Diversity Balloons – Ein Diversity-Modell für Kunst- und Kulturinstitutionen

4. Offene Fragen und Probleme

Gesellschaftliche Diskriminierungsfelder wie z.B. Klassismus, Rassismus, Ableismus etc., die strukturell wirken, können leicht übersehen werden. Sie lassen sich nur teilweise und unter Reduktion von Komplexität durch die vorgeschlagenen Kategorien abbilden und berücksichtigen. Gerade (Hoch-)Kultur-Institutionen sind an der Produktion von hegemonialer Diskriminierung beteiligt. Um diese normativen Strukturen nicht zu übersehen und in die Diskussion einzubringen, könnten hierzu kurze Texte mit theoretischen Grundlagen und Erläuterungen auf Infokarten beigelegt werden. Diese wären dann vor, während oder nach dem Durchspielen des Modells einzusetzen, um zusätzliche Denkanstöße zu liefern.

Zu weiteren Problemen führt erstens die Grenze zwischen persönlicher Befindlichkeit und Diskriminierung. Um diese Grenze auszuloten, müssen historische Muster, die Häufigkeit des Ausgesetztseins, gewachsene Ungleichheiten und die Position der Sprechenden bzw. Betroffenen mit einbezogen werden. Zweitens sind viele Modelle aus Herrschaftsperspektiven formuliert, so dass auch dies kritisch zu bedenken wäre. Drittens haben Institutionen nur bedingt Einfluss auf die zwischenmenschlichen Dynamiken, die zwischen Besucher*innen bestehen oder entstehen. Zwar kann durch Raumgestaltung und Informationsvermittlung auf sie eingewirkt werden, sie bleiben jedoch größtenteils der Kontrolle entzogen, wenn weitestgehend auf Selektionsmechanismen verzichtet werden soll.

Keines der oben genannten Referenzmodelle für Diversity kann die lebensweltliche Komplexität in ihrer Gesamtheit abbilden oder erfassen bzw. jedem vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Fall gerecht werden – so auch dieses nicht. Versteht man den Abbau von Diskriminierungsfeldern jedoch als konstanten Annäherungsprozess, an dem sich zahlreiche Theorie- und Praxisfelder beteiligen, könnte dieses Modell einen kleinen Beitrag dazu leisten.

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Al Masri-Gutternig, Nadja (2017): Leichte Sprache, keine leichte Sache. Ein Praxisbericht aus dem Salzburg Museum. In: Dies./Reitstätter (Hrsg.): Leichte Sprache. Sag es einfach. Sag es laut! Praxisbeispiel Salzburg Museum, S. 8ff.

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Bargehr, Gabriele (2009): Diversitätskonzepte im Kontext politisierter Zugänge der Cultural Studies. In: Abdul-Hussain, Surur/Baig, Samira (Hrsg.): Diversity in Supervision, Coaching und Beratung. Wien: Facultas, S. 121-140.

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Crenshaw, Kimberly (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: The University of Chicago Legal Forum, S. 139-167.

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Eggers, Maureen Maisha (2011): Diversity/Diversität. In: Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Unrast, S. 256-263.

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Erel, Umut/Haritaworn, Jinthana/Gutiérrez Rodríguez, Encarnación/Klesse, Christian (2007): Intersektionalität oder Simultaneität?! – Zur Verschränkung und Gleichzeitigkeit mehrfacher Machtverhältnisse – eine Einführung. In: Hartmann, Jutta/Klesse, Christian/Wagenknecht, Peter/Fritzsche, Bettina/Hackmann, Kristina (Hrsg.): Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Wiesbaden: VS, S. 239-250.

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Gardenswartz, Lee/Rowe, Anita (2003): Similar Differences. In: Dies.: Diverse Teams at Work. Capitalizing the Power of Diversity. Society for Human Resource Management, Alexandria, S. 31-57.

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Huber, Renate (2013): Wie gehe ich mit Vielfalt um? Eine Handlungsanleitung nach dem Sudoku-Prinzip. Münster: Waxmann.

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Frketić, Vlatka (2014): Divers, vielfältig … und was dann? In: Dies.: Mehrsprachigkeit & Diversität. Ein Handbuch aus der Arbeitspraxis von Migrantinnenorganisationen. Wien: LEFÖ, S. 17-26 & 71.

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Weinbach, Heike (2006): Social Justice statt Kultur der Kälte. Berlin: Karl Dietz Verlag

Während es aus einer dekonstruktivistischen Perspektive wünschenswert erscheint, Menschsein unabhängig von jeglicher Kategorisierung zu denken, lässt sich dafür argumentieren, dass es angesichts der immer noch real existierenden Ungleichbehandlungen notwendig ist, diese Kategorisierungen aufzugreifen.

Ein ähnlicher Anspruch wird mit dem Social Justice-Ansatz verfolgt (vgl Weinbach 2006, S. 40).

Damit ist nicht die Erreichbarkeit der Institution gemeint, dies wäre ein eigener Kontext.

Förderlich wirkt selbstverständlich, wenn Leitung und Team eine Agenda zur Implementierung von Diversity in der Institution wünschen.

Es handelt sich dabei um Oberkategorien, die innerhalb der begleitenden kulturpädagogischen Arbeit ausdifferenziert werden können. Zur Sprache zählen u.a. Gebärdensprache, Lautsprache, Leichte Sprache, Mehrsprachigkeit etc., zu Physischen Einschränkungen u.a. Körpergröße, Gehen, Sehen, Hören etc.

Siehe dazu die Hinweise auf strukturelle Diskriminierung in Punkt 4.

Bspw. lässt sich die didaktische Methode des Vom-Gegenteil-Her-Denkens einsetzen: Wie müsste eine Institution aufgebaut sein, um möglichst hohe Barrieren und viele Ausschlüsse zu produzieren? Was müsste sie tun, um besonders diskriminierend zu wirken? Die Ergebnisse dieser Methode müssen im Anschluss natürlich kritisch reflektiert werden, können aber bisher nicht Berücksichtigtes freilegen.

Alexandra Bründl, Sebastian Jacobs, Raphaela Schatz, Claudia Simair (2018): Diversity Balloons – Ein Diversity-Modell für Kunst- und Kulturinstitutionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/diversity-balloons-ein-diversity-modell-fuer-kunst-und-kulturinstitutionen/