„Eigentlich eine einfache Antwort: ‚Alle’ ist ‚alle’“

Monika Schmerold im Gespräch mit Dilara Akarçeşme über Enthinderung im Kunst- und Kulturbereich als Menschenrechtsaufgabe

Monika Schmerold ist langjährige Menschenrechtsaktivistin, u.a. Obfrau des Salzburger Vereins knack:punkt sowie im Vorstand von Selbstbestimmt Leben Österreich. Im Interview spricht sie über das Prinzip „Nichts über uns ohne uns“, selbstbestimmte kulturelle Teilhabe und Missstände im Kunst- und Kulturbereich.

Was bedeutet für Sie Kunst und Kultur für alle?

Kunst und Kultur für alle bedeutet selbstverständliche Teilhabe an allen Veranstaltungen. Da sind wir schon beim Hauptproblem. Das ist nicht möglich. Mit der Zeit entwickelt man da einen Frust, denn wenn ich genauer nachsehe, gibt es immer irgendwelche Hürden, gerade für Menschen mit Behinderung. Kunst und Kultur für alle bedeutet also generell Teilhabe für alle, ganz uneingeschränkt und selbstverständlich.

Mein Ärger geht eigentlich dahin: Ich schlage die Zeitung auf und sehe großartige Veranstaltungen der Stadt. Im Hintergrund weiß ich, dass das auch durch meine Steuergelder finanziert wird. Dann denke ich mir als Rollstuhlfahrerin: „Ist das barrierefrei zugänglich oder nicht? Ist das für mich geeignet oder nicht?“ Als Salzburgerin weiß ich, welche Veranstaltungsorte wie beschaffen sind. Ich weiß, was möglich ist und was nicht, und brauche nicht mehr nachzusehen. Da denke ich mir: Ok, das ist nicht barrierefrei und für mich gestrichen, das Nächste auch, das Übernächste auch. Beim Vierten könnte es vielleicht sein. Da muss ich aber dann zu recherchieren anfangen. Da beginne ich auf der Homepage, suche im Internet nach Bildern und komme im Endeffekt darauf, dass das auch nicht barrierefrei ist. Mich ärgert das, wenn Programme von der Stadt ausgesendet werden, wo nicht markiert ist, ob das barrierefrei ist oder nicht – abgesehen davon, dass eigentlich alles barrierefrei angeboten werden müsste. Wir haben den Gleichstellungsgrundsatz. Da wir uns jedoch derzeit in einer Übergangsphase befinden, wäre eine Kennzeichnung hilfreich, dass man nicht jedes Mal lange recherchieren muss. Die Homepages der Veranstaltungsorte, gerade Theater oder Schauspiel, sind schlecht aufbereitet und haben keine bis sehr wenige Hinweise. Es fehlen vor allem Fotos. Das reklamiere ich immer wieder: Bitte gebt Fotos auf die Homepage, damit sich jeder, der eine Behinderung hat, selbst ein Bild machen kann. Beschreibungen in Leichter Sprache fehlen durchgängig, die gibt es ganz selten. Das nehme ich vom Verein her immer wieder mit, dass sich Menschen mit Lernschwierigkeiten dadurch ausgeschlossen und nicht erwünscht fühlen.

Ich komme noch einmal auf die Veranstaltungsstätten zurück. Wenn ich ins Theater oder ins Kino gehe, kann ich nicht erwarten, dass automatisch meine Begleitperson neben mir sitzt. Es ist sehr unangenehm, wenn meine Begleitperson dann vor mir, hinter mir oder vielleicht sogar Reihen entfernt sitzt, weil es nicht möglich ist, dass man daneben einen Platz hat oder dass es einfach baulich nicht so gemacht ist, dass man nebeneinandersitzen kann. Zusätzlich wird nie bedacht, dass ein Rollstuhl beim Sitzen eine größere Tiefe hat. Das heißt, meine Begleitung sitzt immer so hinter mir, dass ich mich komplett verdrehen muss, dass ich überhaupt mit ihr oder ihm sprechen kann. Da ist baulich einfach nicht mitgedacht worden. Es muss der Platz dahinter auch noch frei sein, dass man sich mit dem Rollstuhl so positionieren kann, dass man in einer Linie mit der Begleitperson bzw. mit dem Rest der Reihe sitzt. Meistens sitze ich auch in der ersten Reihe. Ich würde mir aber gern aussuchen, wo ich sitze. Ich mache viele Dinge im Kulturbereich, vor allem Theater und Konzerte, aber baulich bin ich nirgends erfreut über die Gestaltung. Man bezieht keine Expert*innen ein, die sich in diesem Bereich gut auskennen. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass die Stadt Barrierefreiheit verpflichtend macht, wenn etwas neu gebaut wird, wenn eine Kulturstätte oder ein Kino umgebaut wird. Da muss jeder Kinosaal barrierefrei zugänglich sein, ohne dass er den Rollstuhlplatz in der ersten Reihe hat. Ich persönlich habe mir auf meinem Handy schon aufgeschrieben, welches Kino Plätze hat und in welchem Bereich, ob vorne, in der Mitte oder hinten. Wenn ich mir einen Film ansehen möchte, orientiere ich mich nicht am Film, sondern am Saal, den sie gerade bespielen. Das heißt, ich muss zuerst schauen, welchen Saal sie bespielen und danach erst, welchen Film sie spielen. Ich kann mich also nicht frei entscheiden. Da sehe ich keine Gleichberechtigung.

Dilara Akarçeşme, Monika Schmerold (2019): „Eigentlich eine einfache Antwort: ‚Alle’ ist ‚alle’“. Monika Schmerold im Gespräch mit Dilara Akarçeşme über Enthinderung im Kunst- und Kulturbereich als Menschenrechtsaufgabe. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/eigentlich-eine-einfache-antwort-alle-ist-alle/