DECAF 2017

Das Bild zeigt eine Zeichnung von Bettina Egger von Bia Buttencourt und Miguel Gallardo

© Bettina Egger

New Delhi ist eine Stadt der Superlative – sie hat rund 25 Millionen Einwohner_innen und ist die Metropole mit der derzeit höchsten Luftverschmutzung. Auf den breiten Straßen tummeln sich Autos, Tuk-Tuks, Mopeds, Fahrräder, Pferde und mitunter auch ein paar Kühe.  Mein Chauffeur bahnt sich mit viel Gehupe einen Weg bis zum India International Center, in dem das DECAF, Delhi Comic Arts Festival, zum ersten Mal stattfindet. Es handelt sich um ein Gebäude im Stile Le Corbusiers, welches abgesehen von zahlreichen indischen Regierungsbeamt_innen drei Tage lang auch eine bunte Mischung an Comicschaffenden empfängt, die sich zwischen Buffet und Auditorium bewegen.

Das Bild zeigt eine Zeichnung einer Kuh

© Bettina Egger

Ich wurde vom Österreichischen Kulturforum und der österreichischen Botschaft zu diesem Comicfestival nach Indien eingeladen. Vom vierten bis zum sechsten Dezember 2017 tauschten sich europäische und indische Künstler_innen, Kulturschaffende und Forscher_innen in Konferenzen und Präsentationen untereinander aus. Als äußerst positiv kann zunächst der hohe Anteil an Künstlerinnen (ungefähr die Hälfte) hervorgehoben werden. Als zweiter bemerkenswerter Aspekt erwies sich der Fokus auf sozialkritische Themen und Herangehensweisen im indischen Comic: Kruttika Susarla behandelt in ihren Werken Geschlechterthemen und bezieht sich auf Nivedita Menons Seeing like a feminist (2012). Sie ist beispielsweise Verfasserin der Porträtserie Celebrating Women Leaders und von How to talk about sexuality, einem Ratgeber für Eltern und Lehrpersonen in Comicform (in Zusammenarbeit mit der YP-Foundation). Priyesh Trivedi hingegen zeichnet über „das ideale Kind“ ein ironisches Gegenbild zu hegemonialen Erziehungsvorstellungen in Indien. Kaveri Gopalakrishnan wiederum erzählt aus einer intimeren, alltäglichen und humorvollen Perspektive die Probleme, denen Frauen im zeitgenössischen Indien ausgesetzt sind. Sharad Sharma ist der Gründer der Initiative Grassroots Comics India und hat in diesem Rahmen Comicworkshops in benachteiligten Regionen Indiens veranstaltet: Dabei ist es ihm ein besonderes Anliegen, dass nicht nur Künstler_innen das Wort ergreifen, sondern Menschen an Ort und Stelle dabei unterstützt werden, ihre Probleme in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Comics erweisen sich hier als ein eindrucksvolles Mittel, um Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich schriftlich auszudrücken, eine Stimme zu verleihen.

zeichnung von Bettina Egger: eine Stiege und Mauern mit Fenster

© Bettina Egger

Die (Un-)Möglichkeit des Lehrens der Comickunst wurde am ersten Tag in der Diskussion „Can you teach comics?“ debattiert, bei der ich auch teilnehmen konnte. Hierbei wurde unterstrichen, dass es notwendig ist, akademische Zeichenmodelle in Frage zu stellen. In den Kursen und Workshops sollten verschiedene Herangehensweisen zum Thema Comic und die Vielfalt an graphischen und narrativen Stilen, welche besonders im Bereich der Independent-Comics zu bemerken ist, weitergegeben werden. Es gilt, die Student_innen dabei zu unterstützen, einen persönlichen Stil zu entwickeln. Die Atmosphäre im Saal war entspannt, die Zuhörer_innen neugierig. Als ich am folgenden Tag meine Arbeit am Comic Un voyage en Transsibérien präsentierte, legte mir ein Besucher nahe, das nächste Mal mit dem Zug durch Indien zu fahren – das würde doch, meinte er, ein toller Comic werden.

Am letzten Tag durfte ich außerdem einen Workshop in der Mädchenschule Saraswati Vidyalaya abhalten. Nach einer Präsentation über das Comiczeichnen und über den Beruf Comiczeichner_in machten wir eine praktische Übung, bei der die Mädchen selbst einen Mini-Comic verfassten. Anfänglich verhalten, ließen sich die meisten dazu überreden, selbst zum Bleistift zu greifen. Im Gegenzug wurde ich von ihnen mit der Comicfigur Sheikh Chilli bekannt gemacht. Ich wurde dort sehr herzlich aufgenommen und konnte spannende Einblicke in eine Schule, welche sich für Mädchen-Empowerment einsetzt, gewinnen: Im Schulhof spielte eine Gruppe Mädchen Theaterszenen, in denen gezeigt wurde, wie man reagieren soll, wenn die Rechte der Frau verletzt werden.

New Delhi zeigt sich so von seiner vielleicht besten Seite: Mit dem Gesicht von lächelnden Mädchen, welche selbstbewusst der Zukunft entgegenblicken.

Die Zeichnung ist von bettina egger und zeigt einen Mann mit einem Holzbündel, der in Richung eines Stacheldrahts geht

© Bettina Egger

Bettina Egger : (2018) DECAF 2017.

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/decaf-2017/