„Partizipation setzt nicht nur voraus, dass ein Projekt offen ist“

Reinhold Tritscher im Gespräch mit Timna Pachner

Der Salzburger Theatermacher und Schauspieler Reinhold Tritscher, unter anderem künstlerischer und organisatorischer Leiter des Theater ecce, spricht über die Umsetzung kultureller Teilhabe in verschiedenen, von ihm (mit-)initiierten Projekten sowie über Hürden, mit denen man in diesem Zusammenhang konfrontiert ist: über zu wenige Ressourcen für die Betreuung von Projekteilnehmer*innen, über Armut als Ausschlusskriterium und – als bestimmender Ausschlussfaktor, was die Projektarbeit am Land betrifft – über die fehlende Mobilität potenziell Interessierter. Das Interview wurde im Jänner 2019 geführt.

 

Wie setzen Sie in Ihren Projekten kulturelle Teilhabe um?

Ein Projekt, das wir initiiert haben, ist Hunger auf Kunst und Kultur. Da geht es darum, armutsgefährdeten Menschen den Zugang zu Kunst- und Kulturveranstaltungen zu ermöglichen. Diese Aktion wurde ursprünglich vom Wiener Schauspielhaus und dem Netzwerk der österreichischen Armutskonferenz initiiert. Wir haben sie dann in Salzburg umgesetzt, daraufhin hat sie sich in ganz Österreich etabliert. Mit dem sogenannten Kulturpass haben Menschen, die es sich sonst nicht leisten könnten, Zugang zu mittlerweile über 100 Kultureinrichtungen in Stadt und Land Salzburg. Dieser Kulturpass wird sehr stark angenommen. Es ist allerdings ein großes Stadt-Land-Gefälle beobachtbar, weil am Land auch das Thema Mobilität eine große Rolle spielt. Hunger auf Kunst und Kultur ist ein Projekt, in dem wir seit 2005 ehrenamtlich aktiv sind, gemeinsam mit dem Dachverband Salzburger Kulturstätten, der Laube und dem Netzwerk der Salzburger Armutskonferenz.

Darüber hinaus gibt es zwei Basisprojekte: Das eine ist in der Stadt Salzburg die Laube-VOLXtheaterwerkstatt. Das ist eine Improvisationstheaterwerkstatt, die einmal wöchentlich in der ARGEkultur stattfindet, die auch Projektpartnerin ist. Die VOLXtheaterwerkstatt ist ein sehr niederschwelliges Projekt. Jede*r ist eingeladen daran teilzunehmen, auch ohne jegliche Vorkenntnisse mitzubringen. Dezidiert werden Menschen mit Beeinträchtigungen eingeladen. Partnerorganisationen sind die Lebenshilfe und die Laube. Die VOLXtheaterwerkstatt läuft schon sehr lange und führt in der Regel zu einer Produktion im Jahr, die wir auch zeigen, etwa 2017 in der Stadt Salzburg Schlafstörungen. 2018 haben wir unter dem Titel Heimatabend eine Produktion in Kooperation mit der VOLXtheaterwerkstatt Saalfelden gemacht, die wir gemeinsam mit dem Kunsthaus Nexus, den dortigen Kulturvereinen, der Laube und der Lebenshilfe umsetzen. Das Angebot in Saalfelden basiert im Prinzip auf demselben Modell wie in der Stadt, ist also offen für alle, die teilnehmen wollen. Das Alter der Teilnehmer*innen reicht von 12 bis 65. Das besondere Problem, mit dem wir im ländlichen Raum konfrontiert sind, ist die bereits angesprochene Mobilität. Ich weiß zum Beispiel von Menschen mit Beeinträchtigung, die an der Werkstatt deshalb nicht teilnehmen können, weil sie den Weg vom Oberpinzgau ins Nexus nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln schaffen und auch keine andere Gelegenheit haben, dahin zu kommen. Das heißt, Partizipation setzt nicht nur voraus, dass ein Projekt offen ist, sondern ganz banal auch die Möglichkeit, zum Ort, an dem es umgesetzt wird, kommen zu können. Gemeinsam mit Querbeet konnten wir beispielsweise einigen Menschen ermöglichen, an der VOLXtheaterwerkstatt teilzunehmen, weil Querbeet den Transport organisiert und übernommen hat. Das ist etwas, das uns allein überfordern würde.

 

Timna Pachner, Reinhold Tritscher ( 2020): „Partizipation setzt nicht nur voraus, dass ein Projekt offen ist“. Reinhold Tritscher im Gespräch mit Timna Pachner. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 11 , https://www.p-art-icipate.net/partizipation-setzt-nicht-nur-voraus-dass-ein-projekt-offen-ist/