Die Kunst liebt die Proleten … sie kann es ihnen nur nicht zeigen

 

3. Proletariat, Klassen(kampf) und Kunst

Ein viel zu langes Thema für einen kurzen Text wie diesen, aber nicht unwesentlich für die Thematik: Warum ist denn diese Kluft da, zwischen dem, was wir als Kunst und Kultur bezeichnen, und dem, was „einfache Menschen“ tun, um ihre Freizeit zu genießen? Grundsätzlich spreche ich die ganze Zeit von zwei Klassen, von denen eine kaum bis keinen Kontakt zu zeitgenössischer Kunst hat, sei es nun bildende oder darstellende. Aber aus wem besteht diese Klasse und gibt es sie wirklich?

 

3.1. Der Prolet

 

Das Wort „Prolet“*1 *(1) fiel bereits. Obwohl mein persönlicher Idealfall wäre, dass es eine völlig neutrale Konnotation hat, ist es doch meist abwertend gemeint. Wikipedia verhilft zu einer knappen Definition dessen, worum es eigentlich geht:

„Prolet ist die umgangssprachliche Verkürzung des Begriffs ‚Proletarier‘ und bezeichnete seit dem 19. Jahrhundert auf abwertende Weise Angehörige vor allem der städtischen Unterschicht, besonders Industriearbeiter, seit Aufkommen des Marxismus aber auch positiv Arbeiter im Kontext des Klassenkampfes.“ (Wikipedia „Prolet“)star (*5)

Weiters weist Wikipedia auf die Konnotation „bildungsfrei“ hin und erklärt einige Arten des Proletariats: Bezug genommen wird damit nicht mehr nur auf Menschen der Arbeiterschicht, sondern auch auf Neureiche, die jedoch als ebenso kulturfern angesehen werden. (vgl. Wikipedia „Prolet“)star (*5)

Anekdotische Beobachtungen zu dem Proleten-Prototyp*2 *(2) besagen, dass der „Prolet“ mittlerweile zu Menschen im Kunst- und Kulturbereich vorgedrungen ist, jedoch als Stilmittel. Trashige Muster auf der Kleidung, glorifizierter Alkoholkonsum und zunehmendes Sich-Eingestehen von „guilty pleasures“ werden immer prägnanter unter Kunstschaffenden, sei es im sozialen Leben oder als Performance. Das Konzept steht und fällt jedoch mit den Kreisen, in denen man sich bewegt, das Proletentum ist ein ablegbares Kostüm. (Vgl. Jessen 2013)star (*6)

Natürlich, jede:r ist frei, zu tragen, was auch immer er:sie möchte, und sich zu verhalten, wie er:sie möchte, aber sind es nicht oft genau die Leute, die eigentlich auf untere Gesellschaftsschichten herabschauen und dann meinen, sie müssten sich aber doch so anziehen wie sie? Ist es eine Art von reclaimen? Aber funktioniert reclaimen nicht nur dann, wenn es auch etwas gibt, das man sich zurückholt, und sich nicht nur einfach von anderen nimmt? Oder ist das alles Mode und niemand denkt in Wirklichkeit über das „Proletariat“ nach?

Der Zwiespalt zwischen dem Ausstrahlen von „Wir sind einfache Leute, wie alle anderen“ und der so oft suggerierten Auffassung von „Wir machen Kunst für Intellektuelle, also für uns und nur für uns“ erscheint mir sehr deutlich. Dass dieser Austausch allerdings auch fruchtbare Seiten hat, erläutere ich in einem der nachfolgenden Abschnitte.

 

3.2. Clara Zetkin – Kunst und Proletariat

 

Clara Zetkin (1857 – 1933) war Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin, die politisch in der sozialistisch-kommunistischen Richtung einzuordnen ist. (vgl. Landesarchiv Baden-Württemberg)star (*7)

Im Januar 1911 hielt sie eine Rede über die Bedeutung von Kunst in der Arbeiterklasse, auf die ich in einigen Punkten eingehen werde.

 

3.2.1.

„Die Lebensbedingungen, welche die kapitalistische Gesellschaftsordnung ihren Lohnsklaven schafft, sind kunstfeindlich, ja kunstmörderisch. Kunstgenießen und noch mehr Kunstschaffen hat zur Voraussetzung einen Spielraum materieller und kultureller Bewegungsfreiheit […].“ (Zetkin, 1911)star (*8)

 

Kunst ist anstrengend. Man muss sich hineinlesen, darüber reflektieren, Referenzen kennen, et cetera. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, diese Welt nicht zu kennen, so schön und spannend wie sie ist. Gleichzeitig verstehe ich aber die Trägheit, die das Proletariat gegenüber intellektuellem Gut an den Tag legt, wenn sich etwa eine alleinerziehende Mutter nach dem Zu-Bett- Bringen ihrer Kinder leichte Unterhaltung wünscht.

Arbeiter:innen mit engem Zeitplan und Stress, der nichts mit Kunst zu tun hat, die sich aber trotzdem mit Kunst beschäftigen, haben eine gewisse Stärke und vermutlich gute Voraussetzungen aus dem Elternhaus; sie sind meiner Meinung nach das, was Helen Keller für gehörlos-blinde Menschen ist – eine Inspiration, aber sie bleiben die Ausnahme.

In Stadium sieht man, wie die Menschen das Event Fußballspiel auch nutzen, um zusammenzukommen und zu feiern. Es ist Familientreffen, Party und Spannung gleichzeitig. – Diese ungezwungene Atmosphäre sowie der Freizeit-Multitasking-Charakter der Treffen sind in einem Kunst- und Kulturmilieu schwer zu reproduzieren, wenn schlicht und einfach die Zeit fehlt, sich in eben dieses Milieu einzuarbeiten.

 

3.2.2.

„Es ist eine Tatsache, dass die Kunst eine alte, urwüchsige geistige Lebensäußerung der Menschheit ist. […] Kaum, dass der Mensch sich von der Tierheit loszulösen beginnt, dass geistiges Leben in ihm die Augen aufschlägt, regt sich in ihm der künstlerische Schöpfungsdrang und lässt eine ganz einfache, rohe Kunst entstehen.“ (Zetkin, 1911)star (*8)

 

Zu diesem Punkt kommt Zetkin, nachdem sie darüber gesprochen hat, dass jede wirtschaftlich/ideologisch schlechte Zeit der Menschheit eine neue Renaissance oder neue Strömungen der Kunst hervorbringt. (vgl. Zetkin 1911)star (*8)

Das leidige Thema Kunstbegriff: Um eine Etablierung des Proletariats als ebenbürtig zu erreichen, muss die Kunstwelt begreifen, dass nicht nur ihr Werk das einzig wahre ist. Der Kompromiss liegt nahe: mehrere Unterbegriffe etablieren, die über die Art von Kunst Auskunft geben – das ist bereits geschehen: Handwerkskunst, zeitgenössische Kunst und so weiter.

Aber es muss noch ein Umdenken geschehen: Kunst, die primär zu Unterhaltungszwecken existiert, ist nicht minderwertig. Nun kann mir widersprochen werden: der Arbeitsaufwand, der soziokulturelle Mehrwert, Konzepte, Ebenen, Bedeutung – ja, es gibt eine große Menge an Qualitäten in der Kunst, wegen derer wir sie überhaupt als Kunst bezeichnen.

Was für mich jedoch einen der wichtigsten Werte der Kunst ausmacht, ist, was sie den Menschen gibt: Kraft, Energie und manchmal das Gefühl, nicht allein zu sein. Das ist auf keine Weise nur für bestimmte Arten der Kunst zutreffend.

Sobald ein Umdenken in den Wertvorstellungen passiert, wird – so hoffe ich – ein veränderter Umgang zwischen den kulturellen Gesellschaftsschichten daraus resultieren: eine Atmosphäre der Wertschätzung.

 

3.2.3.

„Wir wissen, dass die soziale Revolution, welche mit der Arbeit auch die Kunst befreit*3 *(3), das Werk des kämpfenden Proletariats sein muss. Aber das kämpfende Proletariat reicht der Kunst mehr als diese Zukunftsverheißung. Sein Ringen, das Bresche auf Bresche in die bürgerliche Ordnung legt, bahnt neuen künstlerischen Entwicklungsmöglichkeiten die Wege und verjüngt die Kunst durch einen neuen Gedankeninhalt […].“ (Zetkin, 1911)star (*8)

 

Ad Wertschätzung: Das Entlehnen des Proletarier-Prototyps in die Kunstwelt ist manchmal nur leeres Heucheln, aber nicht immer. Hin und wieder ist zu erkennen, dass Inhalte, die manche Klassen beschäftigen, in die andere vordringen und in Kunst verarbeitet werden. Dadurch erhalten nicht nur die Kunstschaffenden Inspiration, sondern im Idealfall auch die Spender:innen der Inspiration neues Gehör.

Eigentlich ist dies der Idealfall eines Dialogs: Ein wechselseitiges Profitieren und Lernen. Denn alle große Kunst lebt von dem geistigen Herzblut einer großen Gemeinschaft. (vgl. Zetkin, 1911)star (*8)

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Kralicek, Wolfgang. Schwarzfresse, Blut und Gold. 2018. o.S. In Süddeutsche Zeitung, 03.06.2018. https://www.sueddeutsche.de/kultur/wiener-festwochen-schwarzfresse-blut-und-gold-1.3999853?reduced=true. Zugegriffen am 29.04.2020

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Petsch, Barbara. ‘Stadium‘: Bühne frei für Fußballfans!“. 2018. o.S. In Die Presse, Kulturmagazin, 13.04.2018. https://www.diepresse.com/5403352/stadium-buhne-frei-fur-fussballfans. Zugegriffen am 27.01.2020

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Presse von Schrott. Kevin, wie Mohammed in Marokko. 2018. o.S. In tfmlog, 30.05.2018. https://tfmlog.univie.ac.at/archiv/festwochen-campus-2018/stadium/. Zugegriffen am 28.04.2020

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Wikipedia, o.V. Proletariat. Zuletzt geändert 10.02.2020. o.S. https://de.wikipedia.org/wiki/Prolet. Zugegriffen am 28.04.2020

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Jessen, Jens. Die Liebe zum Vulgären. 2013. o.S. In Die Zeit Nr. 12/2013. https://www.zeit.de/2013/12/Vulgaritaet-Medien-Helden. Zugegriffen am 27.01.2020

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Landesarchiv Baden-Württemberg, o.V. Biografie Clara Zetkin. 2008. o.S. https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=6760. Zugegriffen am 28.04.2020

Prolet bezieht sich hier nicht konkret auf männliche Proleten, ich belasse es aber bei der nicht-gegenderten Form, um das Konzept des Proleten-Prototyps deutlicher thematisieren zu können.

Jogginghose, Fäkalsprache, Alkohol, Autos, Fernsehen, einschlägige Persönlichkeit, auffällige oder billige Kleidung

Dadurch, dass dank der Freiheit Kunstschaffende nicht mehr den Zwang haben, ihre Kunst stark verändern zu müssen, um überleben zu können.

Natürlich kann es sein, dass der:die Kunstschaffende ein Konzept nicht erklären möchte, aber auch dann kann man immerhin darauf verweisen, warum nichts erklärt wird, und eventuell worauf man in der Arbeit achten könnte oder sollte.

Maria Schwarzmayr (2020): Die Kunst liebt die Proleten … sie kann es ihnen nur nicht zeigen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/die-kunst-liebt-die-proleten-sie-kann-es-ihnen-nur-nicht-zeigen/