„Eine Veränderung der Kulturinstitutionen steht an.“

Ivana Pilić im Gespräch mit Anita Moser über kollektive Schaffensprozesse, heterogene Teams und positive Diskriminierung als Strategien kultureller Teilhabe

Spielen digitale Möglichkeiten in Bezug auf kulturelle Teilhabe auch eine Rolle? Siehst du da Potenziale?

Das spielt bzw. spielte in den letzten Jahren, seit es die Brunnenpassage gibt, eine sehr kleine Rolle. Wir haben schon gemerkt, dass über Social Media – Facebook oder Instagram – Publikumsgruppen erreicht werden können, die man über Flyer und Poster viel schwerer erreicht. Da geht es vor allem um jüngere Publikumsschichten. Das Thema poppt jetzt seit ein, zwei Jahren auf. Das ist ja eine lustige Entwicklung, da das ganze Konzept der Brunnenpassage auch gegen diese Vereinsamung in der Großstadt angelegt ist. Alle sind nebeneinander. Der Brunnenmarkt selbst ist sehr vielfältig in Bezug auf die Bewohner*innen und Anrainer*innen, die vor Ort sind. Eigentlich ist es aber ein ziemliches Nebeneinander. Insofern war dieses tatsächliche im real life Vor-Ort-Sein ein wichtiger Aspekt in der Arbeit und wird es immer sein. Sich zu begegnen, Vorurteile abzubauen, in Kommunikation zu kommen ist ein großer Teil von dem, was die Brunnenpassage sein soll. Natürlich interessieren uns auch Konzepte oder Modelle, wie man in Richtung Digitalisierung Kunstproduktionen weiterdenken kann.

Das würde den Rahmen noch weiter öffnen.

Genau. Das wäre eine Weiterentwicklung, wenn man so möchte. Aber wie gesagt, die Kernaufgabe ist, die Realität, die man vor Ort findet, auch ernst zu nehmen und einen Impuls zu geben, wie wir anders miteinander sein können. Insofern kann das immer nur ein Asset sein. Die Grundlage ist, entgegen unseren gesellschaftlichen Entwicklungen die Leute wieder in tatsächliche Begegnungen zu bringen.

Eine Frage, die uns im Projekt beschäftigt, ist, wie kulturelle Teilhabe in ländlichen Regionen gestärkt werden und welche Rolle digitale Teilhabe dabei haben könnte.

Ich kann mir vieles vorstellen: Ein virtuelles Museum zum Beispiel. Ich glaube, dass das durchaus funktioniert. Es gibt dazu ein wunderschönes Projekt: The Machine To Be Another. Dort setzt man sich eine virtuelle Brille auf und schlüpft eine Zeit lang in die Rolle von jemand anderem, um auch zu merken und zu fühlen, wie das ist und mit welchen Projektionen andere Personen umzugehen haben. Da gibt es schon viele wunderbare Mittel und Möglichkeiten, die für kulturelle Bildung sehr gut funktionieren.

Die Brunnenpassage hat neben der kulturellen Bildung oder kulturellen Teilhabe einen starken Fokus darauf, ein Ort der Begegnung zu sein. Dieser Ort der Begegnung kann auch digital sein, aber das ist natürlich etwas anderes. Es geht ja nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch um ältere Leute in der Stadt, die sich vielleicht kaum aus ihrer Wohnung bewegen, weil sie sich allein nicht mehr trauen. Für diese Menschen können das neue Solidaritätsnetzwerke sein, wo man unterstützt wird. Dabei ist es natürlich hilfreich, wenn sie nicht nur digital sind.

Anita Moser, Ivana Pilić (2019): „Eine Veränderung der Kulturinstitutionen steht an.“. Ivana Pilić im Gespräch mit Anita Moser über kollektive Schaffensprozesse, heterogene Teams und positive Diskriminierung als Strategien kultureller Teilhabe . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/eine-veraenderung-der-kulturinstitutionen-steht-an/