Aktionismus in der russischen Gegenwartskunst zwischen Kultur und Politik

Die Moskauer Radikalen und das Künstlerkollektiv Chto delat?

Kunst als Politik

Funktion und Aufgaben der Kunst haben sich über die Jahrhunderte hin ständig geändert. Nachdem Kunst nach der Säkularisierung und nach der Französischen Revolution nicht mehr mit kirchlichen und staatlichen Aufträgen rechnen konnte, nachdem sie im weiteren Verlauf ihrer Geschichte der Funktion entbunden wurde, ein Abbild der Realität zu liefern, mimetisch und gegenständlich das Sichtbare auf die Leinwand oder in Stein zu bannen, nachdem sie schließlich nach der Zeit von Abstraktem Expressionismus und Informel auch nicht länger als gegenstandloser Ausdruck rein materialer Substanz den an sie gestellten Ansprüchen genügt, hat sie sich mehr und mehr auf einer Position eingerichtet, die soziale Gegebenheiten ins Auge fasst, Hintergründe aufdeckt und damit Aufmerksamkeit zu erregen und im Weiteren auch Kritik zu üben sucht. Im Russland der Gegenwart haben zunächst die Moskauer Radikalen, Künstler wie Oleg Kulik, Alexander Brener, Anatolij Osmolovskij und Avdeij Ter Oganjan durch provokative Handlungen den Blick auf herrschende Missstände zu lenken gesucht, in ihrer Folge sind weitere Künstlergruppen, darunter als eine der jüngsten Gruppierungen das Kollektiv Chto delat? hervorgetreten, die zum Teil mit vergleichbarer Radikalität, zum Teil mit gemäßigteren Aktionen ihre Kritik hervorbrachten.

Auch wenn darin bei Weitem nicht das ganze gegenwärtige Kunstschaffen erschlossen ist und weiterhin Auffassungen einer l’art pour l’art, also einer allein auf visuelle Affektion abzielenden Darstellungsweise für das gesamte künstlerische Tätigwerden als relevant zu erachten sind, so bleibt doch die sozialpolitische und kritische Stellungnahme ein wichtiger und breiten Raum beanspruchender Aspekt innerhalb der künstlerischen Positionen der Gegenwart.

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Bollinger, Klaus/Medicus, Florian (2013): Unbuildable Tatlin?! Wien/New York: Springer.

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Chto delat? (Hg.) (2004): Emancipation from/of Labour. Online unter: http://www.chtodelat.org/images/pdfs/Chtodelat_03.pdf (11.03.2013).

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Kovaljev, Andreij (2007): Rossijskij Akcionizm 1990–2000. Moskau: Verlag World Art Muzeij.

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Magun, Artemy/Maisel, Evgenij/Skidan, Alexander (2004): Manifesto 003 In: Chto delat? (Hg.): What is to be done? Online unter: www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=13%3Amanifesto-003&catid=1%3A1-what-is-to-be-done&Itemid=427&lang=en (12.03.2013).

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Miziano, Viktor (2011): Im Gespräch mit Dmitry Vilensky. In: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (Hg.): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, S. 38.

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Oleinikov, Nikolai (2011): Stimmen aus dem Kollektiv. In: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (Hg.): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.

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Osmolovskij, Anatolij (2005): Die radikale Kunst der neunziger Jahre in Russland. In: Groys, Boris (Hg.): Zurück aus der Zukunft. Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des Postkommunismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 675–708.

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Penzin, Alexei/Vilensky, Dmitry (2009): What’s the Use? Art, Philosophy, and Subjectivity Formation. In: Chto delat? (Hg.): What is the use of art?, Nr. 25. Online unter:  www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=557%3Aalexei-penzin-dmitry-vilensky&catid=204%3A01-25-what-is-the-use-of-art&Itemid=455&lang=en (12.03.2013).

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Rancière, Jacques (2001): Die Aufteilung der sinnlichen Welt (Le partage du sensible). Ästhetik und Politik. In: KultuRRevolution „Kollektivsymbolik des 21. Jahrhunderts? – Frankreich, Heft  41/42.

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Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (2011): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König

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Vilensky, Dmitry (2004): The Negation of Negation. In: Chto delat? (Hg.): What is to be done?, Online unter:
www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=20%3Athe-negation-of-negation&catid=1%3A1-what-is-to-be-done&Itemid=427&lang=en (12.03.2013).

Aus Gründen der Lesbarkeit ist in Aufzählungen von weiblichen und männlichen Personen bei Nennung einer männlichen Funktionsbezeichnung, sofern nicht anders gekennzeichnet, ebenso immer die weibliche Form gemeint.

Zum Moskauer Aktionismus vgl. Osmolovskij (2005: 675–708)

Aktuell gehalten wurde die Bestandsaufnahme eine Zeit lang über die Homepage Kovaljevs, der selbst auch als Künstler agiert, besteht gegenwärtig aber lediglich in einem Blog, über den sich Künstler, Beobachter und Interessierte austauschen.

In ähnlicher Weise hat sich die Gruppe Radek bei ihrer Namensgebung auf den Sozialdemokraten und Bolschewisten Karl Radek bezogen.

Übersetzung: Die Revolution ist beendet, doch hat sie am Schluss eine neuen Lebensform eingeführt. Und die Nostalgie des Dichters besteht im Versuch in der reaktionären Wüste das zu rekonstruieren, was die Menschen verworfen haben, andere Werte und diese vorwärts zu bringen

Viola Hildebrand-Schat (2013): Aktionismus in der russischen Gegenwartskunst zwischen Kultur und Politik. Die Moskauer Radikalen und das Künstlerkollektiv Chto delat?. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #02 , https://www.p-art-icipate.net/aktionismus-in-der-russischen-gegenwartskunst-zwischen-kultur-und-politik/