„Es ist an der Zeit, zu schauen, was unabhängig von Staat oder Institutionen möglich ist.“

Marissa Lôbo und Catrin Seefranz im Interview mit Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme.

Marissa Lôbo, Künstlerin und Aktivistin, und Catrin Seefranz, Kulturarbeiterin und -wissenschaftlerin, sind Teil des vierköpfigen Teams von kültüř gemma!, einem Projekt, das seit 2013 die Verbindung von Kultur und Migration stärkt und die künstlerische Arbeit von Migrant_innen fördert*1 *(1). Das Gespräch, das bereits im März 2018 geführt wurde, thematisiert Abhängigkeiten von Institutionen und Subventionen im Kunst- und Kulturbereich, antirassistische Kunst- und Kulturpraxen, Subjektivitäten im Feld der Kultur sowie neoliberale Diversitätsimperative.

Was bedeutet für euch kulturelle Teilhabe bzw. Kultur für alle?

Marissa Lôbo: Das ist mittlerweile ein etwas komplizierter Fall geworden. Ich bin seit langem in der Kunstproduktion tätig, die sich heute als politische und dekoloniale Kunst verkauft. In den letzten zehn bis 15 Jahren hat eine spezifische Bewegung in Wien stattgefunden. Unsere Motivation im Rahmen dieser Bewegung war es, Institutionen zu besetzen. Heute erkenne ich, dass wir dort zu viel Zeit und Kraft verloren haben, und ich glaube auch, dass es ein bisschen schiefgegangen ist. Unser Wissen und unsere Kraft haben wir dort hineininvestiert und nicht in Räume und Produktionen, die unabhängig von institutionellen Kontexten waren. Ich bin müde, meine Kraft und meine politische und ideologische Einstellungen Institutionen zur Verfügung zu stellen und zu glauben, dass Veränderung primär institutionell stattfinden muss.

Ganz im Gegenteil. Ich denke, es ist wichtig zu schauen, wo es kulturelle Begegnungen gibt und zu sehen, dass das vielleicht nicht immer politisch oder auf einer kulturellen Ebene folkloristische Kunst ist. Es ist wichtig, zurück zu Begegnungen in Kunst und Kultur zu kommen, die sich außerhalb eines politischen und institutionellen Vokabulars bewegen. Diese sind nämlich von einer extrem klassistischen Form von Kunst- und Kulturarbeit besetzt.

Catrin Seefranz: Ich kann es nicht ganz verstehen, dass du die Arbeit an den Institutionen schon für obsolet hältst. Für mich persönlich würde ich sagen, dass Kultur für alle immer noch eine Utopie ist, die es auch wert ist, sie weiter zu verfolgen. Ich fürchte allerdings, dass wir der Utopie in den letzten Jahren nicht wirklich nähergekommen sind. Mich beeindrucken Besucher_innenzahlen von irgendwelchen Blockbusterausstellungen überhaupt nicht. Ich finde, dass sich in den Institutionen, in der Kulturpraxis und am Kulturbegriff wenig geändert hat. Diese sind immer noch zu 99,5 Prozent bürgerlich und weiß. In den Kulturinstitutionen und den wichtigsten Stellen behauptet sich nach wie vor eine dominante Mehrheit mithilfe unterschiedlichster Hierarchieebenen. Es gibt sehr viel progressive Rhetorik und vereinzelt performative Akte, die zum Teil auch sehr überzeugend sind, aber ich habe nicht das Gefühl, dass sich strukturell viel tut.

Dennoch finde ich aber, dass es die Arbeit an der Institution immer noch wert ist. Wenn ich etwa auf kültüř gemma! zurückkomme – ich habe ja viel mit Fellowships zu tun: Wir bieten den Fellows Arbeitsmöglichkeiten in und an Institutionen an und das ist mir auch wichtig. Trotzdem sehe ich diese Macht der Institutionen genau. Sie wollen diesen Diversity-Bonus mitnehmen und abkassieren, ohne dass sich wirklich etwas verändert. Es ist deprimierend mitzubekommen, wenn Institutionen, die in der Selbstidentifizierung ganz weit vorne und im Diskurs selbstverständlich ganz politisch und divers sind, in der Realität anders agieren. Das ist enttäuschend. Gerade deshalb bin ich weiter für Kunst und Kultur für alle. Nicht zu vergessen ist, dass kulturelle Teilhabe auch oft mit dem Ziel von Besucher_innenmaximierung instrumentalisiert wird. Hinter dem demokratischen Appell „Kultur für alle“ steckt oft ein selten reflektierter Paternalismus. Man will, dass sich alle in die Kulturtempel schleppen oder alle in ihrem Leben die Zauberflöte gesehen haben oder Ähnliches. Das ist natürlich nicht, was ich meine.

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Ahmed, Sara. 2012. On being included: Racism and Diversity in Institutional Life. Durham: Duke University Press.

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Akarçeşme, Dilara. 2017. Die ‚Night School‘ bei den Wiener Festwochen 2017. Raum für Verhandlung und Produktion dekolonialisierten Wissens und Denkens in ‚weißen‘ Kontexten. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #08. Online unter https://www.p-art-icipate.net/die-night-school-bei-den-wiener-festwochen-2017/ 

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maiz. o.J. maiz ist… Abgerufen von https://www.maiz.at/maiz/maiz-ist am 08.03.2019

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kültüř gemma! o.J. Projekt. Abgerufen von http://www.kueltuergemma.at/de/startpage/ am 08.03.2019

maiz ist ein unabhängiger Verein von und für Migrantinnen mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitssituation von Migrantinnen in Österreich zu verbessern, ihre politische und kulturelle Partizipation zu fördern sowie eine Veränderung der bestehenden, ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse zu bewirken. (vgl. https://www.maiz.at/maiz/maiz-ist )

Die damals neue ÖVP-FPÖ-Regierung ist mittlerweile bereits nicht mehr im Amt.

Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme, Marissa Lôbo, Catrin Seefranz (2019): „Es ist an der Zeit, zu schauen, was unabhängig von Staat oder Institutionen möglich ist.“. Marissa Lôbo und Catrin Seefranz im Interview mit Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme.. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/es-ist-an-der-zeit-zu-schauen-was-unabhaengig-von-der-macht-des-staates-oder-von-institutionen-moeglich-ist/