Das inklusive Museum ‑ eine Frage von Kooperation und Vernetzung

Nadja Al-Masri-Gutternig und Monika Daoudi-Rosenhammer im Gespräch mit Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme

Nadja Al-Masri-Gutternig ist Kunsthistorikerin und Sonderpädagogin; sie unterrichtet an einem sonderpädagogischen Zentrum und leitet im Salzburg Museum den Prozess der Inklusion und Barrierefreiheit. Monika Daoudi-Rosenhammer ist im Rahmen der Lebenshilfe Salzburg für den Bereich Fort- und Weiterbildung verantwortlich und beschäftigt sich seit 2011 intensiv mit dem Thema Barrierereduzierung. Im folgenden Interviewgespräch geht es um unterschiedliche Aspekte der Barrierereduzierung im Museum und um die Zusammenarbeit zwischen dem Salzburg Museum und der Lebenshilfe Salzburg.

Was versteht ihr unter „Kultur für alle“ bzw. kultureller Teilhabe in Salzburg und darüber hinaus?

Monika Daoudi-Rosenhammer: Ich verstehe darunter, dass bei allen Menschen das Interesse für Kunst und Kultur geweckt wird. Viele können aufgrund ihrer Biographie oder ihrer Herkunft wenig damit anfangen. Ein Aspekt ist also, dass Interesse geweckt, viel vorgestellt und möglichst viel ausprobiert wird. Ein anderer Aspekt sind die Zugänge. Sie müssen inhaltlich in alle Richtungen offen sein. Es darf nicht nur Hochkultur sein, sondern es muss breit gefächert sein. Bei der Klientel, die ich vertrete, Menschen mit Lernschwierigkeiten, ist das Finanzielle ebenso ein wichtiger Aspekt. Es darf nicht so teuer sein, dass sich eine Person mit wenig Einkommen nicht leisten kann, zu Kultur zu kommen. Die Bandbreite sollte von Kultur machen bis Kultur genießen reichen.

Nadja Al-Masri-Gutternig: Ich kann Monika in allen Punkten, von breit gefächert bis hin zur finanziellen Ebene nur beipflichten. Kulturelle Teilhabe bedeutet für mich, dass alle Menschen sich im kulturellen Leben in irgendeiner Form wiedererkennen und an diesem ohne große Barrieren teilnehmen können. Dazu muss man es aber schaffen, kulturelle Teilhabe für viele, die bis jetzt ausgeschlossen waren, attraktiv und interessant zu machen, also das Thema positiv zu besetzen. Ergänzen kann ich, dass schon in einem ganz frühen Alter begonnen werden muss, dieses Interesse zu wecken. Viele Angebote sind so gestaltet, dass sie nichts wiederspiegeln, was der Mensch kennt. Das Angebot ist fremd und erweckt kein Interesse. Doch Interesse ist die Grundvoraussetzung, um etwas zu machen. Dieses Interesse wiederum muss von beiden Seiten gegeben sein, da ich glaube, dass im Kunst- und Kulturbetrieb früher das Interesse nicht so groß war, etwas für alle zu machen. Es herrscht oft die Meinung vor, dass Interessierte ohnehin kommen würden.

Hier müssen Museen und allgemein Kultureinrichtungen umdenken, da die Konkurrenz auch wesentlich größer geworden ist. Vieles tendiert immer mehr in Richtung Entertainment und Freizeitangebote. Hier müssen die verschiedenen Einrichtungen grundlegend feststellen, was sie wollen, was ihre Aufgaben sind und wie sie sich positionieren möchten. Das alles sollte geschehen, ohne banal, oberflächlich oder populistisch zu werden. Das gut umzusetzen ist alles andere als einfach. Ich bin aber dagegen, dass man alles nur noch niederschwellig anbietet. Es muss so abgestuft sein, dass für jede Person etwas dabei ist. Ich denke, in den nächsten Jahren wird es in dieser Hinsicht noch viele Entwicklungen geben. Wir stehen noch ganz am Anfang. Die Frage ist, wie man es niederschwellig macht, aber trotzdem so, dass der Inhalt und die Qualität stimmen. Ich bin aber durchaus auch dafür, dass man einmal etwas einfach ausprobiert und möglicherweise Fehler macht, vielleicht nachjustieren muss und aus den gemachten Fehlern lernt und so eine neue Qualität entwickelt. Das finde ich auf jeden Fall besser, statt gar nichts zu machen und damit Stillstand zu riskiert. Viele sagen, es war zu tief angesetzt und dadurch geht viel verloren. Aber man muss der Sache Zeit geben und die Möglichkeit sich zu entwickeln, dann wird sich das einpendeln und die Qualität steigt. Diese Zeit muss man Einrichtungen geben, da am Anfang immer Fehler gemacht werden. Beispielsweise hat die Museumspädagogik zu Beginn vor 50 Jahren viele Fehler gemacht, die sie heute nicht mehr macht.

Wenn ich z.B. nur die Leichte Sprache herausnehme, sehe ich enormes Entwicklungspotenzial. Innerhalb einiger Monate ändert sich viel und ich würde heute vieles anders machen als am Beginn. Man lernt einfach dazu.

Monika Daoudi-Rosenhammer: Zu diesem Thema finde ich es auch spannend, Kunst aus den Institutionen herauszuholen und im öffentlichen Raum anzubieten. Das ist ein wichtiger Aspekt, um Barrieren loszuwerden. Denn es gibt bei vielen Menschen eine Hemmschwelle, in das Festspielhaus oder ins Museum zu gehen.

Die ARGE Rainberg war Anfang der 1980er Jahre eine Protestbewegung von ca. 50 Initiativen und Gruppen gegen die Salzburger Festspielkultur, aus der heraus das heutige unabhängige Kulturzentrum ARGEkultur entstanden ist.

Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme, Nadja Al-Masri-Gutternig, Monika Daoudi-Rosenhammer : (2018) Das inklusive Museum ‑ eine Frage von Kooperation und Vernetzung.

Nadja Al-Masri-Gutternig und Monika Daoudi-Rosenhammer im Gespräch mit Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/das-inklusive-museum-%e2%80%91-eine-frage-von-kooperation-und-vernetzung/