Die Kunst liebt die Proleten … sie kann es ihnen nur nicht zeigen

 

2. Stadium

Stadium, das im Rahmen der Wiener Festwochen 2018 im Theater an der Wien aufgeführt worden war, bezeichnete Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen als einen Treffer, den die Wiener Festwochen bitter notwendig gehabt hätten. (vgl. Kralicek 2018)star (*1)

Der französische Filmemacher Mohamed El Khatib holte um die 50 Fans des französischen Fußballklubs RC Lens auf eine Theaterbühne und ließ sie in Dialog mit Fans des FC Rapid Wien treten. Sie alle waren nicht nur bei der Aufführung anwesend, sondern Khatib hatte zuvor im Zuge seiner Recherchen auch vor Ort Interviews geführt und diese gefilmt. Ausschnitte daraus fügte er dann, gewissermaßen wie Dokumentarfilm-Schnipsel, während des Stücks ein. Ziel der Aktion war es, die Fans der beiden unterschiedlichen Lager nicht nur dazu anzuregen, miteinander in den Dialog zu treten, sondern auch mit den Zuschauer:innen. Was entstand, war eine Atmosphäre des Kontakt-Suchens. Dies geschah, indem dazu animiert wurde, nach dem Stück gemeinsam zu singen, indem Fußballfans sowie Theaterpublikum ironisch voneinander belächelt wurden und jeder in der Pause und nach dem Stück auf der Bühne Bier trinken durfte. (vgl. Petsch 2018)star (*3)

Mohamed El Khatib sagt darüber, was für ihn das Wichtigste an der Umsetzung des Stücks sei: „Leute anzusprechen, die sonst nicht ins Theater gehen, weil sie Schwellenangst haben. Mitspielen ist die beste Form, sich Theater anzueignen.“ (vgl. Petsch 2018)star (*3)

Ich selbst als Rezipientin merkte, wie in vielen Köpfen von gestandenen Theaterbesucher:innen in Anzug und Abendkleid etwas vorging: Das anfängliche Gefühl von stummem Voyeurismus, sich Interviews von Personen einer unteren Bildungsschicht über ein so banales Thema anzusehen, wich im Laufe der Zeit einer Art Verständnis für die Akteur:innen und einem Gefühl davon, dass wir gar nicht so unterschiedlich seien. Die Wirkung des Stücks schien beim Theaterpublikum stärker wahrnehmbar als bei den Laienschauspieler:innen, entgegen El Kahtibs eigentlicher Intention.

Die Fußballfans waren zunächst mindestens so skeptisch wie die Theaterbesucher:innen: Sie behaupteten am Anfang des Stücks, Theater wäre langweilig, nur etwas zum Sich-Berieseln-Lassen. – Warum denn wo hingehen, wo man nicht mitmachen kann? (vgl. Pesl 2018)star (*2)

Der Haken und gleichzeitig das Schöne an dem Stück lag aber genau in diesem Moment des Mitmachens, obwohl es einen plakativen Beigeschmack hatte: Hätte weniger Interaktion zwischen den Parteien stattgefunden, wäre eventuell trotzdem mehr Verständnis für andere Unterhaltungsformen seitens der Theaterbesucher:innen entstanden, doch diese Distanz zu „einfachen Menschen“, wie so oft gesagt wird, wäre gänzlich unverändert geblieben.

Kritiker:innen hatten ein paar Punkte zu bemängeln. Als problematisch wurde gesehen, dass die gesellschaftskritische Komponente, die bei dieser Thematik a priori vorhanden ist, durch die bekömmliche Aufbereitung des Stücks nicht ausreichend herausgestellt worden sei.(vgl. Pesl 2018)star (*2)

Die Fans des Fußballclubs Lens sind Einwohner:innen eines ehemaligen Industrieortes, dessen Arbeitsplätze durch die fortschreitende Postindustrialisierung nach und nach weniger wurden. Das wiederum führte zu höherer Arbeitslosigkeit und zu einem kompensatorischen Klammern an die Freizeitbeschäftigung Fußball als Ausweg und als Sicherheit. – Ein „Proletariat“, wie es im Buche steht und auf dessen Herkunft und Zukunft laut dem Kritiker Martin Thomas Pesl innerhalb des Stücks zu wenig Bezug genommen wird.(vgl. Pesl 2018)star (*2) Zwar erzählen die Menschen über ihr Leben und die Vergangenheit ihrer Kleinstadt, die sozioökonomischen Zusammenhänge muss man sich jedoch teilweise selbst erschließen. Insofern könnte das Stück durch die dokumentarischen Beiträge eher als eine Art Sittengemälde bezeichnet werden, da weniger Faktenvermittlung stattfindet als bei konventionellen dokumentarischen Elementen im Theater.

Auf die intellektuellen Anforderungen des Stücks (oder eben deren vermeintliche Abwesenheit) geht ein Artikel des TFMlog, einer Plattform für theoretische Kunstreflexion des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien ein: „Alles in allem – Hausmannskost. Liebevoll zubereitet und mit einer überschwänglichen Gastfreundschaft serviert.“ (Presse von Schrott)star (*4)

Alles in allem wird der Abend der Wiener Aufführung des Stücks als emotionsgeladen bezeichnet, als Erlebnis, als eine Erzählung über Klassenkampf und ein Grenzen-Lockern, genau durch diesen beschriebenen Dialog.(vgl. Presse von Schrott)star (*4)

In mir bleibt die Hoffnung, dass das Publikum den Abend in Erinnerung behält. Wenn manche Intellektuelle den Sportteil der Zeitung belächeln oder, weitergedacht, sich über Popkultur beschweren, „einfache“ Freuden im Leben herabstufen und unter ihre eigenen Interessen stellen; dann wünsche ich mir, dass sie vielleicht einen Moment innehalten und daran denken, dass in Wirklichkeit all das seine Berechtigung hat.

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Kralicek, Wolfgang. Schwarzfresse, Blut und Gold. 2018. o.S. In Süddeutsche Zeitung, 03.06.2018. https://www.sueddeutsche.de/kultur/wiener-festwochen-schwarzfresse-blut-und-gold-1.3999853?reduced=true. Zugegriffen am 29.04.2020

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Petsch, Barbara. ‘Stadium‘: Bühne frei für Fußballfans!“. 2018. o.S. In Die Presse, Kulturmagazin, 13.04.2018. https://www.diepresse.com/5403352/stadium-buhne-frei-fur-fussballfans. Zugegriffen am 27.01.2020

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Presse von Schrott. Kevin, wie Mohammed in Marokko. 2018. o.S. In tfmlog, 30.05.2018. https://tfmlog.univie.ac.at/archiv/festwochen-campus-2018/stadium/. Zugegriffen am 28.04.2020

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Wikipedia, o.V. Proletariat. Zuletzt geändert 10.02.2020. o.S. https://de.wikipedia.org/wiki/Prolet. Zugegriffen am 28.04.2020

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Jessen, Jens. Die Liebe zum Vulgären. 2013. o.S. In Die Zeit Nr. 12/2013. https://www.zeit.de/2013/12/Vulgaritaet-Medien-Helden. Zugegriffen am 27.01.2020

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Landesarchiv Baden-Württemberg, o.V. Biografie Clara Zetkin. 2008. o.S. https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=6760. Zugegriffen am 28.04.2020

Prolet bezieht sich hier nicht konkret auf männliche Proleten, ich belasse es aber bei der nicht-gegenderten Form, um das Konzept des Proleten-Prototyps deutlicher thematisieren zu können.

Jogginghose, Fäkalsprache, Alkohol, Autos, Fernsehen, einschlägige Persönlichkeit, auffällige oder billige Kleidung

Dadurch, dass dank der Freiheit Kunstschaffende nicht mehr den Zwang haben, ihre Kunst stark verändern zu müssen, um überleben zu können.

Natürlich kann es sein, dass der:die Kunstschaffende ein Konzept nicht erklären möchte, aber auch dann kann man immerhin darauf verweisen, warum nichts erklärt wird, und eventuell worauf man in der Arbeit achten könnte oder sollte.

Maria Schwarzmayr (2020): Die Kunst liebt die Proleten … sie kann es ihnen nur nicht zeigen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/die-kunst-liebt-die-proleten-sie-kann-es-ihnen-nur-nicht-zeigen/