Kritische kulturelle Produktion im Kontext von Cultural Studies und Cultural Citizenship

Cultural Studies: Kultur als „a whole way of life“

Der englische Kulturwissenschaftler Raymond Williams hat 1958 Kultur als „a whole way of life“ beschrieben, womit er den Grundstein für die Cultural Studies legte. Diese Definition wird deshalb so oft zitiert, weil sie einen Paradigmenwechsel kennzeichnet, indem sie sich bewusst gegen die damalige und bis heute wirkende Gleichsetzung von Kultur mit Hochkultur wandte. Stattdessen betont Williams in seiner Definition, dass Kultur als ‚ganze Lebensweise‘ in alltäglichen Gewohnheiten, Handlungen und Gegenständen ihren Ausdruck findet. Williams‘ Definition beinhaltet damit in zweierlei Hinsicht eine Neuverortung. Während der Begriff der Hochkultur mit Produkten und Artefakten wie literarischen Texten, musikalischen Kompositionen oder Werken der bildenden Kunst stark verbunden ist, fokussiert Williams demgegenüber vor allem auf jene Praktiken und Prozesse, die zur Entstehung bestimmter Werke und Produkte und ihrer Bewertung als Kunst führen. Darüber hinaus wird Kultur damit auch aus der Bindung an eine privilegierte Schicht/Klasse befreit, die kulturelle Artefakte in Auftrag gibt und für sich reklamiert. Mit dieser Verschiebung hin zu einem weiten Kulturbegriff öffnete Williams das Feld für die Cultural Studies, die nun auf Alltags- und Populärkultur fokussierten und Arbeiter-, Jugend-, Mädchen- und Subkulturen untersuchten. Wichtig war dabei auch ein Blickwechsel von der (bis dato dominierenden) Erforschung des Konsumverhaltens hin zu Menschen als ‚Cultural Producers‘, die Kultur herstellen und dabei ihre Identitäten entwerfen. So etwa hat Angela McRobbie (McRobbie/Garber 2006 [1975]; McRobbie 1991, 2010)star (*31)star (*29)star (*30) weibliche Subkulturen und kulturelle Praktiken von Mädchen und jungen Frauen*, zum Beispiel in Bezug auf Musik und Tanz oder die Produktion von Magazinen, untersucht und diese damit als eigene Kultur überhaupt erst sichtbar gemacht.

Kultur wird in den Cultural Studies als Teil des Alltags verstanden und findet in der gelebten Alltagspraxis verschiedener Gruppen und Klassen ihren Ausdruck. Mit dem Verständnis von Kultur als ‚ganzer Lebensweise‘ eröffnen sich andere Fragen als die, die im Hinblick auf künstlerische und kulturelle Prozesse zuvor gestellt wurden: Welche Rolle spielt (Populär-)Kultur im Selbstverständnis von Gesellschaften und Gruppen? Wie wird durch Kultur Macht ausgeübt und Ungleichheit hergestellt? Wie wird im Alltag Kultur angeeignet und produziert? Welche Partizipationsmöglichkeiten können sich dadurch eröffnen? Wie geschehen kulturelle Ausschlüsse und kulturelle Interventionen?

Diese Fragen lassen sich auf ein weitgefächertes Spektrum an Praktiken anwenden, die der Kulturbegriff der Cultural Studies umfasst:

„In cultural studies traditions, then culture is understood both a way of life – encompassing ideas, attitudes, languages, practices, institutions, and structures of power – and a whole range of cultural practices: artistic forms, texts, canons, architecture, mass-produced commodities, and so forth.“(Grossberg/Neslon/Treichler 1992: 4)star (*9)

Dieser Kulturbegriff ist eingebettet in ein übergreifendes politisches Ziel, Gesellschaftveränderung im Sinne von Demokratie, Inklusion und Emanzipation aller Menschen zu erreichen. Kerstin Goldbeck (2004)star (*7) charakterisiert die Cultural Studies wie folgt:

„Bei den Cultural Studies handelt es sich um ein intellektuelles Projekt, das sich alltäglichen kulturellen Praktiken widmet und sie in ihrer kontextuellen Einbettung mit besonderem Blick auf die kontextspezifischen Machtverhältnisse analysiert. Cultural Studies arbeiten interdisziplinär und wollen politisch Möglichkeiten bereitstellen, die eigenen gesellschaftlichen Kontexte zu verändern.“ (Ebd.: 28)

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Mörsch weist darauf hin, dass verschiedene Bewegungen an der Erweiterung des Kulturbegriff beteiligt waren, wie „die europäischen Bewegungen der Arbeiterbildung, […], die sich gegen die ‚musische Bildung’ abgrenzende ‚kulturelle Bildung’ in der BRD, die lateinamerikanische Befreiungspädagogik oder die Widerstandsbewegungen der Dekolonisierung und der Indigenen“ (Mörsch 2016: o.S.).

Dieser Text wurde erstmals veröffentlicht in: Zobl, Elke/Klaus, Elisabeth/Moser, Anita/Baumgartinger, Persson Perry (2019): Kultur produzieren. Künstlerische Praktiken und kritische kulturelle Produktion. Bielefeld: transcript.

Er fußt auf verschiedenen am Programmbereich geleisteten Vorarbeiten und Publikationen. Neben den im Text zitierten, sind das u.a. Lang 2015a; Lang/Zobl 2015; Lang/Klaus/Zobl 2015; Zobl/Lang 2012.

Der Begriff der Hegemonie wird in den Cultural Studies von Gramsci übernommen. Er findet heute auch von rechtsextremen Gruppen, wie etwa den Identitären und bei der AFD Verwendung. Hier zeigt sich, dass die Bewegungsforschung solche antiemanzipatorischen Bewegungen zu wenig berücksichtigt hat, denn diese haben eine ebenso lange Tradition wie die Freiheits-, Emanzipations- und Demokratiebewegungen.

Dies ist der Grund, warum wir den Begriff Citizenship verwenden und nicht den deutschen Begriff Staatsbürgerschaft, der weiterhin an den Nationalstaat und politische Beteiligungsrechte gebunden ist.

Vgl. zu dem Konzept auch und ausführlicher Richard Sennetts Respekt im Zeitalter der Ungleichheit (2007).

Elisabeth Klaus, Elke Zobl (2020): Kritische kulturelle Produktion im Kontext von Cultural Studies und Cultural Citizenship. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/kritische-kulturelle-produktion/