„Wo ist ein Migrant der Boss und sagt: ‚Das ist zu weiß.’?“

Das Duo EsRap, bestehend aus den Geschwistern Esra und Enes Özmen, im Gespräch mit Dilara Akarçeşme

Wie schätzt ihr die Förderlandschaft allgemein ein? Die eine Sache ist: Gibt es genug Fördermittel? Die andere Sache ist: An wen gehen die vorhandenen Fördermittel?

Esra Özmen: Es wird immer wieder gekürzt, auch wegen der aktuellen Regierung.*1 *(1) Es kann viel mehr geben. Ich glaube schon, dass Kunst und Kultur die Gesellschaft wirklich im positiven Sinne verändern und auch Selbstbewusstsein geben. Ich merke es zum Beispiel in unseren buntgemischten Workshops: Da hat man zum Beispiel vier Migranten, zwei Mehrheitsösterreicher, dann sind eine trans Frau und zwei Lesben da. Wenn man wirklich drei Monate zusammenarbeitet, entwickelt sich enorm viel in der Gruppe. Das ist die beste politische Arbeit, ohne irgendein politisches Statement abzugeben, ohne belehrend zu sein oder einen Vortrag zu halten. Ich habe noch nie in meinen Workshops einen Vortrag über Gender gehalten. Wir sind zusammen. Wir rappen zusammen. Dann gibt es ein paar Konflikte. Es ist eigentlich eine revolutionäre Bewegung, merke ich. Die Menschen ändern sich nämlich dabei. Man muss auch ein bisschen offen darüber reden können. Wir haben einen Song Der Tschusch ist da geschrieben und im Park streiten die Kinder darüber. Die einen sagen: „Wir sind keine Tschuschen!“, die anderen sagen: „Doch, die sagen uns doch, dass wir Tschuschen sind!“ Es geht im Endeffekt nicht darum, ob wir Tschuschen sind oder nicht, sondern darum, dass man diesen Konflikt hat und darüber redet. Dieser Austausch ist sehr wichtig.

Was denkt ihr über digitale Möglichkeiten in Bezug auf kulturelle Teilhabe?

Esra Özmen: Für mich ist das Digitale sehr wichtig, vor allem das Visuelle und Social Media. Social Media spielen im Rap eine wichtige Rolle. Wenn ich mir die Social Media-Auftritte von Institutionen und Projekten anschaue, ist das schon sehr schwach, muss ich sagen.

Enes Özmen: Ich finde es auch sehr wichtig. Früher gab es das Fernsehen, wo nur wenige Sendezeit bekommen haben. Heutzutage hat durch Social Media jeder Mensch die Möglichkeit, seine Talente zu präsentieren. Da muss man auch nicht unbedingt viel Geld haben. Wenn man rappt, kann man einfach etwas aufnehmen und per Instagram teilen. So wird man auch bekannt. Nicht nur Privilegierte können da gut abschneiden, sondern auch die normale Arbeiterklasse. Zum Beispiel gibt es auch diese Sache mit T-Ser. Er ist ein Schwarzer Rapper, der sich einmal in einem Park mit anderen Rappern getroffen hat. Plötzlich sind 15, 20 Polizisten gekommen und sind gewaltsam mit ihnen umgegangen. Einer seiner Freunde hat das live aufgenommen und auf Facebook geteilt. T-Ser ist damit sehr berühmt geworden. Es hatte eine starke Wirkung, weil man eben genau gesehen hat, wie die Polizei mit ihm umgegangen ist. Das ist sehr wichtig. Wer würde sonst etwas davon hören? Vielleicht wird das auch jetzt im Fernsehen kommen. Ohne Social Media würde aber niemand davon erfahren.

Esra Özmen: Diese Sichtbarkeit ist wichtig. Man hat gesehen, dass es eine Ungerechtigkeit von der Polizei ist. Man geht mit Schwarzen und migrantischen Menschen gewaltsam um. Dann merke ich zum Beispiel, dass sich Leute auch mehr trauen, etwas gegen die Polizei zu sagen oder Sachen aufzunehmen. Wenn man merkt, dass ein Migrant eine Stimme bekommt, dann kann ich das auch bekommen. Deswegen finde ich das sehr wichtig, dass man auch die kleinsten Sachen weiterteilt, egal welche Art von Rassismus man erlebt hat. Das stärkt. Auch in der Schule war das so. Ich war zum Beispiel die erste Migrantin in der Familie, die maturiert hat. Für mich war es immer schwierig, weil ich mich mit einer Verena oder einem Matthias verglichen habe. Matthias schafft es, aber ich nicht, weil ich kein Österreicher bin. Ich habe es aber geschafft. Dann hat es meine Cousine Macide geschafft, weil sie gemeint hat: „Esra schafft es, und die redet ja nicht einmal so gut Deutsch. Warum sollte ich es nicht schaffen?“ Das motiviert eben sehr stark. Deswegen ist es sehr wichtig, dass migrantische Leute laut und stark sind.

Wie sind eure Erfahrungen mit Mainstream-Medien?

Esra Özmen: Das ist gar nicht einfach. Unseren letzten Song haben sie nicht oft gespielt, weil es angeblich nicht in die Rap-Branche passt. Andere Hipster-Songs spielen sie aber auf und ab. Das kommt mir schon komisch vor. Können sie unsere Musik nicht leiden oder unsere politische Message? Unser Song wird nicht gespielt, andere Rap-Kategorien aber schon. Da tritt meine Ehre dann auch in den Vordergrund. Ich brauche keine Mainstream-Medien. Ich habe so viel Community. Deswegen sind Social Media cool.

Enes Özmen: Niemand hat RAF Camora im Radio gespielt. Er ist jetzt aber der berühmteste Rapper im deutschsprachigen Raum. Letztens hatte er einen Auftritt in der Stadthalle, wo 13.000 Leute kamen. Alle sind über Social Media auf ihn aufmerksam geworden. Deswegen haben Social Media eine sehr positive Seite. Man muss nicht mehr radio- oder fernsehberühmt sein.

Esra Özmen: Wenn man so politisch ist, muss man aber Projekte auch immer wieder absagen, weil regelmäßig problematische Sachen vorkommen.

Gemeint ist die ÖVP-FPÖ-Regierung vor dem Aufkommen der Ibiza-Affäre bzw. dem Misstrauensantrag.

Back Bone ist die Mobile Jugendarbeit im 20. Wiener Gemeindebezirk. https://www.backbone20.at/

Wiener Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen. https://sprungbrett.or.at/

Dilara Akarçeşme, Esra und Enes Özmen (2019): „Wo ist ein Migrant der Boss und sagt: ‚Das ist zu weiß.’?“. Das Duo EsRap, bestehend aus den Geschwistern Esra und Enes Özmen, im Gespräch mit Dilara Akarçeşme . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/wo-ist-ein-migrant-der-boss-und-sagt-das-ist-zu-weiss/