Das Politische in sozialer Kunst

Intervenieren in soziale Verhältnisse

Einen weiteren Teil des Mahnmals bilden fünf Collagen von SchülerInnen der HLM/HLW Krems, die ich gemeinsam mit dem Künstler und Gymnasiallehrer Gregor Kremser über ein halbes Jahr im Rahmen eines Schulprojektes begleitet hatte. Die Montagen der SchülerInnen thematisieren in der Tradition der politischen Fotomontage Heartfields heutige Formen der Diskriminierung und Meinungsmanipulation sowie den Umgang mit der NS-Geschichte. Den Schlusspunkt des Schulprojektes bildete ein Reflexions-Workshop des Sparkling-Science-Projekts „Making Art – Taking Part!“ mit Dilara Akarcesme und Elke Smodics.

Mahnmal Friedenskreuz St. Lorenz“, Installation von zwei Collagen der SchülerInnen der HLM HLW Krems, 2016; Foto: Martin Krenn

Mahnmal Friedenskreuz St. Lorenz“, Installation von zwei Collagen der SchülerInnen der HLM HLW Krems, 2016; Foto: Martin Krenn

Durch das Zitat einer Arbeit eines antifaschistischen Avantgardekünstlers und der Übersetzung seiner politischen Fotomontage in eine Skulptur, gekoppelt mit einem dialogischen Kunstprojekt an einer Schule interveniert das Projekt in die lokale Geschichtspolitik auf mehreren Ebenen. Auf einer symbolpolitischen Ebene wird durch Heartfields Montage die Verbindung der Wehrmacht mit dem Nationalsozialismus verdeutlicht und die Nazi-Symbolik dekonstruiert, die Collagen aus dem Schulprojekt führen zu einem Weiterdenken von Antifaschismus in heutige Verhältnisse. Kunstvermittlung und Ästhetik spielen ineinander. Das „Friedenskreuz“, welches den Krieg durch Heldenverehrung glorifizierte, wird zu einem vielschichtigen Mahnmal seiner selbst.

Schlussbemerkung

Die in diesem Text vorgestellten Projekte sollten einen Einblick geben, wie sich meine theoretischen Überlegungen auf meine künstlerische Praxis auswirken und umgekehrt. Die drei Beispiele decken hierbei nur einen kleinen Bereich der vielfältigen Möglichkeiten von sozialer Kunst auf. Entsprechend dem Dreiecks-Modell zu sozialer Kunst, welches ich im Theorieteil vorgestellt habe, oszillieren die drei Projektbeispiele zwischen den Polen des „Politischen“, „Politik“ und „Ästhetik“ auf folgende Weise: Sie greifen dringliche politische/geschichtspolitische Inhalte auf, wie Urban Citizenship, Umgang mit und Verdrängung von der NS-Zeit in Österreich sowie die Glorifizierung der Wehrmacht in Form von Denkmälern. Diese Inhalte werden in unterschiedlichen dialogisch-ästhetischen Projektformaten verhandelt, in Form von Bootsfahrten, Hafengesprächen und -foren, einer performativen Gedenktafel, sowie der gemeinsamen Gestaltung von politischen Foto-Montagen an einer Schule. Schließlich zielen die drei Projekte darauf, einen ästhetisch autonomen Raum zu schaffen, welcher dialogisch im Projektverlauf entwickelt und ausgehandelt wird. Sie setzen soziale Prozesse in und außerhalb des Projektes in Gang, welche in konkrete Forderungen/Vorschläge an die Politik münden: Die Schaffung einer City Card in Zürich, eine erweiterte und zeitgemäße Markierung des ehemaligen Hotel Metropols in Wien, sowie die eindeutige Distanzierung von als Wehrmachtsgedenken getarntem Geschichtsrevisionismus in St. Lorenz.

Allgemeiner zusammengefasst: Soziale Kunstpraxen intervenieren in soziale Verhältnisse. Dabei tritt der Dialog mit den BetrachterInnen sowie das Involvieren von und die Zusammenarbeit mit Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen an die erste Stelle. Das Mittel dazu ist Kunst. Die jeweilige Intervention gründet in dem Potential, gemeinsam etwas zu verändern. Soziale Kunstpraxen, welche auf demokratischen Prinzipien basieren, zielen auf die Schaffung von Gleichheit und Freiheit, aber auch auf produktive Formen der Differenz und des Konflikts. Diesem Anspruch werden sie gerecht, wenn sie sich den jeweiligen Machtverhältnissen nicht unterordnen, sondern selbstreflexiv vorgehen und eine jeweils der Situation entsprechende Strategie verfolgen, durch welche sie ihre Autonomie bewahren können. Soziale Prozesse durch Kunst zu initiieren, bedeutet auch methodisch vorzugehen, indem auf bereits bekannte Strategien zurückgegriffen wird. Durch diese Rückgriffe sollte sich soziale Kunst auch der „Überbietungslogik“ des Kunstbetriebes, also dem Zwang immer Neues und noch Spektakuläreres schaffen zu müssen, entziehen können. Soziale Kunstpraxen stehen schließlich nicht nur im Dialog mit den BetrachterInnen, sondern immer auch im Dialog mit ihrer eigenen Geschichte.

Der Dialog und die Beteiligung von BetrachterInnen, die Zusammenarbeit mit „ExpertInnen“ verschiedener Disziplinen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, zivilgesellschaftliches Engagement und Allianzenbildung mit AktivistInnen, sowie die Schaffung spezifischer Räume ästhetischer Erfahrung für „kunstfremde“ Personen bieten die Chance, die Selbstreferentialität des heute über weite Strecken viel zu elitär gewordenen Kunstsystems aufzubrechen. Unterschiedliche Formen von Ästhetik werden für all jene, die am Kunstwerk beteiligt sind, unmittelbar und im Austausch miteinander erfahrbar. Aufgrund der direkten Einbindung der RezipientInnen und TeilnehmerInnen in den jeweiligen ästhetischen Schaffensprozess kann zeitgenössische Kunst neu vermittelt werden. Sie wird in Lebenspraxis überführt.

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APA, P.A., (2016): Antifaschistisches Mahnmal am Welterbe-Steig Wachau eröffnet [Homepage of Salzburger Nachrichten], Online unter: http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/kultur/sn/artikel/antifaschistisches-mahnmal-am-welterbe-steig-wachau-eroeffnet-190207 (4.11.2016).

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Diese Artikel baut auf meiner Dissertation “The Political Space In Social Art Practices” (Ulster University, Belfast, 2016) auf.

In diesem Text werden die Sammel-Begriffe „Soziale Kunst“ bzw. „Soziale Kunstpraxen“ verwendet, da es um den sozialen Raum (welcher immer auch ein politischer ist) dieser Kunst geht. Andere für soziale Kunst gebräuchliche Begriffe werden im Verlauf des Textes noch angesprochen werden.

Eine Tagung, die sich der Kunst als sozialem Raum widmete und im März 2000 von Stella Rollig und Eva Sturm im O.K. Centrum für Gegenwartskunst in Linz veranstaltet wurde, trug sogar den Titel „Dürfen die das?“.

Ein Auszug aus der Begriffsvielfalt rund um soziale Kunst: “Soziale Skulptur” von Joseph Beuys, ein Begriff, den er 1967 zum ersten Mal öffentlich verwendete (Zumdick 2002: 17), “New Genre Public Art” von Susanne Lacy (1995), “Relationale Ästhetik” von Nicolas Bourriaud (1997, 2002), “Socially Cooperative Art” von Tom Finkelpearl (2001) “Dialogical Aesthetics” von Grant Kester (2004), “Participatory Art” geprägt von Claire Bishop (2006) aber auch von anderen TheoretikerInnen, “Social Works” von Shannon Jackson (2011), oder “Social Anarchist Aesthetics” von Neala Schleuning (2013).

Siehe zum Projekt ebenfalls Katharina Moraweks Beitrag in dieser e-journal-Ausgabe.

Laut dem österreichischen Dokumentationsarchiv waren 80 Prozent der BeamtInnen und Angestellten aus dem österreichischen Polizeidienst rekrutiert. Auf Führungsebene betrug der Anteil der ÖsterreicherInnen ebenfalls bis zu 80 Prozent. (http://www.doew.at/erkennen/ausstellung/gedenkstaette-salztorgasse/die-gestapo-leitstelle-wien)

Martin Krenn (2016): Das Politische in sozialer Kunst. Intervenieren in soziale Verhältnisse. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/das-politische-in-sozialer-kunst/