„Queering the Museum beinhaltet eine Kritik am Neoliberalismus der Kulturindustrie.“

Die Tiefe Kümmernis im Gespräch mit Persson Perry Baumgartinger über LGBTIQ+ und kulturelle Teilhabe in Museen

Die Tiefe Kümmernis ist Kunsthistoriker_in und Kulturvermittler_in in Wien. In Drag konzipiert/e sie* u.a. im Kunsthistorischen Museum themenbezogene Touren. In unserem Gespräch tauschten wir uns über kulturelle Teilhabe, Ein- und Ausschlussmechanismen im Kunstbetrieb sowie Möglichkeiten des Verqueerens von Museen und Kulturvermittlung in einer kapitalistisch-neoliberalen Gesellschaftsstruktur aus.

Was bedeutet für dich kulturelle Teilhabe oder Kunst und Kultur für alle?

Kunst und Kultur für alle bedeutet für mich, dass es Angebote der Hoch-, Populär- und jeder Art von Kultur kostenlos für jede_n geben muss. Es ist eine Mogelpackung, wenn Museen mit „Museum für alle“ werben und dann einen Eintrittspreis von 15 Euro verlangen. Abgesehen davon müssen weitere Zugangsbarrieren mitbedacht werden, physisch-körperliche und geistig-emotionale. Es braucht ein breit gefächertes Vermittlungsprogramm, das zusätzlich die Hand ausstreckt. Nur das Museum offen zu halten und zu sagen: „Ihr könnt eh alle kommen“, reicht nicht aus. Mir geht es darum, dass sich Leute dort willkommen fühlen, weil sie in irgendeiner Form vertreten sind – das macht es viel wahrscheinlicher, dass ich hingehe und mich damit auseinandersetze.

Es gibt zum Beispiel Kunstmuseen, die ich als Kunsthistoriker nicht besuchen würde. Das betrifft nicht nur Kunstepochen und Kunststile, sondern auch Themen und Inhalte. Wenn es zum Beispiel eine Ausstellung über Liebe und Ehe in der Renaissance in Italien gibt, wie im Metropolitan Museum in New York vor einigen Jahren, und aus dem Pressetext schon hervorgeht, dass das eine rein heterosexuell gedachte Liebe ist, sinkt die Chance, dass ich da hingehe. Liebe soll uns ja eigentlich emotional ansprechen. Das war für mich auch ein Gedanke beim Durchgehen der Sammlungen im Kunsthistorischen Museum, in dem ich arbeite. Ich habe immer wieder von Liebe gesprochen, aber selten von Liebe, die mich auch selbst betrifft. Manchmal nennt man es auch nur konventionell Liebe, aber es hat nichts damit zu tun. Die Liebschaften des Jupiter, der in Wirklichkeit entführt und vergewaltigt hat, nennt man als Euphemismus Liebe. Da kann man auch Geschichten erzählen, die Leute ansprechen, deren Erfahrungen mit Sexualität und Geschlecht ganz andere sind als die 90 Prozent der Gesellschaft, die sonst immer angesprochen werden.

Du bist ja in der Kulturvermittlung tätig. Denkst du bei deinen Projekten an kulturelle Teilhabe bzw. setzt sie um?

Beim Konzipieren von Vermittlungsveranstaltungen und Vermittlungsformaten versuche ich mitzudenken, was die Leute da rausziehen wollen. Was interessiert sie jetzt gerade? Wie kann ich die Informationen, die in meinem akademisch trainierten Kopf abrufbar sind, formulieren und fruchtbar machen? Wie kann ich Leute ansprechen, die vielleicht sonst nicht viel oder gern ins Museum kommen?

Im Wiener Kunsthistorischen Museum gibt es einen riesigen, ausdifferenzierten Museumsbetrieb mit großen Abteilungen, die kaum miteinander reden. Alles muss wie in einem Uhrwerk funktionieren. Da hatte ich zu Beginn keine Zeit, eigene Programme zu gestalten, sondern musste die Inhalte und Strukturen einlernen. Nach ein paar Monaten gab es eine Sonderausstellung zum Thema Feste feiern, Ausbruch aus dem Alltag, Kostümierung und Rollenspiel ab der Renaissance bis 1800. Viele Exponate hatten tatsächlich mit Kleidertausch beziehungsweise mit dem Verwischen von Grenzen zwischen männlichen und weiblichen sozialen Rollen, der bewussten Umkehr der höfischen Starrheit und des rigiden, frustrierenden Alltags der Bauern auf dem Land zu tun. Ich habe gesagt: „Wenn in der kuratorischen Setzung dieser Ausbruch aus dem Alltag so stark ist, dann machen wir doch auch etwas Ungewöhnliches in der Vermittlung. Dann mache ich in Drag eine Führung zu genau diesen ausgewählten Objekten.“ Das fand mein Chef gut. Ich habe bei der ersten Durchführung ehrlich gesagt noch nicht so stark an Teilhabe gedacht, sondern erstmal ausprobiert, wie ich damit zurechtkomme und wie es beim Publikum ankommt. Bekommen wir negatives Feedback oder einen Shitstorm? Wir konnten nicht einschätzen, wie konservativ das Publikum des Kunsthistorischen Museums und die Wiener Allgemeinheit sind. Es hat sich herausgestellt, dass es richtig gut ankommt. Ich habe dann überlegt, wo es in der Sammlung überall einen Konnex gibt. So kam ich dazu, die queeren Lebens- und Liebesgeschichten zu erzählen, die sonst den Expert_innen vorbehalten sind, weil man die so schwer sehen oder wissen kann. Es gibt viele Sachen, die mythologisch kodiert sind. Da muss man die Darstellung auf dem Bild, die literarische Quelle und die vielleicht verstärkte Symbolik on top auseinanderpfriemeln. Das ist mein Hauptthema geworden. Es ging speziell darum, queere Menschen und regelmäßige Museumsbesucher_innen anzusprechen. Wir haben das Klischeebild der Rentner_innen mit Jahreskarte, die zu jeder kostenlosen Themenführung kommen, weil es ihnen einfach Spaß macht. Sie haben einen Wissensdurst und gehen dort gerne hin, haben allerdings oftmals wenig Vorerfahrung mit LGBTIQ-Themen. Es hat sich schnell herausgestellt, dass sie sehr dankbar für die Möglichkeit sind, im gewohnten Umfeld des Museums mehr darüber zu erfahren. Tatsächlich hat mich dann eine ehemalige Chefin, mit der ich über das Projekt gesprochen habe, auf einen interessanten Gedanken gebracht: Ich soll bei der Konzipierung und der Bewerbung des Programms nicht nur bestimmte Zielgruppen ansprechen. Es lebt ja gerade davon, dass ganz unterschiedliche Menschen kommen und sich für etwas mehr als eine Stunde eine temporäre Gruppe bildet. Diese Gruppe ist viel diverser, als man es normalerweise in einem Museum erwarten kann. Es geht darum, diese typischen Barrieren aufzuweichen. Das hat mir auf jeden Fall zu denken gegeben, wie ich die Werbung und die Kommunikation nach außen gestalte. Inhaltlich hat das allerdings nichts verändert. Es sollten auf jeden Fall Kunstwerke sein, die auch peripher mit Drag zu tun haben, beziehungsweise soll mein Drag die kaiserlich-pompösen, erdrückenden, elitären Ausstellungshallen brechen und modern kommentieren. Ich habe gehofft, dass dadurch ein Mehrwert beziehungsweise ein positiver Irritationsmoment oder ein Moment von Demokratisierung entsteht, wo man quasi den Kaiser Franz Joseph aus dem Kunsthistorischen Museum exorziert (lacht).

Persson Perry Baumgartinger, Tiefe Kümmernis (2019): „Queering the Museum beinhaltet eine Kritik am Neoliberalismus der Kulturindustrie.“. Die Tiefe Kümmernis im Gespräch mit Persson Perry Baumgartinger über LGBTIQ+ und kulturelle Teilhabe in Museen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/queering-the-museum-beinhaltet-eine-kritik-am-kapitalistischen-neoliberalismus-der-kulturindustrie/