„Gerade in ländlichen Räumen ist es wichtig, mit dem Begriff Feminismus zu arbeiten“

Stefania Pitscheider Soraperra im Gespräch mit Anita Moser über Entwicklungen, Herausforderungen und Teilhabestrategien des Frauenmuseum Hittisau

Das seit 20 Jahren bestehende Frauenmuseum Hittisau ist im Bregenzerwald in Vorarlberg beheimatet – und damit weltweit das einzige Haus dieser Art in einer ländlichen Umgebung. Die Aufgabe des Museums ist, Frauengeschichte und Kulturschaffen von Frauen zu dokumentieren, zu erforschen und sichtbar zu machen und dabei auch breite Bevölkerungskreise vor Ort einzubinden. Welche Strategien kultureller Teilhabe dabei zum Einsatz kommen, zeigt Stefania Pitscheider Soraperra, seit 2009 Direktorin des Museums, im folgenden Gespräch auf. Sie gibt außerdem Einblicke in die Entwicklung des Hauses, in kulturpolitische Herausforderungen und in die Rolle des Museums als Ort der Ermächtigung von Frauen sowie als „Ort der Reibung“. Schwierige Aspekte – etwa die patriarchalen Strukturen, „die hier vielleicht ausgeprägter sind als anderswo“, oder Unterfinanzierung – kommen ebenfalls zur Sprache.

 

Kulturarbeit im ländlichen Raum gewinnt zusehends an Aufmerksamkeit. Die Stärkung von Kunst und Kultur in ländlichen Gebieten wird auch in dem partizipativ erarbeiteten und 2018 präsentierten Kulturentwicklungsplan des Landes Salzburg als einer der zentralen zukünftigen kulturpolitischen Schwerpunkte benannt.

Das finde ich sehr wichtig. Denn ich bin davon überzeugt, dass es eine kulturelle Nahversorgung braucht. Das Urbane und das Ländliche rücken mit den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten zunehmend zusammen. Es ist auch dringend notwendig, dass man den Kulturbegriff erweitert und Kultur als etwas Gesellschaftsimmanentes sieht.

 

Von welchem Kulturbegriff gehen Sie im Frauenmuseum aus?

Wir begreifen Kunst und Kultur als etwas, das das Leben und die Gesellschaft durchdringt. Kultur spielt auf sehr vielen Ebenen eine entscheidende Rolle. Kulturarbeit und die Möglichkeit in Kulturprozessen zu partizipieren, halte ich für sehr wichtig, auch für die Lebensqualität. Das ist gerade für den ländlichen Raum von großer Bedeutung und dort für Frauen ganz besonders. Expertinnen und Experten sind sich einig: Wenn die Frauen abwandern, sterben ländliche Regionen. Ich war vor einiger Zeit im Bergell in der reichen Schweiz. Die Ersten, die von dort weggegangen sind, waren gut ausgebildete junge Frauen. Es bleiben nur mehr Fassadendörfer. Sie sind zwar sehr schön, und reiche Menschen aus Mailand oder Zürich kaufen die Häuser, aber es ist kein Leben mehr dort.

 

Die Soziologinnen Tatjana Fischer und Gerlind Weber haben bereits 2010 in Bezug auf die Steiermark eine Studie gemacht, die das bestätigt: Es sind in erster Linie junge, gut ausgebildete Frauen, die abwandern. Das führt nicht nur zu einer Überalterung, sondern auch dazu, dass patriarchale Strukturen noch stärker werden. Braucht es gerade in ländlichen Räumen verstärkt feministische Kulturarbeit?

Ja. Gerade dort ist es wichtig, mit dem Begriff Feminismus zu arbeiten. Manchmal ist das aber nicht so einfach, denn es gibt einige Kunst- und Kulturvermittlerinnen auf dem Land, die sagen, dass sie natürlich für Gleichbehandlung und Gleichberechtigung auf allen Ebenen sind, aber nicht Feministin genannt werden wollen. Da muss viel Überzeugungs- und Erklärungsarbeit geleistet werden. Was ist Feminismus überhaupt? Was bedeutet das? Zu den Kulturvermittlerinnen sage ich oft: „Eigentlich ist das, was du hier jeden Tag tust, eminent feministische Arbeit.“ Wenn ich Johanna Dohnals Definition von Feminismus heranziehe, können sie dann alle mit. Sie sagte 2004: „Ich denke, es ist Zeit, daran zu erinnern: Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn.“

 

„Ich bin überzeugt davon, dass die Arbeit, die passiert, um das Frauenmuseum aufrechtzuerhalten, bezahlte Arbeit sein muss.“

 

Außenansicht des Museums. Foto: Ines Agostinelli

Anita Moser, Stefania Pitscheider Soraperra ( 2020): „Gerade in ländlichen Räumen ist es wichtig, mit dem Begriff Feminismus zu arbeiten“. Stefania Pitscheider Soraperra im Gespräch mit Anita Moser über Entwicklungen, Herausforderungen und Teilhabestrategien des Frauenmuseum Hittisau. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 11 , https://www.p-art-icipate.net/gerade-in-laendlichen-raeumen-ist-es-wichtig-mit-dem-begriff-feminismus-zu-arbeiten/