Diversity Balloons – Ein Diversity-Modell für Kunst- und Kulturinstitutionen

2. Das Modell

Das Modell ist als Analysetool gedacht, um in einer Institution wirksame und potenzielle Diskriminierungsfaktoren und Stereotypen zu reflektieren und gegebenenfalls zu bearbeiten. Es kann beispielsweise als Fortbildungstool oder Praxismodell in Kontexten kultureller Bildung verwendet werden. Eine solche diversitätssensible Betrachtung bietet sich in Kultureinrichtungen vor allem für Programm (Inhalt und Form), Publikum (Zugang zur und Bewegung innerhalb der Institution)*3 *(3) und Personal (Anforderungen, Auswahlkriterien, Zusammensetzung des Teams) an. Je nach Vorwissen der Gruppe muss das Modell allerdings in einen Workshop oder ein Seminar eingebunden werden, um theoretische Grundlagen zum Thema zu erarbeiten. In diesem Sinne ist es als Teil eines Prozesses zu verstehen, in dem sich eine Kunst- und Kulturinstitution mit Diversity und Antidiskriminierung beschäftigt.*4 *(4)

Beim Modell der Diversity Balloons symbolisiert eine Schachtel den Rahmen, in dem verschiedene Diskriminierungsmuster wirksam werden können – in diesem Fall eine Kunst- und Kulturinstitution. Gegenüber zweidimensionalen Modellen hat ein solches dreidimensionales den Vorteil der Anschaulichkeit und Be-Greifbarkeit im wahrsten Sinne des Wortes – es lässt sich anfassen, drehen, befüllen, öffnen und schließen. Eine Tür symbolisiert die möglichen oder unmöglichen Zugänge, Fenster die Transparenz, Sichtbarkeit, Einsehbarkeit in die Institution von außen.

Wie oben beschrieben, sind wir darauf angewiesen, für die Analyse und Bearbeitung von Diskriminierungsfeldern bestimmte Kategorien zu verwenden, die sich als sozial konstruiert und historisch gewachsen erweisen. Diese werden im Modell durch Luftballons repräsentiert, da sich durch Aufblasen der Ballons veranschaulichen lässt, ob oder wann eine bestimmte Kategorie dominant wird, andere verdrängt oder irrelevant bleibt. Je größer der Ballon, desto erschwerter der Zugang zur Institution durch diese Kategorie. Je nach Kontext werden bestimmte Kategorien aktiv, andere wiederum inaktiv. Beispielsweise ist für den Eintritt ins Museum das Geschlecht nicht erstrangig, während in anderen Kontexten Geschlechterdiskriminierung in den Vordergrund rückt. Dies bedeutet nicht, dass inaktive Kategorien sich auflösen oder gesellschaftlich irrelevant wären. Sie können in anderen Kontexten wieder bedeutsam werden – auf dem Fußballplatz anders als im Museum, im Museum wiederum anders als beim Busfahren. Zu beachten ist dabei, dass sich Kategorien im Sinne einer intersektionalen Perspektive (Crenshaw 1989star (*3) und Erel et al. 2007)star (*5) gegenseitig beeinflussen und verstärken können. Daher wurde versucht, solche Kategorien aufzulisten, die speziell in Kunst- und Kulturinstitutionen wirksam werden können. Diese Liste gilt nicht als abgeschlossen, sie kann abgeändert und ergänzt werden. Zur Verwendung des Modells im Kunst- und Kulturbereich schlagen wir für Reflexionen von Publikum und Programm folgende Kategorien*5 *(5) vor:

– Religion / Weltanschauung

– Geschlecht

– Sexuelle Orientierung

– Sprache

– Ethnische Zugehörigkeit

– Kulturelles Kapital

– Soziales Milieu (inkl. Berufsmilieu)

– Ökonomisches Kapital

– Psychische Einschränkungen

– Physische Einschränkungen

– …

Die Leitfragen:

1. Spielt diese Kategorie für den prinzipiellen Zugang und die Bewegung innerhalb der Institution eine Rolle?

2. Wirken die inhaltliche Programmgestaltung und deren Vermittlung (Kommunikation und Werbung wie Flyer, Broschüren, Infomaterial, Schilder, Auflageorte für Programm etc.) in Hinblick auf diese Kategorie diskriminierend?*6 *(6)

3. Beeinflussen sich die Kategorien generell oder bei bestimmter Ausprägung gegenseitig?

4. Falls (potenzielle) Barrieren bestehen und Diskriminierungen befördert werden ‑ wie wird damit umgegangen bzw. kann damit umgegangen werden?

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Al Masri-Gutternig, Nadja (2017): Leichte Sprache, keine leichte Sache. Ein Praxisbericht aus dem Salzburg Museum. In: Dies./Reitstätter (Hrsg.): Leichte Sprache. Sag es einfach. Sag es laut! Praxisbeispiel Salzburg Museum, S. 8ff.

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Bargehr, Gabriele (2009): Diversitätskonzepte im Kontext politisierter Zugänge der Cultural Studies. In: Abdul-Hussain, Surur/Baig, Samira (Hrsg.): Diversity in Supervision, Coaching und Beratung. Wien: Facultas, S. 121-140.

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Crenshaw, Kimberly (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: The University of Chicago Legal Forum, S. 139-167.

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Eggers, Maureen Maisha (2011): Diversity/Diversität. In: Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Unrast, S. 256-263.

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Erel, Umut/Haritaworn, Jinthana/Gutiérrez Rodríguez, Encarnación/Klesse, Christian (2007): Intersektionalität oder Simultaneität?! – Zur Verschränkung und Gleichzeitigkeit mehrfacher Machtverhältnisse – eine Einführung. In: Hartmann, Jutta/Klesse, Christian/Wagenknecht, Peter/Fritzsche, Bettina/Hackmann, Kristina (Hrsg.): Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Wiesbaden: VS, S. 239-250.

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Gardenswartz, Lee/Rowe, Anita (2003): Similar Differences. In: Dies.: Diverse Teams at Work. Capitalizing the Power of Diversity. Society for Human Resource Management, Alexandria, S. 31-57.

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Huber, Renate (2013): Wie gehe ich mit Vielfalt um? Eine Handlungsanleitung nach dem Sudoku-Prinzip. Münster: Waxmann.

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Frketić, Vlatka (2014): Divers, vielfältig … und was dann? In: Dies.: Mehrsprachigkeit & Diversität. Ein Handbuch aus der Arbeitspraxis von Migrantinnenorganisationen. Wien: LEFÖ, S. 17-26 & 71.

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Weinbach, Heike (2006): Social Justice statt Kultur der Kälte. Berlin: Karl Dietz Verlag

Während es aus einer dekonstruktivistischen Perspektive wünschenswert erscheint, Menschsein unabhängig von jeglicher Kategorisierung zu denken, lässt sich dafür argumentieren, dass es angesichts der immer noch real existierenden Ungleichbehandlungen notwendig ist, diese Kategorisierungen aufzugreifen.

Ein ähnlicher Anspruch wird mit dem Social Justice-Ansatz verfolgt (vgl Weinbach 2006, S. 40).

Damit ist nicht die Erreichbarkeit der Institution gemeint, dies wäre ein eigener Kontext.

Förderlich wirkt selbstverständlich, wenn Leitung und Team eine Agenda zur Implementierung von Diversity in der Institution wünschen.

Es handelt sich dabei um Oberkategorien, die innerhalb der begleitenden kulturpädagogischen Arbeit ausdifferenziert werden können. Zur Sprache zählen u.a. Gebärdensprache, Lautsprache, Leichte Sprache, Mehrsprachigkeit etc., zu Physischen Einschränkungen u.a. Körpergröße, Gehen, Sehen, Hören etc.

Siehe dazu die Hinweise auf strukturelle Diskriminierung in Punkt 4.

Bspw. lässt sich die didaktische Methode des Vom-Gegenteil-Her-Denkens einsetzen: Wie müsste eine Institution aufgebaut sein, um möglichst hohe Barrieren und viele Ausschlüsse zu produzieren? Was müsste sie tun, um besonders diskriminierend zu wirken? Die Ergebnisse dieser Methode müssen im Anschluss natürlich kritisch reflektiert werden, können aber bisher nicht Berücksichtigtes freilegen.

Alexandra Bründl, Sebastian Jacobs, Raphaela Schatz, Claudia Simair (2018): Diversity Balloons – Ein Diversity-Modell für Kunst- und Kulturinstitutionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/diversity-balloons-ein-diversity-modell-fuer-kunst-und-kulturinstitutionen/