Aktionismus in der russischen Gegenwartskunst zwischen Kultur und Politik

Die Moskauer Radikalen und das Künstlerkollektiv Chto delat?

Das Künstlerkollektiv Что делать? – Strategien und Zielsetzungen

Im Gegensatz zum Einzelkämpfertum der 1990er Jahre, den Jahren der Positionierung, treten im Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende wieder Kollektivbewegungen verstärkt hervor. Triebkraft für die Gründung ist das politische Klima, dessen negative Seiten sich in der Destruktion bestehender Werte und allgemeiner Trostlosigkeit bemerkbar machen.

Das russische Kollektiv ist beispielhaft für die gegenwärtige russische Kunst, die sich im Grenzbereich von politischer Demonstration, gesellschaftlichem Engagement und generellem Widerstand auf der einen Seite und dem Kunstbegriff auf der anderen Seite bewegt. In diesem Zusammenhang stehen auch Überlegungen, was Künstlergruppen wie Chto delat? auf politischer oder gesellschaftlicher Ebene bewirken können, wie sie von dieser Warte aus wahrgenommen werden und wie die offizielle Kultur auf sie reagiert.

Bereits der Name der Gruppe signalisiert auch die Zielrichtung ihrer Absichten, stellt sie sich damit doch in die Tradition eines Diskurses um Möglichkeiten einer radikalen Politik, wie ihn zunächst Nikolai Chernyshevsky, dann Lenin geführt haben. Die Frage beinhaltet die Aufforderung nach mehr Rechten für die Unterdrückten und wird zu einem grundlegenden Anliegen von Kunst, Wissenschaft und Politik.*4 *( 4 ) 1989 stellen Paulo Freire und Adriano Nogueira diese Frage ihrem Essay Que fazer? Teoria e Practica Educação Popular voran und mit der documenta 12 wird sie von ihrer zunächst politischen Anbindung auch auf Ästhetik und Erziehung übertragen.

Die Aktivitäten von Chto delat? bestehen unter anderem in Ausstellungen, Seminaren, Podiumsdiskussionen, die mehr das theoretische Konzept als die ästhetischen Qualitäten der Vermittlung berücksichtigen. Vollziehen sich die Aktionen in temporär begrenzten Räumen, steht hingegen fast alles, was textbasiert ist, also Gespräche sowie die gesamte theoretische Basis, über Internet zur Verfügung.

Weiterhin beinhaltet die Arbeit der Gruppe die Herausgabe einer Zeitschrift, die bei kulturellen und politischen Veranstaltungen verteilt wird. Jede Ausgabe stellt ein Thema in den Mittelpunkt, das für die politische und gesellschaftliche Situation aktuell ist, insbesondere auch die Veränderungen der politischen Landschaft des postsowjetischen Russlands. So bildet die allgemeine, maßgeblich von der Politik bestimmte Befindlichkeit in Russland zwar den Schwerpunkt, gleichzeitig aber werden die Betrachtungen im internationalen Rahmen verortet.

Eine ihrer ersten Aktionen war die Neugründung von St. Petersburg und als Protest gegen die Art und Weise gerichtet, wie der dreihundertste Jahrestag der Stadt gefeiert werden sollte. Straßensperren und Kontrollen in der gesamten Innenstadt vermittelten mehr den Eindruck einer streng geregelten Ausnahmesituation als den eines Festes. Am entscheidenden Tag veranlasste Chto delat? einen demonstrativen Auszug von Bürgern aus dem Stadtzentrum, um außerhalb des Stadtgebietes die Neugründung als Zeichen für einen bürgernahen Neubeginn vorzunehmen.

Mit der Aktion Angry Sandwich People suchten die Gruppenmitglieder ihre Argumente in Zusammenarbeit mit lokalen Gruppen wie der Workers’s Democracy und The Pyotr Alexeev Resistance Movement in Form von Straßentheater vorzubringen, das mit aufklärerischer Absicht an Bert Brechts epischem Theater orientiert war. Bewusst war als Veranstaltungsort der Stachek Ploschad gewählt worden, jener Platz, an dem 1905 die Demonstrierenden von der Zarengarde niedergeschlagen worden waren.

Eine Ausrichtung an Brechts poetischem Konzept liegt auch dem Perestroika Songspiel zugrunde, einer filmischen Inszenierung, die die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit und ihre Bedeutung für die gegenwärtige Situation reflektiert. Handlungszeitraum und Bezugspunkt ist der 21. August 1991, jener Tag, an dem der restaurative Gegenputsch niedergeschlagen wurde und die sich anbahnenden Wandlungen für einen Augenblick auf der Kippe standen. Fünf Charaktere verkörpern mit Demokrat, Nationalist, Geschäftsmann, Feministin und Revolutionär neue Typen, die durch den politischen Umbruch hervorgebracht wurden. Sie geben ihre jeweilige Sicht auf die Geschichte zu Protokoll. Ein Chor kommentiert vom aktuellen Standpunkt aus das Geschehen. Gemäß der polyphonen Logik folgt jede Stimme ihrem eigenen Thema, ohne die Einheit des Magnum Opus zu stören (vgl. Miziano 2011: 38)star (* 5 ). Aus der Stimmvielfalt wird gleichwohl deutlich, dass die Hoffnung auf eine gerechte Gesellschaft Illusion bleibt, ihre Erfüllung notwendigerweise scheitern muss. Die an Tableaus oder lebende Gemälde gemahnende Aufstellung und der emotionslose, gleichwohl zwischen Tragik und Komik balancierende Vortrag des Chores distanziert den Betrachter von einer Anteilnahme, um ihn letztendlich wie im Brecht’schen Theater desorientiert zurückzulassen.

Auch bei dem halbstündigen Video Tower Songspiel von 2010 ist die Anlehnung an Brecht nicht zu übersehen, auch hier wird eine politische Entscheidung in einer epischen Form so verhandelt, dass der Zuschauer nicht einer Illusion unterliegt, sondern er vielmehr durch rationale Argumente zum Urteil aufgerufen und so zur Teilhabe an der Handlung animiert wird. Den Stoff liefern die Diskussionen um das Okhta Center, das nach den Plänen des Energiekonzerns Gazprom inmitten der Altstadt von Sankt Petersburg gebaut werden soll. Der 403 Meter hohe Wolkenkratzer würde aber nicht nur das Stadtbild erheblich beeinträchtigen, sondern auch das Ambiente der Altstadt verändern. Trotz heftigen öffentlichen Widerstands sind die Weichen längst gestellt. Was als Symbol der neuen Rohstoffmacht ideologisch überwältigen möchte, gerät im Film zur Parodie eines gefräßigen Kapitalismus, repräsentiert durch eine fremdgesteuerte Vorstandssitzung, die sich den Interessen der Bevölkerung selbstherrlich verweigert.

Trägt die Gründungsaktion der Gruppe noch deutliche Züge einer Gegendemonstration in Opposition zur offiziellen politischen Entscheidung, bedienen sich die Straßenaktion und der Film mit dem epischen Theater explizit einer künstlerischen Form, die gleichwohl so gewählt ist, dass sie gemäß der marxistischen Kunsttheorie einem breiten Publikum in leicht rezipierbarer Weise die historisch-konkrete Wirklichkeit vor Augen stellt. Doch anstelle der dem sozialistischen Realismus implizierten Konformität werden die Zuschauer ausdrücklich mit einer konträren Meinung konfrontiert und so zur kritischen Stellungnahme aufgerufen.

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Bollinger, Klaus/Medicus, Florian (2013): Unbuildable Tatlin?! Wien/New York: Springer.

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Chto delat? (Hg.) (2004): Emancipation from/of Labour. Online unter: http://www.chtodelat.org/images/pdfs/Chtodelat_03.pdf (11.03.2013).

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Kovaljev, Andreij (2007): Rossijskij Akcionizm 1990–2000. Moskau: Verlag World Art Muzeij.

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Magun, Artemy/Maisel, Evgenij/Skidan, Alexander (2004): Manifesto 003 In: Chto delat? (Hg.): What is to be done? Online unter: www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=13%3Amanifesto-003&catid=1%3A1-what-is-to-be-done&Itemid=427&lang=en (12.03.2013).

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Miziano, Viktor (2011): Im Gespräch mit Dmitry Vilensky. In: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (Hg.): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, S. 38.

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Oleinikov, Nikolai (2011): Stimmen aus dem Kollektiv. In: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (Hg.): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.

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Osmolovskij, Anatolij (2005): Die radikale Kunst der neunziger Jahre in Russland. In: Groys, Boris (Hg.): Zurück aus der Zukunft. Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des Postkommunismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 675–708.

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Penzin, Alexei/Vilensky, Dmitry (2009): What’s the Use? Art, Philosophy, and Subjectivity Formation. In: Chto delat? (Hg.): What is the use of art?, Nr. 25. Online unter:  www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=557%3Aalexei-penzin-dmitry-vilensky&catid=204%3A01-25-what-is-the-use-of-art&Itemid=455&lang=en (12.03.2013).

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Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (2011): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König

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Vilensky, Dmitry (2004): The Negation of Negation. In: Chto delat? (Hg.): What is to be done?, Online unter:
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Aus Gründen der Lesbarkeit ist in Aufzählungen von weiblichen und männlichen Personen bei Nennung einer männlichen Funktionsbezeichnung, sofern nicht anders gekennzeichnet, ebenso immer die weibliche Form gemeint.

Zum Moskauer Aktionismus vgl. Osmolovskij (2005: 675–708)

Aktuell gehalten wurde die Bestandsaufnahme eine Zeit lang über die Homepage Kovaljevs, der selbst auch als Künstler agiert, besteht gegenwärtig aber lediglich in einem Blog, über den sich Künstler, Beobachter und Interessierte austauschen.

In ähnlicher Weise hat sich die Gruppe Radek bei ihrer Namensgebung auf den Sozialdemokraten und Bolschewisten Karl Radek bezogen.

Übersetzung: Die Revolution ist beendet, doch hat sie am Schluss eine neuen Lebensform eingeführt. Und die Nostalgie des Dichters besteht im Versuch in der reaktionären Wüste das zu rekonstruieren, was die Menschen verworfen haben, andere Werte und diese vorwärts zu bringen

Viola Hildebrand-Schat (2013): Aktionismus in der russischen Gegenwartskunst zwischen Kultur und Politik. Die Moskauer Radikalen und das Künstlerkollektiv Chto delat?. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #02 , https://www.p-art-icipate.net/aktionismus-in-der-russischen-gegenwartskunst-zwischen-kultur-und-politik/