Das Politische in sozialer Kunst

Intervenieren in soziale Verhältnisse

Im Sinne dieser Differenz prägt der Soziologe und Philosoph Oliver Marchart den Begriff der „minimalen Politik“, der sowohl als Weiterführung von, aber auch in Abgrenzung zu dem Begriff der „Mikropolitik“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari gedacht ist (vgl. Adolphs/Karakayalı 2007).star (*15) Im Gegensatz zur „Mikropolitik“, welche Minorität und individuelle Taktik politisch fasst, definiert Marchart „minimale Politik“ als eine Form des Politischen, welche die Kriterien der Organisation, des Majoritär-Werdens, der Strategie, und der Kollektivität erfüllt (Marchart 2010: 318).star (*10)

„Der Dreifachcharakter von sozialer Kunst“, 2016, Diagramm: Martin Krenn

„Der Dreifachcharakter von sozialer Kunst“, 2016, Diagramm: Martin Krenn

Auf Basis demokratischer Prinzipien, wie jene der Freiheit, Gleichheit und einer Solidarität, welche das Potential hat, die eigene Identität zu hinterfragen, ohne den anderen zu stigmatisieren, der Kriterien der „Minimalen Politik“ sowie einem grundlegenden Verständnis von dialogischer Kunst als „Aushandlungsraum“, der zwischen den Polen von Politik, dem Politischen und Ästhetik aufgespannt wird, lässt sich das Potential von sozialen Kunstpraxen wie folgt theoretisch fassen.

Politik: Soziale Kunstpraxen, welche die soziale Ordnung verändern wollen, agieren zugleich innerhalb derselben. Über die Anerkennung der Notwendigkeit einer sozialen Ordnung intervenieren sie in Politik und verlassen das Terrain der Kunst.

Das Politische: Soziale Kunstpraxen adressieren die politische Dimension des Sozialen und begründen eine minimale soziale Bewegung, und/oder sie schließen sich einer bereits bestehenden sozialen Bewegung an. Sie fußen auf der instituierenden Kraft des Politischen, die die Ordnung der Politik in beharrlicher Bewegung durchbricht und destabilisiert. Sie sind gezwungen, für künstlerische Autonomie zu kämpfen, um nicht auf politisches Design reduziert zu werden. Soziale Kunstpraxen illustrieren somit nicht die Inhalte einer sozialen Bewegung, sondern durch soziale Kunst wird eine soziale Bewegung mit ästhetischen Mitteln von innen heraus (mit-)geformt und gegründet.

Ästhetik: Der Weg zur künstlerischen Autonomie erfordert, sich nicht von außen auf bestimmte Inhalte festlegen zu lassen und im Extremfall sogar das Nützliche zu negieren. Die ästhetische Dimension von sozialen Kunstpraxen zeigt sich darin, dass sie es vermögen, spezifische dialogische und ästhetische Räume zu schaffen, welche in dieser Form nur durch Kunst realisiert werden können.

Aufgrund ihres prozessoralen Charakters verharren Soziale Kunstpraxen nicht bei einem der drei Pole, sondern müssen in Bewegung bleiben ‑ sie oszillieren zwischen den Polen. Diese Bewegungsfreiheit wird ihnen (theoretisch) durch das Grundrecht der Kunstfreiheit ermöglicht.

Anhand von drei Bespielen werde ich nun diese Überlegungen in Bezug auf meine Praxis weiterführen.

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APA, P.A., (2016): Antifaschistisches Mahnmal am Welterbe-Steig Wachau eröffnet [Homepage of Salzburger Nachrichten], Online unter: http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/kultur/sn/artikel/antifaschistisches-mahnmal-am-welterbe-steig-wachau-eroeffnet-190207 (4.11.2016).

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Bishop, Claire (2006): Participation. London: Whitechapel.

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Bourriaud, Nicolas (2002): Relational aesthetics. Paris: Les Presses du réel.

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Bürger, Peter (1995): Theorie der Avantgarde. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Finkelpearl, Tom (2001): Dialogues in public art. Cambridge, Mass.; London: MIT Press.

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Jackson, Shannon (2011): Social works: performing art, supporting publics. New York: Routledge.

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Kester, Grant H. (2004): Conversation pieces: community and communication in modern art. Berkeley: University of California Press.

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Krenn, Martin (2016): The political space in social art practices. Unveröffentlichte Dissertation, Ulster University.

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Lacy, Suzanne (1995): Mapping the terrain: new genre public art. Seattle, Wash.: Bay Press.

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Marchart, Oliver (2010): Die politische Differenz: Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin: Suhrkamp Verlag KG.

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Mouffe, Chantal (2013): Agonistics: Thinking the World Politically. London: Verso.

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Schleuning, Neala (2013): Artpolitik: Social Anarchist Aesthetics in an Age of Fragmentation. Minor Compositions.

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Thompson, Nato (2011): Living as Form. Online unter: http://creativetime.org/programs/archive/2011/livingasform/curator_statement.htm (4.9.2016)

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Zumdick, Wolfgang (2002): Joseph Beuys als Denker: Sozialphilosophie, Erkenntnistheorie, Anthropologie. PAN XXX ttt. Stuttgart, Berlin: Johannes M. Mayer.

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Adolphs, Stephan/ Karakayalı, Serhat (2007): Mikropolitik und Hegemonie. Wider die neuen Para-Universalismen: Für eine anti-passive Politik. Online unter: http://eipcp.net/transversal/0607/adolphs-karakayali/de

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Felshin, Nina (1994): But Is It Art? the Spirit of Art As Activism. Seattle, WA: Bay Press

Diese Artikel baut auf meiner Dissertation “The Political Space In Social Art Practices” (Ulster University, Belfast, 2016) auf.

In diesem Text werden die Sammel-Begriffe „Soziale Kunst“ bzw. „Soziale Kunstpraxen“ verwendet, da es um den sozialen Raum (welcher immer auch ein politischer ist) dieser Kunst geht. Andere für soziale Kunst gebräuchliche Begriffe werden im Verlauf des Textes noch angesprochen werden.

Eine Tagung, die sich der Kunst als sozialem Raum widmete und im März 2000 von Stella Rollig und Eva Sturm im O.K. Centrum für Gegenwartskunst in Linz veranstaltet wurde, trug sogar den Titel „Dürfen die das?“.

Ein Auszug aus der Begriffsvielfalt rund um soziale Kunst: “Soziale Skulptur” von Joseph Beuys, ein Begriff, den er 1967 zum ersten Mal öffentlich verwendete (Zumdick 2002: 17), “New Genre Public Art” von Susanne Lacy (1995), “Relationale Ästhetik” von Nicolas Bourriaud (1997, 2002), “Socially Cooperative Art” von Tom Finkelpearl (2001) “Dialogical Aesthetics” von Grant Kester (2004), “Participatory Art” geprägt von Claire Bishop (2006) aber auch von anderen TheoretikerInnen, “Social Works” von Shannon Jackson (2011), oder “Social Anarchist Aesthetics” von Neala Schleuning (2013).

Siehe zum Projekt ebenfalls Katharina Moraweks Beitrag in dieser e-journal-Ausgabe.

Laut dem österreichischen Dokumentationsarchiv waren 80 Prozent der BeamtInnen und Angestellten aus dem österreichischen Polizeidienst rekrutiert. Auf Führungsebene betrug der Anteil der ÖsterreicherInnen ebenfalls bis zu 80 Prozent. (http://www.doew.at/erkennen/ausstellung/gedenkstaette-salztorgasse/die-gestapo-leitstelle-wien)

Martin Krenn (2016): Das Politische in sozialer Kunst. Intervenieren in soziale Verhältnisse. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/das-politische-in-sozialer-kunst/