Soft Camera

Im Rahmen des Seminars Dialog und soziale Zusammenschlüsse in Kunst und Kultur, das am Programmbereich Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion am Kooperationsschwerpunkt Wissenschaft und Kunst der Universität Salzburg und der Universität Mozarteum im Wintersemester 2019/20 abgehalten wurde, entstand die künstlerische Arbeit Soft Camera in Zusammenarbeit mit Ruth Berleth. Der Lehrveranstaltungsleiter und Künstler Marcel Bleuler lud nach einigen Sitzungen drei Künstlerinnen und Künstler zu einem Workshop-Wochenende ein, um mit uns Studierenden gemeinsame Projekte in Kleingruppen zu realisieren. Stephanie Müller und Klaus Erika Dietl sowie Thomas Schoiswohl standen uns für ein Wochenende zur Seite, um unsere eigenen Ideen für künstlerische Aktionen in der Stadt Salzburg umzusetzen und brachten Vorschläge für gemeinsame Projekte mit.

 

Durchführung des Projekts

Die Arbeit Soft Camera haben Ruth Berleth und ich mit Unterstützung des Künstlerduos Stefanie Müller und Klaus Erika Dietl erdacht und durchgeführt. Sie thematisiert in Vergessenheit geratene Medienskandale, Medienkonsum sowie den Gegensatz zwischen vermeintlicher Öffentlichkeit und tatsächlicher Intimität. Soft Camera wurde am 30. November 2019 in Salzburg durchgeführt. Ausgestattet mit genähten Objekten, die wie eine Fernsehkamera, ein kleines Mikrofon aus Karton und eine Mikrofon-Teleskopstange samt flauschigem Windschutz anmuteten, interviewten Ruth und ich Passant*innen in den Fußgängerzonen der Stadt. Die Objekte ähnelten ihren funktionalen Gegenstücken, dennoch wurde durch die Materialität und die grobe Aufmachung ein irritierendes Moment erzeugt: Die weiche, schwarz bemalte Kamera war gefüllt mit Zeitungspapier. Funktionierende Mikrofone hatten wir nicht in unseren Mikrofon-Attrappen versteckt.

Diese Objekte schulternd, wirkten wir auf den ersten Blick wie ein echtes Kamera-Team; eines von jenen, die für einen Fernsehsender Passant*innen zu verschiedenen Themen befragen. Die Kamera-Attrappe, wenn auch weit entfernt von täuschender Echtheit, zog einige Blicke auf sich. Viele Passant*innen wichen uns aus, hatten augenscheinlich Angst davor, interviewt zu werden, und erkannten in der Eile nicht, dass sie es gar nicht mit einer echten Kamera zu tun hatten. Viele äußerten sich uns gegenüber mit den Worten „Ich bin kamerascheu“ oder „Wo wird das ausgestrahlt?“. Erst bei genauerer Betrachtung unserer merkwürdigen Gerätschaften wurde klar, dass das Interview tatsächlich privat und die Öffentlichkeit des Fernsehens nur gespielt war. Wir befragten Passant*innen zum Thema Medienskandale: Dabei interessierte uns, an welche Skandale aus den letzten Monaten sie sich erinnerten, und auch, welche Skandale ihrer Meinung nach nicht in Vergessenheit geraten dürften.

 

Skandale polarisieren

Ein Skandal, erzeugt durch mediale Berichterstattung und besonders hohes öffentliches Interesse, verbunden mit Erregung und Ärgernis der Bevölkerung, kann den Betroffenen ewig nachhängen. In vielen Fällen scheint jedoch der Skandal ebenso schnell vergeben und vergessen zu sein, wie er die Gemüter zuvor in Wut und Entrüstung versetzt hat. Skandale sind für jedes Nachrichtenmagazin wünschenswert: „Mit lustvollem Entsetzen nähern wir uns dem Skandal. Aber auch das moralisch Verwerfliche, das uns abstößt, entwickelt eine Anziehung eigener Art. Es zieht unsere Gefühle an. Es verlangt ihnen die uralte Unterscheidung ab zwischen Böse und Gut.“ (Hondrich 2002: 15)star (*3) Einen Skandal könne man nicht erzwingen, die spontane Bewegung der Gefühle mache ihn aus, so Hondrich. Und doch ist der Skandal für viele Tagesblätter das Auskommen: „Der Boulevard ist seit jeher auf Empörung abonniert, in Zeiten allgemeiner Boulevardisierung, getrieben unter anderem von Privatfernsehen und Internetmedien, ist sie allgegenwärtig. Inzwischen ist der Skandalbegriff durch seine inflationäre Verwendung tatsächlich entwertet beziehungsweise obsolet, wie Erich Böhme, ehemaliger Chef-Redakteur des Spiegels, urteilt.“ (Bergmann/Pörksen 2009: 18) star (*1) Skandale gibt es tagtäglich in den Redaktionen, die wenigsten lösen jedoch Gefühle in der Bevölkerung aus. Die Konkurrenz zwischen den Sensationsmeldungen ist groß. Aus diesem Grund „steigt in unserer heutigen Mediengesellschaft und der damit einhergehenden Informationsflut die Schwelle, wann ein Ereignis zur Sensation wird, sodass ständig neue Aufmerksamkeitsstrategien herangezogen werden, damit das Ereignis als Sensation überhaupt wahrgenommen und als solche interpretiert wird. Hierbei helfen Skurrilitäten und Tabubrüche.“ (Ganguin/Sander 2006: 10)star (*2) So kann es vorkommen, dass Vorfälle aufgebauscht werden und es zu künstlicher Aufregung kommt. Eine solche Skandalisierung gelingt jedoch nur sehr selten.

 

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Bergmann, Jens/Pörksen, Bernhard (Hg.) (2009): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Köln: Halem.

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Ganguin, Sonja/Sander, Uwe (Hg.) (2006): Einleitung: Sensation, Skurrilität und Tabus in den Medien. In: Sensation, Skurrilität und Tabus in den Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 123-133.

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Hondrich, Karl Otto (2002): Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Mersch, Dieter (2005): Action!. In: Klein, Gabriele (Hg.): Stadt.Szenen. Künstlerische Praktiken und theoretische Positionen. Wien: Passagen Verlag, S. 155-162.

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Möntmann, Nina (2005) Partizipatorische Kunst-Projekte und die Politik des Imaginären. In: Klein, Gabriele (Hg.): Stadt.Szenen. Künstlerische Praktiken und theoretische Positionen. Wien: Passagen Verlag, S. 51-60.

Zoe Vitzthum (2020): Soft Camera. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/soft-camera/