„Wo ist ein Migrant der Boss und sagt: ‚Das ist zu weiß.’?“

Das Duo EsRap, bestehend aus den Geschwistern Esra und Enes Özmen, im Gespräch mit Dilara Akarçeşme

Inwiefern?

Esra Özmen: Zum Beispiel wurden wir eingeladen, in einem Kinofilm mitzuspielen. Ich fand den Film sehr problematisch. Es ging um Kritik gegenüber dem Islam, was ich verstehe. Es kam aber von einer Mehrheitsösterreicherin, die im Gespräch sehr islamophobe Sachen von sich ließ. Da hätte ich quasi nur Quote gespielt, damit sie sagen kann, dass sie nicht islamophob ist. „Schau, die Esra hat in dem Film mitgespielt,“ hätte es dann geheißen. Dann sucht sie sich noch zehn andere Migranten aus, damit sie ihr politisch reines Gewissen hat. Da mache ich nicht mit. Das sind aber Kreise, wo man schnell hineinrutschen kann.

Ein anderes Beispiel: Ich vertrete nicht Erdoğan. Erdoğan ist weder mein Vater noch irgendwie mit mir verwandt. Es reicht mir langsam, denn in die meisten Sendungen werde ich nicht wegen meiner Musik, sondern wegen Erdoğan eingeladen. Dort gehe ich nicht hin. Ich mache Musik. Das hat mit Erdoğan direkt nichts zu tun. Das hat mit Erdoğan vielleicht indirekt etwas zu tun, weil es um Hegemonien geht, aber mein Fokus liegt auf Österreich. Ich bin hier geboren und hier aufgewachsen. Ich verstehe es nicht ein bisschen, dass sie uns die ganze Zeit vorwerfen, dass wir uns nicht für die österreichische Politik interessieren, sondern für die türkische. Aber dann laden sie uns nur wegen der türkischen Politik ein. Das macht es immer wieder schwer. Man wird nur eingeladen, wenn man von dir profitieren kann und will. „Komm, schimpf auf die Türkei, dann bist du einer von uns!“ Da denke ich mir aber: Lass uns über Österreich reden. Es gibt zigtausend Baustellen.

In Salzburg ist das Stadt-Land-Gefälle ein großes Thema. Habt ihr in Wien eine ähnliche Situation?

Esra Özmen: Ja, die Außenbezirke. In den letzten zwei, drei Jahren ist dezentrale Kulturarbeit sehr in geworden. Da will man rausgehen und geht in den 16. Bezirk, obwohl das gar nicht dezentral ist, sondern das ist am Gürtel. Ich hatte auch eine lange Diskussion im Zuge meiner Teilnahme am Popfest. Das ist eine Veranstaltung im Wienmuseum über Popkultur, Frauen und so weiter. Ich sagte, dass man das Popfest in den Außenbezirken nicht kennt. Sie konnten mir das nicht glauben. Es gab eine große Diskussion. „Es kann nicht sein, dass man das Popfest nicht kennt. Da muss ein Desinteresse da sein.“ Frag mal die Jungs und Mädels im 10. Bezirk, ob sie das Popfest kennen. Niemand kennt es. Sie kennen das Donauinselfest. Die Leute, die dort spielen, entsprechen aber nicht ihrem Musikgeschmack oder auch ihrer Identität. Ich habe begonnen Deutschrap zu hören, als sie gesagt haben, ich bin ein Ausländer.

Dezentrale Kulturarbeit wird tatsächlich nur minimal gemacht. Was gemacht wird, ist Jugendarbeit. Die ist dezentral. Aber für kultur- und kunstfokussierte Sachen gibt es kaum Raum. Du siehst selten einen Künstler aus dem 22. oder 23. Bezirk. Zentral ist der 1. Bezirk und Umgebung. Rap ist aber in den Außenbezirken entstanden. Man kennt das ja aus New York. Rap ist dort in der Bronx, außerhalb des Zentrums entstanden. Wenn man sich Rap hier anschaut, ist er in den Gemeindebauten entstanden, in den Außenbezirken, unten im Keller. Da gab es keine Sichtbarkeit. Es gibt ein Zitat, das ich oft erwähne: „Ich schrei‘ aus dem Keller raus und die ganze Welt hört mir zu.“ Das ist die dezentrale Problematik. Man hat in den Außenbezirken keine Stimme. Wo man sich festhalten kann und eine Stimme bekommt, ist Rap.

Was waren die Argumente, als dir gesagt wurde, dass Desinteresse herrschen muss?

Esra Özmen: Ich habe mit dieser Person lange gestritten, weil es genau um den uninteressierten Migranten ging, der sich nicht für die Kunst interessiert. Das hat mich sehr aufgeregt. Ich kenne die Community, weil ich selbst die Community bin. Ich selbst habe das Popfest bis vor vier Jahren nicht gekannt. Enes hat es nicht gekannt. Ich habe dieser Person gesagt, dass ich tausend Leute bringen kann, die das Popfest nicht kennen. Er hat es mir einfach nicht geglaubt. Das Argument ist rassistisch. Wenn du es nicht ordentlich anbietest, dann weiß man davon nichts. Ich habe bisher niemanden gesehen, der sagt: „Kunst interessiert mich gar nicht.“

Man merkt auch den Unterschied, welche Politik uns gegenüber gemacht wurde und jetzt gegenüber Flüchtlingen gemacht wird. Damals wurden die Türken alleingelassen. Jetzt mit den Flüchtlingen ist es zumindest etwas anders. Es gibt ein Bewusstsein. Man nimmt sie in Theaterstücke auf und so weiter. Da merke ich, dass die Migrantenpolitik in der linken Szene bei Flüchtlingen ganz anders funktioniert. Sie sind sichtbarer. Man kennt zum Beispiel ihre Geschichten. Wie viele Gastarbeitergeschichten kennt man? Wie viele Einzimmerproblematiken kennt man? Keine. Es gibt zum Beispiel Leute, die immer noch mit körperlich behinderten Kindern in einer Einzimmerwohnung wohnen. Das sind die Gastarbeitergeschichten. Davon weiß man immer noch nichts. Vor allem die türkische und die jugoslawische Community wurden sehr viel ausgestoßen von der linken Szene.

Gemeint ist die ÖVP-FPÖ-Regierung vor dem Aufkommen der Ibiza-Affäre bzw. dem Misstrauensantrag.

Back Bone ist die Mobile Jugendarbeit im 20. Wiener Gemeindebezirk. https://www.backbone20.at/

Wiener Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen. https://sprungbrett.or.at/

Dilara Akarçeşme, Esra und Enes Özmen (2019): „Wo ist ein Migrant der Boss und sagt: ‚Das ist zu weiß.’?“. Das Duo EsRap, bestehend aus den Geschwistern Esra und Enes Özmen, im Gespräch mit Dilara Akarçeşme . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/wo-ist-ein-migrant-der-boss-und-sagt-das-ist-zu-weiss/