Soft Camera

Gegensätze: Privat oder öffentlich? Objektiv oder Erinnerung?

Angeregt ein Projekt durchzuführen, das nach Möntmann (2005: 155)star (*5) dem „Arbeitsprozess einen gleichrangigen Stellenwert […] [wie dem erarbeiteten] Produkt“ einräumt, nahmen wir Abstand von dem Gedanken, die Antworten der Passant*innen zu dokumentieren. Übrigbleiben sollten bloß die gebauten und genähten Kamera-Objekte und auch diese sollten nach der Performance nicht ausgestellt werden. Wir wollten weder die Gespräche transkribieren noch versteckte Kameras und Mikrofone installieren. Die Privatheit des Gesprächs sollte im Zentrum der Arbeit stehen. Für uns war der Moment der Ambivalenz wichtig, in dem die Gespräche scheinbar – durch Kameras und Mikrofone – öffentlich gemacht werden, beim genaueren Hinsehen jedoch klar wird, dass sie nur im privaten Rahmen stattfinden. Bei einem tatsächlichen Fernsehinterview mit echtem Kamerateam wird das Interview aufgezeichnet. Bild- und Toninformationen werden gespeichert und können wieder und wieder abgespielt, neu geschnitten und selbst nach Jahren aus der Schnittkiste hervorgeholt werden. Bei einem Gespräch unter vier Augen hingegen wird die Information nicht aufgezeichnet, sie ist temporär. Man kann Gespräche bloß aus seiner unvollständigen Erinnerung heraus nacherzählen. Das Gehirn filtert und speichert arbiträre Informationen, Kleinigkeiten dringen nicht ins Bewusstsein vor. Selbst wichtige Informationen werden oft nicht als solche verstanden, missverstanden oder im nächsten Moment vergessen.

Auf das Gehirn ist im Grunde kein Verlass, die Datei hingegen zeigt, was das Objektiv gefilmt hat. Hier werden Kleinigkeiten aufgezeichnet, etwa das Zucken einer Augenbraue oder das Räuspern zwischen zwei Sätzen. Aus diesem Grund empfinden es manche Menschen als schwierig, sich vor einer Kamera zu zeigen. Sie verzeiht nicht, sie filmt alles und das unparteiisch. Diese Eigenschaft macht den Film zu einem gefährlichen Medium. Man lässt sich leicht dazu hinreißen, Film und Fotographie als objektive Medien zu betrachten. Das daraus hervorgehende Material wird jedoch vielfach für die Verbreitung manipuliert. Das muss nicht in böser Absicht geschehen: Oft werden Gesprächsstellen herausgeschnitten, um nur das zu zeigen, was unterhält. Kurze Einblendungen von Bildmaterial – beispielsweise Videoclips, oder Lauftexte am Bildschirmrand – liefern der/dem Zuseher*in zusätzliche Informationen zum Gesprochenen und vermögen es, Gesagtes in einen neuen Kontext einzuschreiben.

 

Die offene Straße als politischer Raum

Die Innenstadt als exemplarischen öffentlichen Raum auszuwählen, schien schlüssig. Ziel des Projektes war es, Passant*innen auf die Wahrnehmung von Nachrichten und Medien aufmerksam zu machen. Filmteams mit Fernsehkameras können oft beim Interviewen von Passant*innen beobachtet werden. Während manche Menschen diese Aufmerksamkeit genießen, entschuldigen sich andere und eilen weiter. Ein Kamerateam zieht jedoch immer Aufmerksamkeit auf sich, sein Auftreten ist stets eine Besonderheit im Stadtraum. Diesen Effekt haben auch wir für unser Projekt genutzt.

Der öffentliche Raum hat viele Funktionen, die sich im Laufe der Zeit stark gewandelt haben. Heute ist er vorwiegend ein Raum für Konsum und Verkehr, so Mersch: „Keineswegs präsentierte sich daher der öffentliche Raum per se als ein Ort demokratischer Selbstbeschreibung, wie seine emphatische Lesart nahe legt, auch nicht als Stätte der Freiheit und des Aufruhrs; […] [Die städtischen Räume avancierten zu] Umschlagplätzen für Presse und Flugblattaktionen, die den späteren Barrikaden und Demonstrationen vorangingen, wie sie sich in Austragungsstätten politischer Interessen verwandelten, die in der ‚negativen Politik’ der Straße, der Gegenöffentlichkeit in Form einer Unterbrechung der Abläufe, ihre wirksamste Kraft entfalteten. Erst dadurch konstituierte sich ‚Öffentlichkeit’ in jenem politisch-emphatischen Sinne, worin der Raum seine Identität und seine durchgehende Bedeutung als Bühne gewann.“ (Mersch 2005: 54f.)star (*4) Der öffentliche Raum war zentral im Kontext von und für Demonstrationen und politische(n) Aktionen, da eine temporäre Gemeinschaft auf den Straßen als Kraft wahrgenommen wird. Das gemeinsame Eintreten für eine Sache kann Aufmerksamkeit generieren und weitere Leute zur Beteiligung auffordern.

 

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Bergmann, Jens/Pörksen, Bernhard (Hg.) (2009): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Köln: Halem.

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Ganguin, Sonja/Sander, Uwe (Hg.) (2006): Einleitung: Sensation, Skurrilität und Tabus in den Medien. In: Sensation, Skurrilität und Tabus in den Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 123-133.

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Hondrich, Karl Otto (2002): Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Mersch, Dieter (2005): Action!. In: Klein, Gabriele (Hg.): Stadt.Szenen. Künstlerische Praktiken und theoretische Positionen. Wien: Passagen Verlag, S. 155-162.

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Möntmann, Nina (2005) Partizipatorische Kunst-Projekte und die Politik des Imaginären. In: Klein, Gabriele (Hg.): Stadt.Szenen. Künstlerische Praktiken und theoretische Positionen. Wien: Passagen Verlag, S. 51-60.

Zoe Vitzthum (2020): Soft Camera. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/soft-camera/