Den Ausstellungsraum und die Kunst sozial durchlässig machen: Shedhalle Zürich 2019-2020

Marcel Bleuler im Gespräch mit Mirjam Bayerdörfer und Franz Krähenbühl

Das ist ein sehr wichtiger Punkt.

Franz Krähenbühl: Kürzlich ging ich mit einer Schulklasse ins Kunsthaus in Zürich, um die Olafur Eliasson-Ausstellung anzuschauen. Die Teilnehmer*innen waren etwa 20 Jahre alt. Olafur Eliasson ist ein Künstler, der stark mit dem Erlebnis und dem Überwältigt-Sein spielt. Aber die ganze Ausstellung war so reguliert, dass das Publikum sich gar nicht in das Erlebnis hineinbegeben konnte. Es liefen sehr viele Ausstellungsaufsichten herum, die ständig nörgelten, man solle nicht zu nahekommen, man soll weitergehen, sich nicht auf den Boden legen usw. Natürlich gab es auch Linien am Boden, hinter die man sich nicht bewegen durfte. Ein Beispiel, wo ich mir denke: „Hey, damit befeuert ihr wirklich diese Distanziertheit im Kunstfeld.“ Die Kunsthäuser reden ja auch die ganze Zeit davon, dass sie über eine gewisse Schwellenangst nicht hinwegkommen.

 

Und das beißt sich in diesem Fall ja auch sehr mit dem Anspruch, für den der Künstler Olafur Eliasson steht.

Franz Krähenbühl: Völlig.

 

„Kinder wirken als extremer Katalysator“

 

Es dürfte inzwischen deutlich geworden sein, dass ihr diese Distanziertheit nicht reproduzieren wollt. Ich fände spannend, noch einmal auf die konkrete Umsetzungsebene zu kommen und jetzt auf das Projekt mit Karton einzugehen.

Mirjam Bayerdörfer: Gern. Die Frage war – ähnlich wie bei 13 Kubikmetern Sand –, was wir dem Raum, der Übermacht der Architektur, der Weißheit der Wände und der Leere entgegensetzen können. So sind wir auf die Idee gekommen, eine neue Shedhalle in der Shedhalle zu bauen bzw. die existierende Shedhalle gemeinsam mit allen, die Lust haben, zu überbauen. Wir haben eine Bauleitung aus vier Künstler*innen zusammengestellt, die mit uns ein Konzept entwickelt haben: Baumaterial Karton, Baustellenordnung, Präsenzzeiten – zentral war vor allem, unter welchen Bedingungen Besucher*innen mitbauen können, welche Regeln es gibt und wo es eben auch keine Regeln gibt. Im Laufe von sechs Wochen wurden dann große Mengen an Karton, fast alles Recyclingkarton, durch die Bauleitung und die Besuchenden gemeinsam verbaut. Dabei gab es keinen Masterplan, keine Vorgaben, wo etwas entstehen soll oder welche Art von Bauten erlaubt sind oder nicht. So gab es jeden Tag eine neue Etappe, die nicht vorhersehbar war. Wer baut wo weiter? Wie viele bauen gleichzeitig? Wie viel entsteht? Welche Baukonzepte und Konstruktionsmodelle sind gültig? Mit der Zeit entstand so eine Art Mischung aus Landschaft und begehbarer Architektur.

 

Und da könnte man wahrscheinlich wieder dasselbe sagen wie zum Sand, nämlich dass dieses unmittelbare Verständnis, worum es hier geht und was man machen kann, vorhanden ist. Man kann über diese unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material einsteigen oder man könnte es auch in einen Diskurs überführen.

Franz Krähenbühl: Genau. Beim Karton haben wir bereits versucht, einen Schritt weiter zu gehen. Letztendlich sind wir auf dieses konstruktive Material gekommen, weil Sand wieder zu Grundstaub verfällt. Die Idee war, etwas weiterzubauen, auf das man reagieren muss. Die Idee der Nachhaltigkeit war insofern gegeben, als man nicht zu schnell bauen konnte, weil sonst alles zerfiel. Rein physisch hätte es sonst nicht gehalten. Der Überbau, den wir in diesem Projekt gegeben hatten, war diese Vorstellung von Bauraum, Stadtraum, das Gefühl von Überbauung, nicht mehr eine Übersicht zu haben. Deshalb haben wir auch „überbaut“ in dieser Wortschöpfung verwendet.

Mirjam Bayerdörfer: Hier muss ich ergänzen, dass das kein hochdeutsches Wort ist. Man kennt „Überbauung“ – als Wort für eine Siedlung nicht. Das ist sehr schweizerisch.

Franz Krähenbühl: Aber dieses „über“ war durchaus wichtig. Es gibt nicht mehr die Ordnung, sondern es gibt das „Über“ – dieses Über-Formen. Nicht die „Über“-Ordnung, sondern quasi die „Über“-Forderung. Das war das eine. Das andere war, dass wir das Regelwerk gemacht oder festgelegt haben, wie die Leute teilnehmen dürfen oder können. Wir haben die Regeln letztlich weicher umgesetzt als zuerst geplant. Fest stand eigentlich, dass die Leute sich mindestens zwei Stunden Zeit nehmen müssen, um zu bauen. Es sollte nämlich nicht so sein, dass Leute kommen, irgendwo einen Karton ankleben, dann wieder gehen und sagen, sie hätten etwas gemacht. Wir haben es fast etwas pathetisch aufgeladen und gesagt, dass es ein gemeinsames Bauen, ein gemeinsames Haus und eine kollektive Idee ist. Da steckte vielleicht fast eine sozialistisch anmutende Idee dahinter: Wenn man teilnimmt, wird man zu einem Teil der Gemeinschaft, man hat Verantwortung gegenüber den Nachfolgenden und für jene, die bereits gebaut haben. Es war schon fast wie ein Gesellschafts- oder ein Generationenmodell, das wir auf diesem Wege etwas hineingeflochten haben und einen möglichen Diskurs angedeutet haben, der in dem Fall noch nicht so deutlich war.

Mirjam Bayerdörfer: Ich möchte noch etwas anfügen, was mir bei beiden Projekten – also dem mit dem Sand und dem mit dem Karton – sehr im Kopf geblieben ist, nämlich die Rolle von Kindern in dem Ganzen. Das hat einerseits sicher damit zu tun, dass Franz und ich beide Spiele und Spielregeln insgesamt schätzen, vor allem auch wenn sie in der Kunst auftauchen. Aber es führt auch wieder zur Frage nach Hemmschwellen und dem Umgang mit unbekannten Settings zurück. Bei der Kartonüberbauung habe ich es erlebt, dass vier, fünf Kinder allein in die Shedhalle hineingerannt sind. Die Mütter saßen draußen in der Sonne und sahen wenig Grund dafür, sich bei dem schönen Wetter drinnen aufzuhalten und an irgendetwas zu bauen. Die Kinder hingegen waren felsenfest davon überzeugt, dass sie hier sein und arbeiten müssen und haben das entsprechend eingefordert. Kinder werden also zu Katalysatoren bei der Frage: Wer überwindet eine bestimmte Art von Unsicherheit, wenn er mit etwas Neuem konfrontiert ist und nicht weiß, wie das einzuordnen ist oder wie man sich dazu verhalten soll?

Marcel Bleuler, Mirjam Bayerdörfer, Franz Krähenbühl (2020): Den Ausstellungsraum und die Kunst sozial durchlässig machen: Shedhalle Zürich 2019-2020. Marcel Bleuler im Gespräch mit Mirjam Bayerdörfer und Franz Krähenbühl. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/shedhalle-zuerich-2019-2020/