„Es braucht öffentliche Räume, in denen Neues erdacht werden kann!“

Das Konzept der Zukunftswerkstätten
Ein Interview mit Hans Holzinger und Walter Spielmann

Elke Zobl: Um vielleicht auf die Metaebene zu gehen ‑ wie würdet ihr sagen, hängt die Zukunftswerkstatt mit der Verhandlung von Demokratie zusammen und welcher Demokratiebegriff oder auch Politikbegriff liegt dem Ganzen zugrunde?

Hans Holzinger: Zukunftswerkstätten fördern Demokratie und Demokratisierung, weil Menschen nach ihren Erfahrungen, ihren Meinungen und ihren Vorschlägen gefragt werden. In der Regel werden ja Zukunftspläne von Expert*innen ausgehandelt, ohne die Erfahrungen der Betroffenen einzubinden. Das spricht nicht gegen Fachwissen, das in komplexen Gesellschaften nötig ist. Doch dieses Fachwissen soll ergänzt werden durch das, was wir „Bürger*innen-Wissen“ bzw. „Citizen Science“ nennen. Um seine Meinung gefragt zu werden, ist ein erster Schritt in Richtung Demokratisierung. Der zweite große Schritt ‑ den hat Robert Jungk die „permanente Werkstatt“ genannt ‑ liegt im Prozess des gemeinsamen Umsetzens von Ideen, bei dem auch politisches Lernen stattfindet. Was und wen brauchen wir für die Realisierung? Welchen Widerständen begegnen wir und wie gehen wir mit diesen um? Stoßen wir auf Machtstrukturen, die sachlich nicht gerechtfertigt sind?

Walter Spielmann: Ich bin sehr dankbar für die Frage, weil meist eine verbindliche institutionalisierte Form der Weiterführung der Ergebnisse fehlt. Es wäre spannend, beispielsweise einmal im Jahr den Gemeinderat einzuladen oder aufzufordern, sich alle Ergebnisse von Zukunftswerkstätten in der Stadt oder in einer Gemeinde anzuschauen und mit den Teilnehmenden darüber zu diskutieren. Die Idee wäre, die Bürger*innenwünsche in die etablierten politischen Partizipationsgremien einzuspeisen und dort weiter zu bearbeiten. Das funktioniert bisher nicht. Claus Leggewie und Patrizia Lanz schlagen in ihrem Buch „Die Konsultative“ sogenannte Zukunftsräte vor. Bürger*innen und Bürger sollen eingeladen werden, mit Unterstützung einer geschulten Moderation Zukunftsvorschläge auszuarbeiten, die dann in die demokratisch legitimierten und etablierten Gremien eingespeist werden. Ansatzweise wird dies in Vorarlberg bereits praktiziert. Auch in Salzburg gab es einige Bürger*innen-Räte.

Elke Zobl: Aber diese Generierung und Umsetzung von Vorschlägen verharrt innerhalb des Mehrheitsdiskurses des politischen Systems. Es geht dabei nicht darum, dieses zu dekonstruieren oder zu verändern. Wie seht ihr in diesem Kontext Möglichkeiten zu gesellschaftlichen Veränderungen, die auch strukturell ansetzen? Wie das System nicht reproduzieren?

Hans Holzinger: Das hängt natürlich von der Themenstellung ab. Sehr oft arbeiten wir in Zukunftswerkstätten mit sehr konkreten Fragestellungen. „Wie wollen wir unsere Organisation weiterentwickeln?“ oder „Was wünschen sich Jugendliche in der Gemeinde?“ Das sind sehr konkrete Fragen mit abgegrenzten Handlungsfeldern, die höchstens indirekt systemverändernd wirken können, wenn hier Demokratisierungsprozesse stattfinden. Wir haben aber auch Zukunftswerkstätten zu makrogesellschaftlichen Themen durchgeführt. Etwa zur Frage „Wie wünschen wir uns die Arbeit der Zukunft?“ Da werden Bedürfnisse artikuliert und Vorschläge entwickelt, die sich an Entscheidungsträger*innen in Politik und Wirtschaft richten und die ­‑ wenn sie weiterverfolgt werden ‑ gesellschaftsverändernden Charakter haben können.

Elke Zobl: Das heißt, der Fokus liegt immer auf dem Konkreten und Spezifischen. Und wie nehmt ihr in den Diskussionen das Strukturelle in den Blick?

Hans Holzinger: Wenn Gruppen in der Umsetzung von entwickelten Ideen auf Widerstände stoßen, dann kommt man auf diese strukturellen Fragen. Warum gibt es diese Schwierigkeiten? Woran scheitern Projekte? Ein weiterer Lernprozess liegt in der Erfahrung, dass es in Gruppen unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse gibt, was ja auch mit Demokratie zu tun hat. Es ist ja nicht so, dass alle Bürger*innen das Gleiche wollen oder auch nicht, dass Bürger*innen immer Recht haben und die Politiker*innen immer falsch handeln. Diese Erfahrungen werden in der Umsetzungsphase reflektiert.

Walter Spielmann: Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, dann denkst du „Wo ist dieses revolutionäre Feuer?“

Elke Zobl: Bei euch!?

Walter Spielmann: Genau. Ich bin überzeugt davon, dass Robert Jungk gesagt hätte: „Ihr seid doch alle viel zu konservativ, seid mutiger, wir müssen das System ändern, sonst bricht uns das alles zusammen.“ Und dieses revolutionäre Feuer gibt es natürlich, ja, es ist erfreulich, wenn es da ist bzw. entsteht. Vor allem in der Frühphase der Zukunftswerkstätten-Bewegung wurde bei Jahrestreffen heftigst diskutiert. In der Nachfolge der 1968er Jahre wurde ja versucht, das System insgesamt umzubauen. Das erleben wir heute so nicht mehr. Aber es gibt Leute, die nach wie vor dieses Feuer in sich haben, die möchten die Welt einfach anders sehen und das ist schön und wichtig. Aber von einer Zukunftswerkstatt zu erwarten, dass sie dafür das Patentrezept liefert, das schaffen wir nicht. Wir haben das Privileg hier, an diesem Ort, über diese Dinge nachdenken und reflektieren zu können. Das schon alleine finde ich wertvoll.

Hans Holzinger: Im Grunde sind wir als Moderator*innen neutral, wir geben nicht vor, welche Ergebnisse am Ende herauskommen sollen. Zum anderen haben wir natürlich selbst Vorstellungen darüber, wie eine andere, eine fairere, lebendigere Gesellschaft aussehen könnte. Da entsteht ein gewisses Spannungsverhältnis.

Elke Zobl, Laila Huber (2016): „Es braucht öffentliche Räume, in denen Neues erdacht werden kann!“. Das Konzept der Zukunftswerkstätten Ein Interview mit Hans Holzinger und Walter Spielmann . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/es-braucht-offentliche-raume-in-denen-neues-erdacht-werden-kann/