Gestaltung als Forschung

Kooperationspotenziale von Design-Based Research und Artistic Research am Beispiel des Projektes Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt

Analogien und (mögliche) Spannungsverhältnisse zu Design-Based Research

An der Schwerpunktsetzung auf praktische Arbeitsprozesse in dieser Begriffsbestimmung von Artistic Research werden bereits klare Analogien zum Design-Based Research deutlich. Denn innerhalb des DBR nimmt die Auseinandersetzung mit den „komplexen Situationen der sozialen Wirklichkeit“ (Peters/Roviró 2017: 21)star (*19) einen viel höheren Stellenwert ein, als bei den meisten anderen Zugängen der Bildungsforschung. Ebenso weist die vorhin dargestellte Betonung der Bedeutung von Gestaltung und Kreativität im DBR-Konzept auf seine große Nähe zu Ansätzen der künstlerischen Forschung hin.

Damit zusammenhängende – und in Hinblick auf potenzielle Kooperationen im höchsten Maße relevante – Parallelen beider Forschungsrichtungen sind besonders stark auf der methodischen Ebene zu erkennen. Die erste ist unmittelbar mit jener der Praxisorientierung verbunden. Henk Borgdorff beantwortet die Frage nach der Methodologie von Artistic Research folgenderweise: „[B]ei dieser Art von Forschung spielt praktisches Experimentieren eine grundlegende Rolle“ (ebd.: 43).star (*19) Die Entsprechung zum Ansatz des Design-Based Research ergibt sich aus dessen Verankerung in den „design experiments“. Die Übereinstimmung wird deutlich, wenn man hinterfragt, was innerhalb beider Zugänge unter „Experiment“ verstanden wird. Gabi Reinmann schreibt dazu, dass das qualitative Experiment im Vergleich zum naturwissenschaftlichen keine Hypothesen testet, sondern explorativ angelegt ist. DBR knüpft daran an, geht jedoch insofern noch einen Schritt darüber hinaus, als es auf das Erfinden von Neuem (statt auf das Entdecken von Bestehendem) ausgerichtet ist (vgl. Reinmann 2014: 72).star (*22)*3 *(3) Fast im Gleichklang dazu postuliert Henk Borgdorff – Rubidge 2005 zitierend –, dass AR zumeist nicht hypothesen-, sondern entdeckungsgeleitet ist. Dabei würden KünstlerInnen in solchen Prozessen Untersuchungen auf Basis von Intuition, Vermutungen, Ahnungen und Möglichkeiten anstellen, auf die sie bei der Beschäftigung mit dem Unterwarteten bzw. Überraschendem stoßen (vgl. Borgdorff 2012: 80).star (*4) Dies weist große Ähnlichkeiten mit der – oben angeführten – Argumentation von Reinmann (2015: 97f., 104f.)star (*23) in Hinblick auf den Abduktionsbegriff auf. Eine zusätzliche Analogie der beiden Konzepte ergibt sich aus der häufigen Strukturierung von AR-Projekten in Form von „iteration loops“ (siehe z.B. Ars Electronica, o.J.),star (*2) die mit der zyklischen Gestaltung von DBR-Vorhaben korrespondiert. Interessante Anknüpfungspunkte für eine Kooperation sind auch von den Ausführungen der DBR-Expertin Reinmann (2014: 73ff.)star (*22) zum Raumverständnis, zum Zeitbewusstsein und zur Relevanz von Antinomien in entwicklungsorientierten Forschungsprozessen ableitbar. Im Gegenzug könnten Erkenntnisse aus dem AR-Bereich einige Ansätze zur Lösung vorhin angesprochener Probleme des DBR-Zugangs hinsichtlich der Berücksichtigung kreativer Vorgänge bieten. Z.B. ausgehend davon, dass ein „wichtiger methodischer Schwerpunkt künstlerischer Forschung (…) in der Einbindung und Erkundung der Körperlichkeit, der Materialität, der Situiertheit und der Performativität von Wissen“ besteht (Peters 2013: 8).star (*20)

Allen offensichtlichen Übereinstimmungen zum Trotz ist zu bedenken, dass bei bisherigen Bemühungen, Ansätze des Artistic Research in Bildungskontexten anzuwenden (siehe z.B. Cahnmann-Taylor/Siegesmund 2008),star (*5) auch Grenzen der Kooperation der künstlerischen mit der pädagogischen Forschung zutage getreten sind. Entsprechende Spannungsverhältnisse, die in den USA im Rahmen der langjährigen Arbeit im Bereich Arts-Based Research in Education festgestellt wurden, lassen sich (nach Mörsch 2015: 79f.)star (*15) folgenderweise zusammenfassen:

Abb. 1: Spannungsverhältnisse zwischen künstlerischer und pädagogischer Forschung nach Mörsch 2015: 79f.

Abb. 1: Spannungsverhältnisse zwischen künstlerischer und pädagogischer Forschung nach Mörsch 2015: 79f.

 

Solche Divergenzen könnten auch die Kooperation zwischen Artistic Research und Design-Based Research beträchtlich erschweren. Sie müssen dies aber nicht zwangsläufig tun. Denn erstens weichen die Arbeitsweisen des DBR in einigen Aspekten von jenen der „traditionellen“ Bildungsforschung ab, auf die die Pädagogik betreffenden Aussagen in der Tabelle abzielen. Zweitens gibt es innerhalb des Artistic Research (Unter-) Strömungen, auf die viele der Formulierungen in der Spalte zur künstlerischen Forschung nur eingeschränkt zutreffen (siehe z.B. oben zitierte Definition von AR nach Henk Borgdorff). Schließlich ist es auch möglich, die angesprochenen Spannungsverhältnisse als Herausforderungen zu begreifen, die die Zusammenarbeit erst richtig „spannend“ machen (sinngemäß siehe ebd.: 80).star (*15)

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Anderson, Terry/Shattuck, Julie (2012): Design-based research: A decade of progress in educational research? In: Educational Researcher, 41(1), S. 16-25.

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Ars Electronica (Hg.). (o.J.): Art-Based Research. Online unter http://stageofparticipation.org/art-based-research (14.7.2016).

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Borgdorff, Henk (2009): Die Debatte über Forschung in der Kunst. In: Rey, Anton/Schöbi, Stefan (Hg.): Künstlerische Forschung: Positionen und Perspektiven. Zürich: ZHdK, S. 23-51.

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Borgdorff, Henk (2012): The conflict of the faculties: Perspectives on artistic research and academia. Amsterdam: Leiden University Press.

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Cahnmann-Taylor, Melisa/Siegesmund, Richard (Hg.) (2008): Arts-Based Research in Education: Foundations for Practice. New York/London: Routledge.

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Design-Based Research Collective (2003): Design-Based Research: An Emerging Paradigm for Educational Inquiry. In: Educational Researcher, 32(1), S. 5-8.

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Edelson, Daniel C. (2002): Design Research: What We Learn When We Engage in Design. In: The Journal Of The Learning Sciences, 11(1), S. 105-121.

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Euler, Dieter (2014): Design-research – a paradigm under development. In: Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.) (2014): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner, S. 15-44.

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Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.) (2014): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner.

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Frayling, Christopher (1994): Research in Art and Design. In: Royal College of Art Research Papers, 1(1), S. 1-5.

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FWF – Der Wissenschaftsfonds (Hg.) (2013): Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK). Online unter www.fwf.ac.at/fileadmin/files/Dokumente/FWF-Programme/PEEK/ar_PEEK_dokument.pdf (31.8.2016).

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KUG – Kunstuniversität Graz (Hg.) (o.J.): Arts-based Research. Online unter  www.kug.ac.at/en/arts-science/arts-science/entwicklung-und-erschliessung-der-kuenste.html (30.8.2016).

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McKenney, Susan/Reeves, Thomas C. (2013): Systematic Review of Design-Based Research Progress. Is a Little Knowledge a Dangerous Thing? In: Educational Researcher, 42 (2), S. 97-100.

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Mörsch, Carmen (2005): Kinder, Lehrende, KünstlerInnen und BegleitforscherInnen machen keine Kunst (wen kümmert´s, wer das, was sie machen, wie bezeichnet) mit Medien – digitalen und analogen (mit was auch sonst). In: Mörsch, Carmen/Lüth, Nanna (Hg.): Kinder machen Kunst mit Medien: Ein/e ArbeitsbDVchD. München: kopead, S. 12-19.

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Mörsch, Carmen (2015): Undisziplinierte Forschung. In: Badura, Jens et al. (Hg.): Künstlerische Forschung. Ein Handbuch. Zürich: Diaphanes, S. 77-80.

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Pasuchin, Iwan (2015a): Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt. Online unter www.w-k.sbg.ac.at/zeitgenoessische-kunst-und-kulturproduktion/forschung/drittmittelprojekte/p-art.html (25.8.2016).

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Pasuchin, Iwan (2015b): Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt. Ambivalenzen einer (vermeintlich) unprätentiösen Zielsetzung. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten, 6. Online unter https://www.p-art-icipate.net/kunst-und-kulturvermittlung-im-brennpunkt(25.8.2016).

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Pasuchin, Iwan (2016): „Diplomatenkinder sind doch keine Ausländer!“ Grenzen des Klassenkampfes vom Klassenzimmer aus am Beispiel des medienpädagogischen Projektes Lehen Style. In Kronberger, Silvia/Kühberger, Christoph/Oberlechner, Manfred (Hg.): Diversitätskategorien in der Lehramtsausbildung. Innsbruck: Studienverlag, S. 136-143.

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Peters, Maria/Roviró, Bàrbara (2017): Fachdidaktischer Forschungsverbund FaBiT: Erforschung von Wandel im Fachunterricht mit dem Bremer Modell des Design-Based Research. In: Doff, Sabine/Komoss, Regine (Hg.): Making Change Happen: Wandel im Fachunterricht analysieren und gestalten. Wiesbaden: VS, S. 19-32.

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Peters, Sibylle (2013): Das Forschen aller – Ein Vorwort. In: Peters, Sibylle (Hg.): Das Forschen aller. Artistic Research als Wissensproduktion zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Bielefeld: transcript, S. 7-21.

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Reinmann, Gabi (2005): Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. In: Unterrichtswissenschaft, 33(1), 52-69.

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Reinmann, Gabi (2014): Welchen Stellenwert hat die Entwicklung im Kontext von Design Research? Wie wird Entwicklung zu einem wissenschaftlichen Akt? In: Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner, S. 45-61.

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Reinmann, Gabi (2015): Reader zum Thema entwicklungsorientierte Bildungsforschung. Online unter http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2013/05/Reader_Entwicklungsforschung_Jan2015.pdf(15.8.2016).

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Reinmann, Gabi/Sesink, Werner (2011): Entwicklungsorientierte Bildungsforschung (Diskussionspapier). Online unter http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2011/11/Sesink-Reinmann_Entwicklungsforschung_v05_20_11_2011.pdf(15.8.2016).

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Reinwand-Weiss, Vanessa-Isabelle (2013): Einführung: Forschung in der Kulturellen Bildung. Online unter www.kubi-online.de/artikel/einfuehrung-forschung-kulturellen-bildung (30.8.2016).

 

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Seufert, Sabine (2014): Potenziale von Design Research aus der Perspektive der Innovationsforschung. In: Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner, S. 79-96.

Für einen Ein- und Überblick zu dieser Thematik siehe Reinwand-Weiss (2013) und die damit zusammenhängenden Texte.

Nicht zuletzt damit wird argumentiert, dass bei Design-Based Research „trotz allen praktischen Problemlösewillens die Frage der Wissenschaftlichkeit nicht zu kurz“ kommt (Reinmann 2005: 67). Das dient auch als Begründung, warum dieser Zugang „mehr Chancen hat als bisherige Versuche integrativer Ansätze, sich in der wissenschaftlichen Landschaft einen Platz zu erobern“ (ebd.: 66).

Das bedeutet nicht, dass im DBR keine Formulierung von Hypothesen stattfindet. Jedoch werden diese im Falle, dass sie sich als nicht zutreffend erweisen, nicht verworfen, sondern als Ausgangspunkt für die Entwicklung modifizierter forschungsleitender Annahmen betrachtet (Euler 2014: 19).

Lehen ist einer jener Stadtteile der Stadt Salzburg, die prozentuell den höchsten Anteil sozio-ökonomisch exkludierter BürgerInnen bzw. solcher mit Migrationshintergrund aufweisen. Entsprechend ist auch die Zusammensetzung der SchülerInnenschaft an der Neuen Mittelschule Lehen.

Eine detaillierte Analyse aller Ursachen der Probleme kann im vorliegenden Artikel aus Platzgründen nicht vorgenommen werden. Da eine oberflächliche Darstellung der Projektverläufe sowohl den teilnehmenden SchülerInnen als auch den beteiligten KünstlerInnen nicht gerecht werden würde, wird hier darauf fast gänzlich verzichtet. Deswegen erfolgt ebenso lediglich die namentliche Erwähnung jener am Projekt beteiligten KünstlerInnen, die intensiv in die (Weiter-)Entwicklung des Gesamtkonzepts eingebunden waren.

Der Projektleiter ist zwar selbst (auch von der Grundausbildung her) Künstler und hat zahlreiche (medien-) künstlerische Projekte an Schulen durchgeführt. Mit Ansätzen der künstlerischen Forschung kam er aber erst im Verlauf der vorerst letzten Phase des hier beschriebenen Vorhabens in Berührung.

Bisher wurden solche Präsentationen im Bestreben nach der Herstellung eines „geschützten Rahmens“ nicht veranstaltet. Denn bei allen Vorteilen des Arbeitens auf eine Vorführung hin (v.a. in Hinblick auf den Aspekt der Motivation und des Engagements) besteht in Vermittlungskontexten mit „benachteiligten“ Kindern immer auch die Gefahr ihrer öffentlichen Zurschau- bzw. Bloßstellung. Um diesem Problem entgegenzuwirken, fühlen sich die beteiligten KünstlerInnen oft dazu verpflichtet, massiv in die Gestaltung der Endproduktionen einzugreifen, was im Widerspruch zu selbsttätigkeitsorientierten didaktischen Ansätzen steht (vgl. Mörsch 2005: 18). Der Lösungsansatz im vorliegenden Projekt besteht darin, nicht nur die Produkte, sondern auch die dahinter stehenden Prozesse (v.a. jene im Bereich der künstlerischen Forschung) zu präsentieren und mit dem Publikum zu diskutieren.

Iwan Pasuchin (2016): Gestaltung als Forschung. Kooperationspotenziale von Design-Based Research und Artistic Research am Beispiel des Projektes Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/gestaltung-als-forschung/