Aktionismus in der russischen Gegenwartskunst zwischen Kultur und Politik

Die Moskauer Radikalen und das Künstlerkollektiv Chto delat?

Die Zeitung von Chto delat?: Theorie und Manifest

Konzept und Ziele der Gruppe Chto delat? finden ihre Fixierung in der gleichnamigen Zeitschrift, die seit 2003 von Vilensky und David Riff herausgegeben wird. Sie schließen damit an vorangegangene Projekte an, wie Anatolij Osmolovskijs Zeitschrift Radek. Teorija, Iskusstvo, Politika, die seit 1995 im Rahmen des Projektes Mail Radek publiziert wurde. Chto delat? erscheint monatlich, jede Ausgabe ist einem bestimmten Thema gewidmet, das in Auszügen aus philosophischen Essays, Interviews, Manifesten, Briefen, Gesprächen und Stellungnahmen zur aktuellen Situation verhandelt wird. Als Autoren zeichnen nicht nur die Mitglieder der Gruppe verantwortlich, sondern auch Personen aus Wissenschaft und Kultur, die die neueren Entwicklungen in den Gesellschaften innerhalb des von Globalisierung und Machtkämpfen destabilisierten nationalen Gefüges verfolgen und kommentieren. Zu nennen sind neben Dmitry Vilensky, David Riff, Artemy Magun, Nikolai Oleinikov, Alexei Penzin, Alexander Skidan und Oxana Timofeeva unter anderem Dmitry Gutov, Viktor Mazin, Viktor Miziano, Toni Negri, Vladimir Salnikov, aber auch Ekaterina Degot, Olesya Turkina, Martha Rosler, Jean Fisher, Jean-Luc Nancy, Jacques Rancière kommen zu Wort. Abgedruckt werden weiterhin Texte von Gilles Deleuze, Felix Guattari. Ihnen gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit dem Marxismus und seiner Relevanz angesichts der veränderten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Erklärtes Ziel Negris beispielsweise ist eine marxistische Theorie, die nicht nur auf die Kritik an den veränderten Bedingungen reagiert, sondern sich ebenso als praktikable Handlungsanleitung erweist. (vgl. Chto delat? 2004)star (* 2 )

Weitere Themenfelder der Zeitschrift sind der urbane Raum, Zonen der Autonomie, Revolution und Widerstand, Kultur und Protest, die Funktionen von Kunst, die aus der Perestroika gewonnenen und aus der Avantgarde abzuleitenden Erfahrungen. Auch wenn in der Zeitschrift Gebiete berührt werden, die ebenso in den Bereich der Politik fallen, erhalten sie durch die Aktivitäten der Gruppe doch eine andere Konnotation. Das ist neben den als Kunst gehandhabten Aktionen und Interventionen auch die vielseitige Gestaltung der Zeitschrift. Flexibles Layout, Zeichnungen und Bildergeschichten Architekturskizzen, Aufnahmen von Installationen und Auftritten, mit denen die Themen fortgeführt und visuell ausgestaltet werden, bestimmen den Charakter der Zeitschrift.

So unterschiedlich die Darstellungsformen sind, setzen sie doch sämtlich bei Überlegungen zur Rolle und Funktion zeitgenössischer Kunst und ihres gesellschaftlichen Auftrags an. Die verschiedenen Artikel gehen der Frage nach, was Kunst von Politik unterscheidet, legen die politischen Anteile von Kunst offen, befassen sich mit postmodernen Strukturen im postsowjetischen Kontext und deren Auswirkungen auf das Lebensumfeld des Menschen. Eine behauptete Überlegenheit der Kunst gegenüber der Politik wird mit spielerischen Möglichkeiten begründet, über die die Kunst generell im Umgang mit problematischen und krisenträchtigen Situationen verfüge und so Wege für mögliche Umsetzungen aufzeigen könne, die im Normalfall verborgen blieben. Die Kunst könne, so liest man in der Zeitschrift, Situationen ohne Konsequenzen in kollektive Handlungen umleiten. In Titeln wie Die Verneinung der Verneinung klingen poststrukturalistische Praktiken der Destruktion an. Leitend sind Sätze wie „The revolution is over, but in the end of revolution what wins is a completely reactionary mode of living. And the nostalgia of the poet is really the attempt to reconstruct in this passage, this reactionary desert in which humans have been thrown, to reconstruct those other values, pushing them forward.”*5 *( 5 )  (Vilensky 2004)star (* 11 )

Die unter dem Titel Drift erschienene Nummer 7 der Zeitschrift wendet sich explizit der Psychogeographie zu, wie sie 1958 Guy Debord im Zuge des Internationalen Situationismus entwickelt hat, um den Einfluss städtebaulicher Maßnahmen auf die Psyche zu untersuchen. Das Thema wird wiederholt in anderen Ausgaben aufgegriffen. Dabei wird das, was bei Debord unter „universalem Urbanismus“ behandelt wird, von Chto delat? auf einen „revolutionären Urbanismus“ übertragen. In diesem Zusammenhang steht auch das ebenfalls in der Ausgabe abgedruckte Manifest vom April 2003, dem der konkrete Bezug zur Stadt St. Petersburg zu entnehmen ist. Die neuen Verhältnisse haben durch Bautätigkeiten und Umstrukturierungsmaßnahmen dazu geführt, dass sich das normale Leben aus dem Straßenbild verliert und eine Form von Trostlosigkeit sich breit macht. Das hier angesprochene Empfinden wurde auf den Transparenten, die die Künstler bei ihrer Aktion mitführten, mit dem Satz „St. Petersburg geht auf das Nullstadium zu“ verbalisiert. Deshalb, so das Statement im Manifest, haben die Künstler von Chto delat? die neue Kunst auf die Straßen und Plätze gebracht, sie zu einer öffentlichen und zugleich polemischen Geste gemacht. „Wir, die Petersburger, sehen die Stadt nicht wie sie die korrupten Offiziellen sehen, wir sehen ihren Horizont zur Zukunft hin geöffnet.“ (vgl. Magun/Maisel/Skidan 2004)star (* 4 ).

Diese Äußerung beinhaltet auch das Anliegen der Gruppe, kontinuierlich an der Veränderung des städtischen Ambientes mitzuwirken und die Verantwortlichen in den städtischen Gremien dazu zu bewegen, die avantgardistischen Künstler in ihre Pläne einzubeziehen. Schließlich könne die zeitgenössische Kunst mit Humor wie auch Aktion, aber auch Kritik dazu beitragen, das städtische Umfeld für jedermann attraktiv zu halten. Deshalb sei es notwendig, die Kräfte zu einen.

Die einzelnen Ausgaben der Zeitschrift reflektieren bei aller Vielfalt der Themen die zentralen Anliegen der Gruppe. Dabei geht es weniger um eine Kritik an Veränderungen als vielmehr um eine sorgfältige Analyse der neuen Verhältnisse der postkommunistischen Epoche. Im Bewusstsein um das Scheitern der vom Kommunismus angestrebten Ideale sollen diese eben nicht grundsätzlich verworfen werden, sondern mit Blick auf die neue Situation neu interpretiert und nach ihrer Praktikabilität gefragt werden. Gleichzeitig sollen Maßnahmen ergriffen werden, um die kapitalistische Vorherrschaft einzudämmen. Damit die postsowjetische Gesellschaft nicht dem Diktat des Kapitals, das an die Stelle der kommunistischen Diktatur zu rücken drohe, anheimfällt, sei der Marxismus in seiner ursprünglichen Form durchaus als relevant zu erachten.

Die Beiträge in der Zeitschrift bilden zwar den theoretisch-intellektuellen Hintergrund der künstlerischen Manifestationen der Gruppe, ebenso fließen aber auch die aus den Aktionen der Gruppe gewonnenen praktischen Ergebnisse ein. Damit ist die Zeitschrift Dokument, Katalog wie auch weitere Manifestation von Chto delat?.

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Bollinger, Klaus/Medicus, Florian (2013): Unbuildable Tatlin?! Wien/New York: Springer.

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Chto delat? (Hg.) (2004): Emancipation from/of Labour. Online unter: http://www.chtodelat.org/images/pdfs/Chtodelat_03.pdf (11.03.2013).

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Kovaljev, Andreij (2007): Rossijskij Akcionizm 1990–2000. Moskau: Verlag World Art Muzeij.

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Magun, Artemy/Maisel, Evgenij/Skidan, Alexander (2004): Manifesto 003 In: Chto delat? (Hg.): What is to be done? Online unter: www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=13%3Amanifesto-003&catid=1%3A1-what-is-to-be-done&Itemid=427&lang=en (12.03.2013).

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Miziano, Viktor (2011): Im Gespräch mit Dmitry Vilensky. In: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (Hg.): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, S. 38.

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Oleinikov, Nikolai (2011): Stimmen aus dem Kollektiv. In: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (Hg.): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.

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Osmolovskij, Anatolij (2005): Die radikale Kunst der neunziger Jahre in Russland. In: Groys, Boris (Hg.): Zurück aus der Zukunft. Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des Postkommunismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 675–708.

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Penzin, Alexei/Vilensky, Dmitry (2009): What’s the Use? Art, Philosophy, and Subjectivity Formation. In: Chto delat? (Hg.): What is the use of art?, Nr. 25. Online unter:  www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=557%3Aalexei-penzin-dmitry-vilensky&catid=204%3A01-25-what-is-the-use-of-art&Itemid=455&lang=en (12.03.2013).

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Rancière, Jacques (2001): Die Aufteilung der sinnlichen Welt (Le partage du sensible). Ästhetik und Politik. In: KultuRRevolution „Kollektivsymbolik des 21. Jahrhunderts? – Frankreich, Heft  41/42.

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Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (2011): Chto Delat? Was tun? What is to be done? Werkschau des russischen Künstlerkollektivs“ mit Texten von Johan Holten, Simon Sheikh, Hendrik Bündge und Chto Delat?. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König

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Vilensky, Dmitry (2004): The Negation of Negation. In: Chto delat? (Hg.): What is to be done?, Online unter:
www.chtodelat.org/index.php?option=com_content&view=article&id=20%3Athe-negation-of-negation&catid=1%3A1-what-is-to-be-done&Itemid=427&lang=en (12.03.2013).

Aus Gründen der Lesbarkeit ist in Aufzählungen von weiblichen und männlichen Personen bei Nennung einer männlichen Funktionsbezeichnung, sofern nicht anders gekennzeichnet, ebenso immer die weibliche Form gemeint.

Zum Moskauer Aktionismus vgl. Osmolovskij (2005: 675–708)

Aktuell gehalten wurde die Bestandsaufnahme eine Zeit lang über die Homepage Kovaljevs, der selbst auch als Künstler agiert, besteht gegenwärtig aber lediglich in einem Blog, über den sich Künstler, Beobachter und Interessierte austauschen.

In ähnlicher Weise hat sich die Gruppe Radek bei ihrer Namensgebung auf den Sozialdemokraten und Bolschewisten Karl Radek bezogen.

Übersetzung: Die Revolution ist beendet, doch hat sie am Schluss eine neuen Lebensform eingeführt. Und die Nostalgie des Dichters besteht im Versuch in der reaktionären Wüste das zu rekonstruieren, was die Menschen verworfen haben, andere Werte und diese vorwärts zu bringen

Viola Hildebrand-Schat (2013): Aktionismus in der russischen Gegenwartskunst zwischen Kultur und Politik. Die Moskauer Radikalen und das Künstlerkollektiv Chto delat?. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #02 , https://www.p-art-icipate.net/aktionismus-in-der-russischen-gegenwartskunst-zwischen-kultur-und-politik/