mit Friedrich Engels (1820–1895) Mitte des 19. Jahrhunderts in Manchester ihren Anfang. Armut, Elend, soziale Not, katastrophale Wohnverhältnisse nahm Engels im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen nicht als zu heilende Krankheit, nicht als wucherndes Geschwür in der Stadt, welche in der Vorstellung einem Körper gleichgesetzt wurde, wahr, sondern als Ergebnis von Strukturen und Produktionsverhältnissen. „And the method he used to achieve that encompassing vision was to go for a walk around Manchester with his eyes peeled.”(Donald 1999: 35)star (* 1 ) Die empirische Begehung durch Engels setzte analytisch die Raumverhältnisse und die Produktionsverhältnisse in ein dynamisches Verhältnis zueinander. Die Dynamiken der Realsituationen fanden in der empirischen Analyse und Interpretation ihre ebenso dynamische Entsprechung. Von hier aus ließ sich Veränderung fordern. Nachzulesen war diese auf sozialem und semiotischem Mapping (vgl. Donald 1999: 35)star (* 1 ) beruhende Analyse in Die Lage der arbeitenden Klasse in England, 1845 erstmals auf Deutsch publiziert, 1887 folgte die Veröffentlichung in englischer Sprache.

Das Gehen öffnete der Forschung die Augen. Die Lage der arbeitenden Klasse in England war eine Analyse der Verhältnisse, die Politik machte. Die Schritte, die gesetzt werden mussten, wurden klar. Diese Schritte beruhten auf jenen Schritten, die gegangen worden waren, um dem Wissen der Subjekte in der Stadt nachzugehen, deren Lage die Verhältnisse des Kapitals im Prozess der Industrialisierung verkörperten. Das Gehen setzte die Verhältnisse zueinander in Verhältnisse: die Lage der Fabriken, die Lage der Wohnungen, die Lage der Subjekte. Die Lage erlaubt den Standort zu denken wie den Zustand. Die Lage ist räumlich und politisch. Die Lage kann verändert werden, werden die richtigen Schritte gesetzt. Die Frage des Wissens wird zu einer Frage der Macht (vgl. Foucault 1992)star (* 2 ). Die Frage der Macht stellt die Frage nach anderen Wissensformen. Die Formen des Wissens gehen auf die Straße. Sie verkörpern die Schritte der Veränderung.

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Donald, James (1999): Imagining the Modern City. Minneapolis: University of Minnesota Press.

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Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik, Berlin: Merve Verlag.

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Keiller, Patrick (2012): The Possibility of Life’s Survival on the Planet, London: Tate Publishing.

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Krasny, Elke (2011): Hong Kong City Telling. Reclaimed. Redeveloped. Resumed. Resubjectivated. In: Urbane Räume: Zwischen Verhandlung und Verwandlung. Kulturrisse, Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik, Heft 2/2011, Wien: IG Kultur Österreich.

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Krasny, Elke (2008): Stadt und Frauen. Eine andere Topographie von Wien, Wien: Metro Verlag.

Veredelung von Geweben.

Elke Krasny  (2013): Im Gehen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 02 , http://www.p-art-icipate.net/cms/im-gehen/